Von Leistung, Arbeit und Glück

Bildungsideale Wenn eine Schulen versucht, um die Gunst der Eltern zu werben, dann tauchen plötzlich die fragwürdigsten Aussagen in ihrem Schulprogramm auf.
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Heute Abend habe zufällig ich den Spielfilm Eine Liebe für den Frieden im Ersten gesehen, der Bertha von Suttner (und nebenbei Alfred Nobel) portraitiert. Zweifelsohne eine bemerkenswerte Frau, aber um sie soll es hier nicht gehen.

Weil ich in Erinnerung hatte, dass es ein Berliner Gymnasium mit ihrem Namen gibt, habe ich mir dessen Internetseite angeschaut. Es heißt dort in den Leitlinien:

Schaffen eines Lernklimas, in dem der Begriff ,Leistung‘ als zentraler Wert angesehen wird

Diesen Satz kann man durchaus mehrdeutig verstehen. Gemeint ist er vermutlich (hoffentlich!) positiv, also als Betonung messbarer Leistung gegenüber subjektiver oder schwer beurteilbarer Qualitäten – sofern man das denn positiv nennen kann. Es geht um Fairness. Sicher wäre ich mir beim Lesen allerdings nicht. Alternativ könnte hier nämlich klar Position bezogen werden für eine Erziehung im Sinne der Leistungsgesellschaft. Warum man sich das als Bildungseinrichtung freiwillig auf seine Fahnen schreiben sollte, wäre mir schleierhaft.

Die Leitlinien lesen sich weiter:

Vermittlung von Schlüsselqualifikationen für die erfolgreiche Bewältigung von Schule, Studium und Beruf

Die „Bewältigung von Schule, Studium und Beruf“ … Da lief es mir kalt den Rücken herunter. Hier schreibt die Generation X über Werte, die die Generationen Y und Z schon lange nicht mehr interessieren. Ich muss diese drei Elemente meines Lebens nun also „bewältigen“. Dabei haben wir doch endlich vernünftigerweise begonnen, mal über Glück zu sprechen, in unserer postindustriellen Wohlstandsgesellschaft, in der ich mir bei schier unbegreifbarer Berufsvielfalt mehr als einmal in meinem Leben aussuchen kann, welchen aufregenden Weg ich einschlagen möchte, anstatt am Anfang zu entscheiden, an welchem Fließband ich es beenden möchte. Und überhaupt fragt man sich, wo in diesen Leitlinien denn mal vom Leben gesprochen wird. Tja, schade. Ist ja auch nicht so wichtig.

Soweit mir bekannt, wird ein Leitbild bzw. Schulprogramm durch den jeweiligen Lehrkörper entwickelt und beispielsweise in Berlin seit einigen Jahren verpflichtend von den Schulen gefordert. Konsequenterweise – wie ich finde – mache ich mir nun große Sorgen darum, wie an dem Europäischen Gymnasium Bertha-von-Suttner wohl unterrichtet wird!

Parallel erschienen im Machen wir Morgen Blog.

01:13 04.01.2015
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