Wenn die Redaktion ins Ausland verlegt wird

Medien Ein italienischer TV-Kanal wird im Herbst eröffnen. Alle Sendungen sollen in Albanien produziert werden. Ein neues Geschäftsmodell im Medienbereich?

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Wenn die Redaktion ins Ausland verlegt wird

Foto: H. Armstrong Roberts / Retrofile / Getty Images

Die gedruckten Zeitungen verlieren immer mehr Leser. Die Online-Zeitungen haben so viele Nutzer wie nie zuvor, aber die Werbeeinnahmen bleiben niedrig. Das Fernsehen hat sich zum Unterhaltungsmedium entwickelt. Was passiert mit dem heutigen Journalismus? Eines ist sicher: ihm geht es nicht gut. Deswegen sind neue Geschäftsmodelle gefragt, die den Trend umkehren und die Äquivalenz Journalismus = Verlustgeschäft widersprechen könnten - bisher leider erfolglos. Ein neues Modell kommt nun aus Italien. Doch ist es wirklich die richtige Lösung?

Die Fakten: Francesco Becchetti ist ein italienischer Unternehmer, der vor allem auf den Balkan aktiv ist. In Tirana ist er der Besitzer des Privatfernsehens "Agon Channel", das vor eineinhalb Jahren gegründet wurde und auf Albanisch überträgt. Nun soll daneben auch ein TV-Kanal in italienischer Sprache eröffnet werden. Die Idee ist einfach, sie heißt Standortverlagerung: alle Sendungen werden in Tirana produziert, doch die albanische Gesellschaft und Kultur werden kaum eine Rolle spielen. Agon Channel hat nämlich keine internationalen Ansprüche und richtet sich an ein italienisches Publikum, das ganz einfach digital zu erreichen ist. Das Ziel: sparen, wie üblich in der modernen Wirtschaft, wo Kleidung und Elektrogeräte auf der anderen Seite der Welt hergestellt werden. Warum denn nicht die gleiche Geschäftsstrategie bei der Entertainment-Industrie und beim Journalismus umsetzen?

Das "Ryanair des italienischen Fernsehers", wie der Journalist Alessio Vinci (zukünftiger Chef der Nachrichten bei Agon Channel) erläuterte, ist schon auf der Suche nach neuen Talenten. Bis Ende August werden italienische Komiker, Schauspieler oder Models durch Castings im ganzen Land rekrutiert. Obwohl der Schwerpunkt des Senders Reality- und Talentshows für Zuschauer zwischen 18 und 55 Jahre sein sollte, sind für die Nachrichten auch Journalisten gefragt, die "alleine einen ganzen Videobericht - vom Dreh bis zur Montage - herstellen können". Und die natürlich bereit sind, nach Tirana umzuziehen.

Am Ende, erklärt Vinci, soll "ein Produkt erschaffen werden, das 10 mal weniger als in Italien kostet". Denn Geräte, Gebäude und Personal kosten in Albanien viel weniger. Detaillierte Informationen über den Vertrag für Journalisten will Agon Channel (wenig überraschend) nicht angeben. Unklar ist außerdem, wann genau der Sender im Herbst zum ersten Mal übertragen wird.

Auch wenn das Modell bisher nicht zu einer bahnbrechenden Abwanderung der italienischen Medien ins Ausland führte, sind die Befürchtungen mehr als legitim. Denn die Qualität im Journalismus scheint heute oft den Kosten untergeordnet zu sein und der Weg zum Profit kennt nur wenige Einschränkungen - auch in Deutschland.

Viele Sender weltweit übertragen über die eigenen Grenzen hinaus, doch Ihre Standorte werden gezielt nach den besten inhaltlichen Berichtsmöglichkeiten ausgesucht. Aber nicht in diesem Fall. Kann man also von einem neuen Geschäftsmodell sprechen? Die Verlagerung ins Ausland wird von Unternehmen seit Jahren umgesetzt, doch hier geht es nicht um Warenproduktion, sondern um geistige Arbeit. Und geistige Arbeit lässt sich nicht so einfach verlagern, denn sie braucht bestimmte Bedingungen, die die Qualität gewährleisten können. Es sei denn, diese Qualität sei letztendlich nicht so bedeutsam.

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