Moderne und Religion

Beschneidungsdebatte Aus Anlass des aktuellen Beschneidungsstreits habe ich einige Überlegungen angestellt, um klarer zu sehen, worum es dabei geht. Dies ist der dritte von vier Abschnitten.
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Spätestens seit Robespierres Einführung einer ‚Zivilreligion‘ und Henri de Saint-Simons Ausarbeitung einer Religion auf der beanspruchten Grundlage der modernen Wissenschaften (und dann vergröbert seit Auguste Comtes ‚Positivismus‘) steht die Frage im öffentlichen Raum zumindest Europas, wie das Verhältnis der Moderne zur Religion grundsätzlich zu fassen ist: Ist die moderne Gesellschaft und ihre Kultur (oder auch, pluralisiert, die modernen Gesellschaften und ihre Kulturen) überhaupt mit den tradierten Religionen vereinbar – oder bedarf es einer ‚neuen Religion‘, um den Prozess der Moderne zu vollenden? Wenn auch weniger radikal argumentierend, steht diese Frage auch schon hinter Lessing, Herders und Goethes differenzierendem Zugriff auf die tradierten Religionen, in denen die ‚zivilisiertere‘ Dreiheit von Judentum, Christentum und Islam recht eurozentrisch von dem Hinduismus oder den ‚Naturreligionen‘ abgesetzt und ihnen gegenübergestellt werden. Und seit Ludwig Feuerbach, der sich in dieser Frage noch ambivalent verhielt, oder Büchner, der bereits dezidiert ‚weltanschaulich‘ argumentiert, streift im 19. Jahrhundert diese ‚neue Religion‘ auf der Grundlage der Fortschritte der modernen Wissenschaft ihre Religionsförmigkeit wie einen aus der Mode gekommenen alten Mantel ab und verwandelt sich in eine wissenschaftlich begründete Weltanschauung, der keine kultische Praxis außerhalb von Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen mehr entspricht. Etwa zeitgleich beginnt sich in unterschiedlichen religiösen Traditionen – etwa auch im Islam und im Konfuzianismus – eine Erneuerung von Doktrin und Kultus zu vollziehen, die darauf abzielt, den Anforderungen der Moderne (besser) zu entsprechen.

Diese unterschiedlichen Debattenlinien sind in den großen Konfrontationen des 20. Jahrhunderts vielfach instrumentalisiert, pervertiert und auch unterdrückt worden. Im Rückblick kann nur festgehalten werden, dass sich der schlichte Traditionalismus der alten Religionen, der einfach alles beim Alten belassen will, als ebenso unhaltbar erwiesen hat wie die schlichte Fassung des Comteschen Dreistadien-Gesetz, die auf die Behauptung hinausläuft, dass die moderne Wissenschaft als solche bereits an die Stelle der Religion getreten sei. Alle differenzierteren Positionen – von den Versuchen der Formulierung einer wirklich wissenschaftlich begründeten Weltanschauung bis zur Entmythologisierung der Religionen –, die sich dem Problem stellen, das Verhältnis von Moderne und Religion neu zu bestimmen, verdienen immer noch eine sorgfältige Rekonstruktion – um die Debatte auf höherem, nämlich logisch und historisch reflektiertem Niveau und ohne gewalttätige Eingriffe durch Zensur und Verfolgung wiederaufnehmen zu können.

Es folgt noch ein weiterer Abschnitt!

00:51 03.07.2012
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Geschrieben von

Frieder Otto Wolf

Ich lehre als Honorarprofessor Philosophie an der Freien Universität Berlin, bin Mitinitiator des Forums Neue Politik der Arbeit und Humanist.
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Frieder Otto Wolf

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