Budenzauber

Weihnachten Die Sehnsucht nach Enge und schwacher Beleuchtung gehört zu unserer Leitkultur
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Budenzauber

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Nun dürfen die Menschen wieder Aufatmen im Glühweindunst.

Das Loslassen von rund dreihundert Jahren Architekturgeschichte versprechen im Advent wieder jene altdeutschen Favelas, Weihnachtsmärkte genannt, Kieferholz-Malls mit sklerotischer Wirkung auf Fußgängerzonen, durch die man nur noch zwangsentschleunigt gelangt.

Statt in Glitzerpalästen oder Online-Portalen wollen wir mal wieder in Slums einkaufen. Und allein imprägniertem Kieferholz sind die Dünste unserer vorfestlichen Gaumenfetische zuzumuten: Grünkohlschwaden, Zuckernebel und Altfett-Aerosol teeren die Borke.

Verdächtig ist, dass die Weihnachtsbuden ein Exportschlager geworden sind. Selbst in Paris auf den Champs-Elysees habe ich schon eine Thüringer Rostbratwurst verzehrt, richtig geschrieben und nur in ein Baguette eingelegt als besonders schönes Zeichen der deutsch-französischen Versöhnung. Aber doch ist auch ein zugegeben netter kultureller Überfall. In England sollen polnische Betreiber deutschen Weihnachtsmarkt anbieten. Die Chinesen sind bestimmt schon neugierig. Täglich warte ich auf die Meldung, dass die Märkte zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben werden. Dann dürfte man sie aber womöglich im Januar nicht mehr abreißen, es sei denn, dass der Abriss von Buden gleichzeitig ins immaterielle Kulturerbe aufgenommen würde.

Sehnsuchtsprojektion

Die Bude ist eine Sehnsuchtsprojektion: schiefe, gestaltgewordene Trauer um verlorenes Idyll. Womöglich hätten wir tief in uns auch gern eine Weihnachtshöhle, nur war der alte Germane noch nicht christianisiert. Der Import der christlichen Feste bis hin zur Verhärtung der irrigen Annahme, diese wären urdeutsch, zeugt von bereits frühem Integrationseifer der hiesigen Eingeborenen.

Beim Zauber der Bude gibt es auch eine Parallele zur Gassensucht von Touristen. Die grausame Architektur von heute treibt Millionen aus ihren Kartonwüsten zur Erholung in die heimeligen Kulissen der Vorfahren. Um es freudianisch zu deuten: einerseits will heute überall Weite herrschen – wir aber sind voll seeliger Erinnerungen an den Uterus.

In Rothenburg ob der Tauber konnte ich sehen, wie Touristen, wenn sie versehentlich beim Spazieren die Stadtmauer nach außen querten, wie unter plötzlicher Atemnot jäh zurückwichen in das Sauerstoffzelt aus Fachwerk und Butzenfenster. Es ist sicher kein Zufall, dass jedes dritte Geschäft dort Weihnachtsartikel vertickt. Das Fest der Enge wird hier in Permanenz gefeiert. Solange wir nichts Neues bauen, aus dem wir nicht fliehen wollen, grassiert, wenigstens im Advent, die Klaustrophilie.

Aus der Sediertheit der Besinnlichkeit sind freilich vielen Weihnachtsmärkten kreischbunte Fahrgeschäfte und ebenso gleisnerisch luminiszierende Tombolas zwischengeschaltet, die den örtlich Betäubten vorrübergehend wieder in die Zeit des Kraftstroms und Angebrülltwerdens zurückbeamen.

Was bleibt, ist die Bude

Zu jeder Bude gehört ansonsten ein Desperado, der aus seiner Bude herausschaut, als müsse er ganzjährig darin wohnen, ohne Dusche und Fernseher. Wenigstens ist er in den letzten Jahren immer häufiger erlöst von einer wohl selbst in Guantanamo umstrittenen Dauer-Beschallung. Es ist nämlich deutlich stiller geworden in den kunstbeschneiten Labyrinthen, seit die Racheengel der GEMA, die Abmahnung im Gewande, die Gegend unsicher machen.

Was bleibt, ist die Bude.

Jahr für Jahr neu errichtet und doch unzerstörbar.

Die kleinste Zelle der vorweihnachtlichen Gesellschaft.

Die deutsche Herzkammer.

13:00 22.11.2018
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Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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Frank R

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