Die Rückkehr des Mangels

Plastikmüll Wenn alles wieder knapp wird, kommt die Erinnerung
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Die Rückkehr des Mangels
Leuchtreklame für das Kunststoffkombinat VEB Plaste und Elaste aus Schkopau

Foto: imago/Kraft

Ob es die Kameraleute beim Film nun glauben oder nicht: in den Sechzigern wurde auch die donnersmarckgraue DDR erstaunlich bunt. Denn die neuen Kunststoffe tauchten auch uns in viele Farben. Statt wie einst aus den aufgehobenen Senfgläsern Brause zu trinken, gab es auf einmal quietschbunte Becher mit ebensolchen Trinkhalmen. Die Salatschüssel durfte auch mal vom Tisch fallen und wetteiferte im Farbton mit Tomaten und Gurken.

Die Erdöl-Pipeline „Freundschaft‟ pumpte den Lebenssaft des nunmehr kolorierten Sozialismus aus der Sowjetunion zu uns, und das offenbar besonders nach Schkopau. „Plaste und Elaste aus Schkopau‟ stand es, übrigens gar nicht besonders bunt, an der Autobahnbrücke, und ich fragte mich, warum. Plaste und Elaste waren überall, Schkopau war überall. Ich hatte zum Beispiel einen roten Hund aus PVC, der immer salzig roch. Heutige Helikoptermütter würden ihn flugs den Händen ihres Nachwuchses entreißen. Ich habe an ihm geleckt.

Nach und nach kam ich dahinter, dass der Werbespruch nicht für mich gedacht war, sondern für westliche Geschäftsleute, welche die Messe in Leipzig besuchten. Auf der Rückfahrt würden sie noch einmal mit dem Slogan geimpft, um zuhause per posthypnotischem Auftrag „Schkopau‟ zu denken, sobald sie meterdicke Ballen für die einzellagige Wurstscheibenverpackung benötigten.

Schkopau würde prompt liefern, und sollten wir uns alle das letzte Körnchen Mikroplastik vom Munde absparen.

Mit der Wurstlagenfolie kommt heute Plaste („Plastik‟ sagten wir nur nur zu Skulpturen) ganz dicht an das Fleisch, so wie die bunten Kunststoffhemden, unter denen wir damals so gerne schwitzten. Kunstworte wie „Dederon‟ oder „Wolpryla‟ machten die Runde und verkündeten, dass es nicht nur den Neuen Menschen gab, sondern auch eine neue Chemie. Organische Chemie - das klang nach Leben.

Niemand in Ost und West fürchtete sich. Niemand ahnte, dass die Plaste und Elaste von Schkopau und anderen Orten aus die Weltmeere verseuchten. Dass sie noch dichter an uns kommen wie die bunten Hemden, nämlich in uns hinein. Mit dem Fisch als U-Boot.

Übrigens ist es wohl die Eigenschaft vieler Menschenerfindungen, dass sie sich immer dichter an den Körper heranrobben. Die Uhren kamen vom Kirchturm über die Küchenwand an den Arm und werden sicher bald zum Implantat. Die Pestizide nähern sich vom Acker und die Autos dringen mit ihrem Ruß von der Straße her in unsere Lungen.

Von den Sechzigern bis zur so genannten Wende hatte ich mich an alle möglichen Plaste und Elaste gewöhnt. Aber nicht geahnt, welche Macht sie längst jenseits der Westgrenze erlangt hatten. Der goldene Westen war, wie sich herausstellte, vor allem ein Kunststoffwesten. Nahezu alles war eingeschweißt, vom Bonbon bis zur Glühbirne, sogar Bücher! An allem polkte man erst ewig herum, bis man die Freiheit des Konsums genießen konnte. Ich lernte, dass es zusätzlich zum Wort „Verpackung‟ noch das Wort „Umverpackung‟ gab. Wurden die Dinge online bestellt, kam noch eine Wolke Styropor dazu oder Luftpolster, die man erst durch Einstechen wegwerftüchtig machen muss.

Das bunte, immens dehnbare Plastenetz, dass fast jeder bei uns dunnemals bei sich führte, um allzeit für plötzliche Warenangebote gewappnet zu sein, wurde ersetzt durch Hunderte bedruckte Tüten, die es zum Eingeschweißten dazu gab. Die Tüten sind es, die als erstes zum Sündenbock erklärt wurden, aber sie haben viel zu verbergen. Es gibt nicht nur Verpackung und Umverpackung, sondern in ihr jede Menge Gegenstände, die man nur einmal verwenden soll oder nur hundert Mal verwenden kann, bis sie kaputt gehen. Endlose Herden von Sündenböcken. Ein uferloses Zuviel an Allem. Ökologisch lügen wir uns buchstäblich die Tasche voll.

So sehr ich mir natürlich bewusst gemacht hatte, dass ich kraft des Mauerfalls zum glücklichsten Volk der Erde gehörte, wurde mir aber auch schlagartig klar, dass eine solche Welt der Verschwendung untergehen muss. Die Grundidee der Ordnung, aus der ich kam, war Unterordnung und Einsicht in die Knappheit aller Dinge. Dazu kam, das soll hier nicht umverpackt sein, das Schweigen, wenn die Fische kraft der Industrieabwässer nicht einmal die Chance bekamen, Appetit auf Mikroplastik zu entwickeln.

Und viele Menschen ergaben sich aufrichtig freiwillig der Mangelgesellschaft, weil sie annahmen, dass nur eine sparsame und rationierende Gesellschaft vernünftig und nachhaltig ist. Diese Gesellschaft würde wahrlich nicht immer Spaß machen, aber kommt als Herausforderung gerade wieder.

Diesmal ist nicht die nichtfunktionierende Wirtschaft Schuld, sondern die funktionierende.

Die Wegwerfgesellschaft ist nicht so leicht zu bremsen wie die sozialistische weggeworfene.

Auch wird das Erdöl einfach knapp, was den einzigen Vorteil bringt, dass mordende Ölscheichs nicht mehr so viel Gnade erwarten dürfen, weil sie eh bald nichts mehr zu bieten haben.

Es gibt auch schon wieder Papiertüten wie damals in der HO. Diesmal sind sie besser und reißen nicht gleich unten. Das macht sogar Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Solange keine Schlagzeile von Fischen mit Papierschnipseln im Bauch kündet.

Gestählt durch die historische Erfahrung einer Verknappungsgesellschaft könnte ich Kurse geben in Nachhaltigkeit. Zeigen, wie man das weihnachtliche Geschenkpapier wieder aufbügelt fürs nächste Mal. Und dass das Leben im Mangel auch ab und zu wenigstens mal schön sein kann, wenn man die Genügsamkeit beherrscht. Die Sache würde fast so einschlagen wie Paläo-Diät. Denn es gibt eine tiefe Sehnsucht nach Einfachheit. Sie ist nur noch eingeschweißt.

08:59 25.10.2018
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Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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