Dia Camorra auf dem Sofa

Fernsehen Ab dem 10. Oktober ist die Serie "Gomorrha" auch in Deutschland zu sehen. Die Spannung ist garantiert, aber reicht das?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es gibt alles, was man von einem Film über die Camorra erwartet: die Bosse und ihre Frauen, die Morde, die Drogen, der Kampf um die Macht, die Rituale. Im Hintergrund spielt ein verlorenes Neapel, eine hoffnungslose wie trostlose Stadt, die auf jeden Funken Schönheit verzichtet hat. Nackig, unruhig, schmutzig. Kein Ort, den man leichtfertig betreten kann. Und das alles funktioniert - zumindest was die Einschaltquote angeht.

Die erste Folge der italienischen Fernsehserie "Gomorrha", von Roberto Savianos Bestseller inspiriert und zum ersten Mal im Mai übertragen, wurde sofort zum Erfolg. Packend, qualitativ hochwertig. Nicht so wie die meisten italienischen Serien (d.h.: mittelmäßig und langweilig), sondern ein Produkt mit internationalem Anspruch. Eine gelungene Serie also, die bereits in über 50 Länder verkauft wurde. Darunter Deutschland: die erste Staffel wird ab dem 10. Oktober von Sky Atlantic HD ausgestrahlt.

Die Serie "Gomorrha" erzählt die Geschichte zweier Familienclans, die Savastano und die Conte, die um die Kontrolle über das Gebiet und die verschiedenen illegalen Märkte wie Abfallentsorgung und Drogen kämpfen. Die Protagonisten sind Mafiosi aber gleichzeitig Männer, deren Gefühle nicht versteckt werden: die Liebe, die Eifersucht, die Rivalität, selbst die Unsicherheit - Gefühle, die auf jedem Breitengrad gültig sind. Das Konzept wurde von Saviano selbst, der 2006 sein berühmtes Buch "Gomorrha" veröffentlichte und damit seine persönliche Freiheit verlor, mitentwickelt. In der Serie sei ihm besonders wichtig, sagte er, "Licht auf die Taten der Camorra zu werfen" und vor allem "die Realität, genauso wie sie ist, zu erzählen". Und das heißt knallhart, ohne Beschönigung oder Milderung, ohne Zucker und Honig. Eine Entscheidung, die aber auch zum Kritikpunkt wurde.

Denn die Realität in "Gomorrha" kennt keine Grautöne. In der Tageszeitung Corriere della Sera bemerkte der Journalist Marco Demarco beispielsweise, dass aus der Serie die "Guten" so gut wie nie auftreten und dass es dort keine positiven Persönlichkeiten gibt, die die Kriminalität versuchen zu kämpfen. Nein, für so was gibt es hier keinen Raum. Aber das alles existiert tatsächlich: die Realität, auch die dunkelste, ist nur selten schwarzweiß und braucht dutzende Farbtöne, die ihre Komplexität widerspiegeln können. Und das gilt auch - und besonders - für ein Phänomen wie die Mafia, die mit der gesamten Gesellschaft innerlich verbunden ist und die sich nur schwer durch feste Kategorien beschreiben lässt.

Allerdings will sich die Serie von Roberto Saviano und von Regisseur Stefano Sollima nur mit einem Neapel beschäftigen. Dass es ein anderes und besseres gibt, ist nicht der Punkt: den Autoren sei das Erzählen wichtiger als Erklärungen anzubieten, und das einigermaßen zu Recht. Denn wie oft wurde, in Italien sowie im Ausland, über die organisierte Kriminalität geschwafelt? Wie oft mangelte es der Diskussion an Analyse und Bescheidenheit - gerade dort, wo die Kenntnisse über die Mafia zum größten Teil durch Hollywood gefiltert werden?

Das Ergebnis ist aber folgendes: Die Serie "Gomorrha" fügt zu den Mafia-Kenntnissen der Zuschauer nichts hinzu - und will das auch nicht. Sie will erzählen und unterhalten, und das gelingt ihr. Aber sie erklärt nicht, sie kontextualisiert nicht. Letztendlich ist "Gomorrha" eine Action-Serie: es gibt die Spannung, es fehlt die gesellschaftliche Kritik. Denn das wäre zu unerwartet und höchstwahrscheinlich zu langweilig, vielleicht nicht geeignet für ein internationales Publikum.

Dass es in der Serie keine Guten gibt, ist richtig so: eine filmische Perspektive muss nicht unbedingt ausgeglichen sein. Was aber fehlt, ist ein tieferer Blick, der versucht, über die Morde und die Brutalität hinaus zu gehen. Denn "Gomorrha", anders als Savianos gleichnamiges Buch, ist nicht nur eine spannende Serie, sondern auch eine vertane Möglichkeit, die organisierte Kriminalität und ihren Nährboden zu erläutern: Mafia bedeutet nicht nur goldener Schmuck und Millionärsvillen, aber auch nicht nur das Stadtviertel Scampia und seine Brutalität. Mafia steckt auch in der Mitte unter den Klamotten der "normalen Bürgern" und ist deshalb komplexer, subtiler und weltweit verbreiteter als man denkt. Auch hinterm Fernseher im vermeintlichen sicheren Ausland, sollte man sich das vor Augen halten.

11:59 05.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 1