Last Man Standing: Politische Gestaltungsmacht vs. gelebte Ohnmacht

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No peace for the wicked: Die Meinungsmache ging ordentlich weiter, jetzt wieder im stern, worauf ja auch schon Albrecht Müller selbst auf den Nachdenkseiten hingewiesen hatte (>>).

Den stern-Artikel gab es hier (>>): In ihm demontierte ein gewisser Tilman Gerwien die Präsentation von "Meinungsmache" letzten Donnerstag hier in Berlin (>>). Vielleicht war das Ganze witzig oder ironisch gemeint, immerhin lief es unter der Überschrift "Abwasch der Woche", die sowas implizieren konnnte; das entzog sich meiner Kenntnis. Da der kurze Text aber viele Tatsachen vollkommen verdrehte und sämtliche Teilnehmer außer Hans-Ulrich Jörges als realitätsfremd darstellte, war eine Antwort fällig.

Das Publikum war sich laut Gerwien einig mit Müller und Lafontaine, ewig Gestrige, die zurück in die siebziger Jahre wollten, eine Zeit, da alles besser gewesen sei:

Die Renten waren sicher, die Bundeswehr blieb in ihren Kasernen (andere vergossen im Zweifel ihr Blut für unser Öl), der öffentliche Dienst war fett und im Fernsehen gab es nur drei Programme, ab 23.00 Uhr hieß es: Ab in die Heia, aber ganz schnell, da kam nämlich nur noch das Testbild.

Ich fragte mal provokant: und? Wo war das verdammte Problem hierbei? Seien Sie mal nicht so wählerisch, Herr Gerwien, Ihr Bild der "alten Bundesrepublik" war unvollständig. Es war außerdem die Zeit, da nationale Politik noch etwas beschließen und bewirken konnte; da die Menschen noch nicht von Existenzangst bedroht in beschissenen "Jobs" ausharrten; da die gesellschaftliche Ideologie in Zeiten des sogenannten "Rheinischen Kapitalismus" noch nicht "Mehr, mehr, mehr!" lautete oder "Geiz ist geil", und da es, dem Hörensagen nach wenigstens, auch noch so etwas wie Anstand und Moral in den höheren Etagen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gegeben haben soll, ab und an zumindest. Eine Scheißzeit, nicht wahr? Heute war alles besser, der Rubel rolllte, und wenn er weiter brav das berichtete, was von ihm erwartet wurde, dann rollte er vielleicht sogar zu Herrn Gerwien und rieb sich zutraulich an seiner Wange.
Aber das war ja nichtmal das eigentliche Problem, weder das Personal beim stern, noch der dämliche Rubel.

Denn was erstaunlicherweise während der Veranstaltung nicht in den Kopf von Jörges und später offenbar nicht in den Kopf von Gerwien wollte, war, dass das Publikum vielleicht Recht gehabt haben könnte. Noch auf der Veranstaltung posaunte Jörges immer wieder vom Podium, "die Leute sind nicht so dumm wie Sie [angeblich] denken", aber das Publikum der Veranstaltung war ihm offensichtlich zu dumm. Es erkannte seine Weisheit nicht und sah offenbar nicht ein, sich irgendwelchen postulierten Sachzwängen zu beugen zu müssen, wenn man die Gegenwart und Zukunft auch anders gestalten konnte.

Wofür Lafontaine als weiterer Teilnehmer der Diskussion in meinen Augen stand, war, dass er als einer der letzten auf Bundesebene tätigen Politiker noch an so etwas wie die Gestaltungsmacht des Staates glaubte. Er war kein Getriebener, er war kein Erfüllungsgehilfe irgendwelcher Sachzwänge, und er hatte sich, jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach, nicht dem blinden Wirtschaftsglauben und den mit ihm einhergehenden "Werten" (absichtlich in Anführungszeichen gesetzt) unterworfen.

Und tatsächlich hatte er Recht: Letztendlich entschied der Souverän in seiner Gesamtheit, wir alle, wie wir leben und welchen Götzen wie dienen wollten, und nicht jene, die sowieso schon am Besten dastanden qua Milliardenvermögen, Medienbesitz, Managerpositionen mit goldenen Fallschirmen etc. pp. Naja, so sollte es wenigstens sein. Mit Realitätsverweigerung hatte das nichts zu tun, und auch nicht mit einer Rückreise in die siebziger Jahre, wie es offenbar Jörges und Gerwien schien - eher damit, dass wir die Realität, in der wir leben, gestalten konnten und noch immer wollten.

Dafür standen Albrecht Müller als Mahner und besonders Oskar Lafontaine als Politiker, jener gewissermaßen als "last man standing". Ich hoffte ehrlich, dass er in der Lage sein würde, diesen seinen Mann noch etwas länger zu stehen. Denn der Glaube an die tatsächliche und noch immer vorhandene Gestaltungsmacht des Staates war es, der uns bitter fehlte; er war das Gegenteil zu dem, was in den letzten elf Jahren unter Rot/Grün und Schwarz/Rot geschehen war und jetzt unter Schwarz/Gelb wohl weiter geschehen würde. Diese Nachlassverwalter des demokratischen Staates verkörperten nichts weiter als gelebte Ohnmacht, ohnmächtig in ihren Rollen, in denen sie eigentlich Handelnde und Gestaltende sein sollten, in unser aller Interesse, und doch allzu oft nichts Anderes waren als Diener des Geldes und der Sach- und Gewinn"zwänge", die man ihnen ins Ohr gesetzt hatte.

Wir brauchten wieder Politiker, die zu uns allen sprachen. Das war ein kaum noch bestelltes Feld.

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Herzlichen Dank an Margareth Gorges (>>) für die Motivation zu diesem Post.

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Das Video der Veranstaltung, von den NDS hochgestellt, fand sich übrigens hier (>>).

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Dieser Post erschien zuerst auf www.manwithahorn.de

19:26 20.11.2009
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Geschrieben von

Frank Powers

Left-leaning, thinking himself, pointing out the obvious. Wish more people would do that.
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