Klassenkampf im Fußballland

FC Bayern Nachbetrachtung der Jahreshauptversammlung: Ein Fan aus der Südkurve München macht sich Gedanken über seinen Verein, die Fußballindustrie und die Möglichkeit eines Vereinsfußballs, der von den eigenen Fans geführt wird
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Klassenkampf im Fußballland
Bemühungen kritischer Fans und Ultras, der Kommerzialisierung Einhalt zu gebieten, verlaufen im Sande

Foto: Adam Pretty/Getty Images

Die Jahreshauptversammlung des FC Bayern München e.V. am 25.11.2021 war ein Lehrstück für das, was Fußballmanager und Vereinsvorstände für Fans und Vereinsmitglieder übrig haben. Ein Lehrstück, das in den letzten Monaten und Jahren schon mehrfach aufgeführt wurde: Das Konglomerat aus internationalem Kapital, Fan- und kapitalstarken Fußballvereinen, von diesen dominierten Verbänden und dem Kreis von Fußballmanagern und -funktionären hat sich zu einer „Parallelgesellschaft“ entwickelt.

Seit vielen Jahren verlaufen Bemühungen seitens kritischer Fans und Ultras, dieser Entwicklung durch Reformen Einhalt zu gebieten, im Sande. Die letzte Option, die bleibt: Kompromisslose Opposition mit der Perspektive, das Gebilde der Fussballindustrie als Ganzes zu zerschlagen und den Funktionären bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Suppe zu spucken. Unwahrscheinlich, dass eine aufständische Opposition von sofortigem Erfolg gekrönt sein wird. Die Realität eines mehr und mehr entfremdeten und entstellten Produkts wird jedoch zunehmend von vielen Fans abgelehnt. Wie eine selbstverwaltete und gelebte Fußballkultur konkret aussehen könnte, dass müsste Teil der Diskussionen zwischen den organisierten Fans und ihren Bündnissen sein. Der moderne Fußball stellt uns vor die Frage, wie wir den Sport und die ihn umgebende Fankultur aus dem Einfluss des Kapitals, der kommerziellen Verwaltung und der dafür notwendigen Repression befreien. Wer, wenn nicht die organisierten Fans sollten an vorderster Front dieses Kampfes stehen?

Die vergangene JHV war in dieser Auseinandersetzung ein kurzer Augenblick, eine Situation unter vielen. Jedoch eine, die als Niederlage der Funktionäre gewertet werden kann. Diese hatten an diesem Tag so geringen Rückhalt, dass völlig offensichtlich wurde, was normalerweise als unmöglich erscheint: Die Fans und Mitglieder sind, wenn sie zusammenstehen, durchaus in der Lage, das Monopol der Entscheidungsfindung und Verwaltung zu untergraben. Könnte diese Versammlung, wenn wir uns erlauben weiter zu denken, vielleicht sogar auf die Möglichkeit eines fangeführten Vereinsfußballs hindeuten? Nicht bloß als passive Mitglieder, die, wenn sie Glück haben, auf einer Jahreshauptversammlung dazu kommen, die Menschenrechte gegen den Vorstand in die Satzung aufzunehmen. Sondern in Form einer Vereinsstruktur, in der die aktiven Mitglieder das Vereinsleben von A bis Z bestimmen, in gemeinschaftlicher Selbstverwaltung. Einer der Vorstände hatte sich zum Aspekt der Fanmitbestimmung dahingehend geäußert, dass es ja nicht so weit kommen dürfe, dass die Mitglieder darüber bestimmen, welche Spieler verpflichtet, mit welchen Sponsoren kooperiert, kurz, wie die Alltagsgeschäfte des Vereins geführt werden. Genau diese schlimmste Befürchtung sollten wir den hohen Herren wahr machen, sie in ihrer Funktion überflüssig machen.

Warum braucht ein Fußballverein ein Management, das sich von dem eines Sportartikelherstellers kaum unterscheidet? Sicherlich nur, weil es einigen wenigen Menschen möglich ist, mit unserer Leidenschaft, unserem Fansein und unseren Vereinen Geld und mehr Geld zu machen, sowie persönliche Großmachtphantasien zu verwirklichen. Für die Umsetzung eines an der Fanbasis und an einem solidarischen Sport orientierten Fussballs bleibt so kein Spielraum. So wie in der Gesellschaft das Kapital und die mächtigen Herren alle Bereiche der Kultur mit ihren Unternehmen und Repressionsbehörden besetzen und den Gesetzen des Marktes folgen, so stellt auch der Profifußball mit seiner Fankultur keine Ausnahme dar. Es ist ein lohnendes Geschäft, mit den Leidenschaften der Fans Geld zu machen. Was kann es anderes bedeuten, wenn wir sagen: „Gegen den modernen Fußball!“, als das Kapital und seine Funktionäre zu verjagen und dem Sport und der um ihn herum beheimateten Kultur Raum zur Entfaltung zu geben?

