Trump, die NPD und Mahler auch für Atheisten

Klassik anti-national Ein Flugblatt, das ich am Tag von Donald Trumps Amtseinführung vor dem Erfurter Sinfoniekonzert verteilt habe. Eine ästhetische und "transzendente" Polemik.
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Als Anwendung meiner Bemerkungen "Zu einem verständlichen Christentum" hier eine Kritik an Donald Trumps Nationalismus, Ego-Kapitalismus und gefährlicher Außenpolitik. Sie ist mit dem Vertrauen verbunden, dass humanistische Kräfte stärker sein werden - und Trump vielleicht schon vorzeitig durch ein impeachment abgesetzt wird. Davon wurde gestern wieder konkreter geredet, anlässlich der Veröffentlichung von FBI-Ermittlungen wegen Wahlkampf-Beziehungen zur russischen Regierung. Allerdings ist die damit verbunden Russland-Feindschaft gefährlich. Hier der Text (auf dem Programm übrigens außerdem das G-Dur-Violinkonzert von Mozart):

Zum Abschluss des heutigen Sinfoniekonzerts werden wir in Mahlers 4. Sinfonie ein Gedicht aus “Des Knaben Wunderhorn” hören:

Das himmlische Leben

Wir genießen die himmlischen Freuden
D'rum tun wir das Irdische meiden.
Kein weltlich Getümmel
Hört man nicht im Himmel! .../...

Gut' Kräuter von allerhand Arten
Die wachsen im himmlischen Garten
Gut' Spargel, Fisolen
Und was wir nur wollen.

Singstimme mit kindlich heiterem Ausdruck; durchaus ohne Parodie.

Ich habe nicht mehr diesen “kindlichen” Glauben an ein real existierendes Paradies. Als Atheist halte ich mich an Erfahrbares. Trotzdem sagt mir die traditionelle christliche Orientierung an einem Jenseits etwas. Diese Transzendenz bedeutet Vorläufigkeit und Unzulänglichkeit des
Bestehenden.

Zum Beispiel findet heute in Washington ein “weltlich Getümmel” statt: Die Amtseinführung des neuen Präsidenten der USA. Ein solches demokratisches Ereignis wird sich nicht gerade ewig wiederholen, darf aber durchaus Bestand haben. Persönlich-politisch dagegen wünsche ich Herrn Trump und seiner “Bewegung” größtmöglichen Widerstand und baldiges Scheitern – vielleicht schon durch ein impeachment infolge eines rücksichtslosen Rechtsbruchs?

Vielleicht möchten Sie ebenfalls beim heutigen Musikgenuss darüber meditieren, was “himmlische Freuden” für Sie und andere bedeuten.

  • Sicher keine Mauer nach Mexiko, Handelskriege oder Strafzölle für Firmen, die im ärmeren Mexiko statt in den reichen USA produzieren.
  • Wenn Sie europäische Abgrenzung gegenüber Flüchtlingen und ArbeitsmigrantInnen für notwendig halten: Wie lassen sich dennoch Integration, Offenheit und Solidarität aufrecht erhalten? Durch schnellen Aufbau ausreichend großer legaler Einreisemöglichkeiten?
  • Wie kann es “Spargel, Fisolen und was wir nur wollen” für alle in Deutschland geben (und der Welt: laut “Oxfam” haben die 8 reichsten Menschen ein Vermögen wie 50% der Weltbevölkerung!)? Ein bedingungsloses Grundeinkommen, stärkere Teilhabe in der Wirtschaft, Ausweitung des Genossenschafts-Modells?

Sicher, alles lässt sich nicht sofort realisieren. Aber Weltflucht, sich in ein Jenseits wegträumen – wie sich das “Wunderhorn” auch interpretieren lässt – ist unsolidarisch und keine persönliche Lösung.

Verwandtes Thema: Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, begründete am 17.1.2017 die Ablehnung des Verbots der NPD: “Nach einstimmiger Auffassung des zweiten Senats verfolgt die NPD zwar verfassungsfeindliche Ziele, es fehlt aber derzeit an konkreten Anhaltspunkten von Gewicht, die es möglich erscheinen lassen, dass ihr Handeln zum Erfolg führt.” Das ist eine schallende Ohrfeige, die souveräne Feststellung der Bedeutungslosigkeit von menschenverachtendem Rassismus (nicht einzelner Taten), des Ziels eines “an der ethnisch definierten ‚Volksgemeinschaft‘ ausgerichteten autoritärenNationalstaat[s]” (BVG).

Dazu fällt mir Psalm 2, 4 ein:

"Doch er, der im Himmel thront, lacht, der Herr verspottet sie."

Dieser Vers, zusammen mit Vers 1, passt genauso auf Donald Trumps Nationalismus, Ego-Kapitalismus und gefährliche Außenpolitik:

"Warum toben die Völker,
warum machen die Nationen vergebliche Pläne?"

Das wird nicht Bestand haben. Mozarts Gelöstheit und Freundlichkeit, Mahlers Tiefe, europäisch-gesamtamerikanische Kultur und Humanismus werden stärker sein – zusammen mit islamischer Hingabe an Gott, indischer Demokratie (der größten der Welt!) oder afrikanischer Ehrung und Feier sozialer Beziehungen.

20.1.2017

21:34 22.03.2017
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Geschrieben von

fourier.tf

Geb. 1958, Theologe (aus der kath. Kirche ausgetreten), Erzieher, Mathematiker (Wissenschaftler in der Systembiologie), jetzt Erzieher in Jugend-WG.
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