Schweigespirale im Internet

Netzkultur Laut einer neuen Studie kommt es vor allem in sozialen Medien zu Selbstzensur statt zu Meinungsvielfalt. Viele orientieren sich nur an den Ansichten der Freunde
Ausgabe 36/2014
Die Furcht vor der schrittweisen Isolation – die Schweigespirale in sozialen Netzwerken
Die Furcht vor der schrittweisen Isolation – die Schweigespirale in sozialen Netzwerken

Foto: Cristina Arias/ Cover/ Getty Images

Sie gilt als Segen und Fluch, die Heterogenität und Meinungsvielfalt des Internets. Hier finden sich intelligente Gegenöffentlichkeiten genauso wie Verschwörungstheorien und maßlose Anfeindungen. Das US-amerikanische Pew Research Center relativiert durch eine Studie jetzt aber die Idee des völlig freien Austauschs der Meinungen im Netz. 1.801 Personen wurden dafür über ihre Bereitschaft befragt, in sozialen Medien ein polarisierendes Thema zu kommentieren.

Bei der Auswertung griffen die Wissenschaftler auf ein altes Modell der Kommunikationsforschung zurück: Elisabeth Noelle-Neumanns Schweigespirale aus den 70ern. Menschen haben demnach Angst, ihre Meinung im Bekannten- und Freundeskreis zu äußern, wenn sie vermuten, dass diese von jener der Mehrheit abweicht. Dieses Prinzip gibt es offenbar auch in einer digitalen Variante. Die Befragten gaben an, Meinungsäußerungen, die denen ihrer Freunde widersprechen, eher zu vermeiden. Im Internet wirkt die Schweigespirale außerdem besonders stark. Personen, die in sozialen Medien besonders aktiv sind und dadurch besonders viele Kommentare von Freunden und Bekannten lesen, verspüren den sozialen Druck stärker als andere. Die meisten Befragten wollen ihre Ansichten deshalb lieber persönlich vertreten als in sozialen Medien.

Wie jede Studie muss aber auch diese vorsichtig betrachtet werden. Das Prinzip der sozialen Erwünschtheit gilt wohl nicht, wenn man seinen Beitrag unerkannt verfassen kann. Die Kommentarlisten auf Youtube und Konsorten zeugen ja davon, wie jede Etikette im Schutz der Anonymität verloren geht. Weiterhin blenden die Forschungsergebnisse aus, dass die Konsensbildung auf einer anderen Ebene schon viel früher beginnt. Die meisten Menschen suchen sich Freunde, die ohnehin nur das eigene Weltbild spiegeln. Auch Verschwörungstheoretiker haben Kollegen, die sich gegenseitig versichern, beim Aufdecken dunkler Machenschaften auf der richtigen Spur zu sein.

Die Studie zeigt, wie im Internet unsichtbare Selbstzensur stattfinden kann und dass die Diskussionskultur in sozialen Medien immer fragil ist. Worte müssen klug gewählt sein, sonst wird schnell etwas losgetreten. Bei harten Meinungskämpfen zögern dann gerade wegen der Zuspitzung viele, differenziertere Positionen öffentlich zu machen. Geht es um komplexe Themen, kann man sich im direkten Gespräch eben oft am besten erklären. Hier, unter Freunden, zeigt sich, dass wir manchmal radikaler sind, als es das Netz erlaubt.

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