Der Weg dorthin ist lang. Doch würde eine radikale, basisorientierte und weitsichtige Perspektive die Möglichkeit bieten, die alltäglichen Kämpfe strategischer zu führen und sich nicht von „großzügiger“ Kompromissbereitschaft, die letztlich jedoch nur das System retten soll, den Kopf verdrehen zu lassen. Katar ist ein Thema, an dem man sehen kann, dass Fans durchaus in der Lage sind, dem Vorstand Sand ins Getriebe zu werfen, die eigene Solidarität zu stärken und die Schärfe des Angriffs auf das System des kommerziellen Fußballs zu erhöhen. Katar ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Schneller als wir denken, wird der Verein die Zeichen der Zeit erkennen und diesen Vertrag kippen bzw. nicht verlängern. So meldete sich bereits einen Tag nach der JHV der Vereinspräsident Herbert Hainer bei Michael Ott, dem Antragssteller zur Auflösung des Katar-Sponsoringvertrages, zu einem persönlichen Gespräch. Darüber hinaus müsste es auch darum gehen, von Seiten der organisierten Fans entwickelte Vorstellungen zu schärfen, wie ein ‚Fußball von unten' aussehen sollte. Dieser dürfte weder in einer Glorifizierung des Amateurgedankens bestehen, noch in einer Rückbesinnung auf vergangene, angeblich bessere Zeiten.

Katar ist nur ein besonders prägnanter Ausdruck des Klassenkampfs im Fußballland, mit hunderten toten nepalesischen Arbeitern auf den Baustellen der zukünftigen WM-Stadien. Kritiker*innen haben Recht, wenn sie bemerken, auch andere Sponsoren hätten Dreck am Stecken. Zynisch wird es aber dann, wenn diese Einsicht einen Wettstreit auslöst, ob es besser sei, mit einem Sponsor herumzulaufen, dessen Arbeiter in der Gluthitze Katars von den Gerüsten fallen oder – wie im Falle Adidas – Arbeiterinnen, nicht selten minderjährig, zu einem Hungerlohn Turnschuhe in den Sweatshops Bangladeschs produzieren lässt. Vielmehr sollten wir die gegenwärtige Situation dafür nutzen, darüber ins Gespräch zu kommen, wie wir uns a) mit den Arbeiter*innen, die international in der Fußballindustrie ausgebeutet werden, solidarisch in Verbindung setzen könnten und b) die Arbeitsbedingungen ‚unserer Klubs‘ unter die Lupe zu nehmen. Der öffentlich gewordene Fall eines rassistischen Trainers am FC Bayern Campus lässt grüßen.

Ein fangeführter Vereinsfußball müsste dem Ziel folgen, auf jeder Ebene, angefangen im Inneren des Vereins, bis in die Turniersysteme des europäischen und weltweiten Fußballs, die Vermarktung zu unterbinden und eine Struktur des solidarischen Ausgleichs zwischen den Vereinen zu schaffen, die den Sport fördert und nicht dem Profit der wenigen Topspieler, Manager und Investoren verpflichtet ist. Wo die Mechanismen des Marktes den Ton angeben, wird der Einfluss der kleinen Vereine und einfachen Mitglieder zwangsläufig untergraben. Die Fankultur sollte wieder Motor des Fußballs sein; ohne (überteuerte) Tickets, ohne TV-Übertragungsrechte und ohne Fanshops mit allerhand Schrott. Auch der Profisport verschlechtert sich nicht, wenn nicht einige wenige Topstars unüberschaubare Mengen an Geld auf ihren Konten ansammeln. Die – rasant voranschreitende – Kommerzialisierung sorgt im Gegenteil für eine Konzentration der besten Spieler*innen in einigen wenigen Topclubs und untergräbt die Qualität der Ligen zugunsten der Monopolstellung weniger Vereine.

Der fangeführte Vereinsfußball ist so gesehen ein Konzept und ein Leitbild, das sich diametral dem herrschenden Model des modernen Fußballs entgegenstellt. „Aktiver Fußballfan“ in diesem Sinne würde bedeuten, voranzugehen und vermeintlich Unmögliches in den Raum zu stellen. Die inoffiziell gehaltene Rede eines Vereinsmitgliedes, nach dem vom Vorstand verkündeten Ende der offiziellen Mitgliederversammlung, ist ein erster Schritt in diese Richtung. Die Mitglieder versammelten sich und tauschten sich untereinander aus. Nicht der Vorstand bestimmt über die Versammlung, sondern die Fans.

Football is for you and me and not for fucking industry!

Von: Henri, Fan aus der Südkurve München

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Von Ralf Heck (twitter.com/Ralf__Heck). Aktueller Artikel: Die italienische Liga ist längst nicht mehr die schönste der Welt (NZZ am Sonntag 27.01.)
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