Die Evolution - kurzer Abriss

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Die Evolution - kurzer Abriss
Hat einen Lauf: das Gehirn (hier im Derby gegen das Herz)

Foto: ajari/Flickr (CC 2.0)

Die Natur hat irgendwie Mist gebaut. Die Ansicht verhärtet sich in einem gewissen Alter, in welchem immer mehr begriffen wird, dass immer weniger funktioniert.

Kürzlich las ich in einem Gespräch mit einem führenden Entwickler von Robotern, dass unsere Beine zum Beispiel nur eine Behelfslösung zum Fortbewegen sind, weil die Natur einfach keine Räder hinbekommen hat. Auch keine Lautsprecher oder Lampen. Wir sind nur gerade mal so zu gebrauchen, um auf diesem Planeten verhängnisvoll zu herrschen.

Besonders provisorisch ist die Fortpflanzung zusammengebastelt: teilweise aus Gerätschaften, die eigentlich zur Ausscheidung von Rückständen dienen und lediglich eine Extrafunktion aufgedrückt bekommen haben. Sowas kennt man eigentlich vom Bau, wenn was übersehen wurde und nachträglich hineingepfriemelt wird. Die Evolution brauchte aber dringend eine ständige Mischung von Genen. Sie musste also Lebewesen, die vielleicht mit sich selbst zufrieden genug gewesen wären, partout aufs Engste zusammenbringen - was schwieriger wurde als es aussah.

Zunächst verzichtete die Natur schon mal auf die glatte Hälfte der denkbaren Austauschmöglichkeiten, indem sie sich, jedenfalls für ihr Spitzenprodukt und untergeordnete Baureihen, zwei unterschiedliche Basis-Geschlechter ausdachte, denen sie zwei völlig unterschiedliche, aber gleichermaßen verhängnisvolle Antriebe einpflanzte. Den Männchen sagte sie: verteile dein Erbgut möglichst weit! Den Weibchen: suche das beste Erbgut für deine Nachkommen! Beide Aufträge pfiffen von Anfang an auf so spießigen Kulturkram wie Monogamie. Diese war eine Erfindung des romantischen Gehirns. Das denkt sich die Welt ja immer anders als sie ist. Was manchmal zur Erfindung von Feuer oder Rad führt, und wenn dies getan ist, zum romantischen Träumen.

Damit es dann noch so richtig schief geht mit der Zweigeschlechtlichkeit, wurden die Basisfunktionen beim Zusammenschmeißen des Erbgutes in Eindringen und Empfangen unterteilt, in somit grundlegend Ungleichheit stiftende Funktionen. Die Eindringlinge verstanden alsbald ihren Eindringauftrag als universell und besetzten Ämter, andere Länder und sogar die Sprache. Die Empfangenden wiederum verstanden das Empfangen zunehmend als Hausfriedensbruch. "Eindringling" ist bis heute negativ besetzt, und das insbesondere durch die schlechten historischen Erfahrungen mit diesem dominanten Begegnungsprinzip.

Die Natur hatte nur eben die Rechnung ohne jenes Organ gemacht, das kleine Überkapazitäten entwickelt hatte, die sich zu Luxusvergnügen wie Kritik verwenden ließen: das Gehirn. Nachdem dieses zunächst lange Zeit unauffällig alle möglichen Körperfunktionen gesteuert hatte, ohne dass die Gehirntragenden bis heute viel davon bemerkt oder gar verstanden hätten, meinte es, sich unabhängig vom Monstrum Körper machen zu können. Eigene Rollenspiele wurden kreiert, um den großen Feind des eigenen Seins, den aus der Körperlichkeit funkenden Schmerz, zu besiegen. Die Demokratie gegen den Schmerz der Unterdrückung, der Humanismus gegen den Schmerz der zwischenmenschlichen Gewalt, in welche die Urtriebe immer wieder ausschäumten. Auch wollte das Gehirn die heikle Multifunktionalität des Unterleibes übertönen. Die Erfindung der Sauberkeit, welche die Natur nicht kennt, eroberte nicht nur die Wohnungen, sondern auch die Leiber.

Das ging mehr oder weniger schief. Ein heilloses Durcheinander von ungeordnetem Begehren und erhabenem Zurückweisen machte den Trieben das Handwerk immer schwerer. “Wir kommen kaum noch durch!”, klagten die Hormone. Zumal die Technik der Bilder und Kommunikationen immer mehr Trieb-Entsorgungsmöglichkeiten anbot, sodass man (und frau) nur noch die Sinneszellen benötigte, um der nervenden Natur und dem Prinzip Sauberkeit friedenstiftendes Genüge zu tun.

Vom seltenen Fall abgesehen, dass tatsächlich Nachwuchs erschaffen werden sollte.

Aber in dieser Frage wird seit kurzem ebenso der Natur misstraut. Statt einem russisch Roulette der Erbkrankheiten wünscht man sich die Brut ebenso designt wie das Auto. Das beste Erbmaterial kommt gewiss bald nicht mehr aus düsteren, verschwitzten Körperwinkeln, sondern aus lichthellen, sterilen Laboren.

Die biologisch ziellos gewordene Lust ist dann nur noch ein lästiges, asoziales Übel. Das Gehirn hat über den Unterleib triumphiert - oder lebt zumindest in dieser Illusion. Aber auch Illusionen lassen sich sicher vererben.



10:05 11.01.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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Frank R

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