Für ein gepflegtes Banausentum

Tourismus Ein Plädoyer wider den Bildungsoverkill im Urlaub
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Immer, wenn Urlaub ist, erwacht zu meinem Erstaunen in biederen Pauschalreisenden ein merkwürdiges Interesse beispielsweise an der Kirchenbaukunst.

Mit einem Blick, der stumpfe Neugier ausdrücken soll, lassen sich die bunt Gewandeten willfährig durch alle erdenklichen modernden Gemäuer treiben. Jetzt, so sagen sie sich, ist endlich einmal Zeit, zwischen Ruinen herumzustolpern und diszipliniert wie eine nordkoreanische Arbeitskolonne dem emporgereckten Regenschirm des geliebten Führers nachzutrotten.

Eben noch haben sie alle daheim beständig den Kulturkanal weggezappt, um zu Krimi und Shopping heimzukehren, und plötzlich lassen sie sich, sogar unter Entrichtung von Gebühren, unter munterem Geklacker ihrer Kameras die Herkunft und Verarbeitung carrarischen Marmors erläutern.

Natürlich hört niemand zu. Eine Klausur, unmittelbar im Anschluss der Schlossführung geschrieben, müsste massenhaft Nachsitzen verhängen.

Schon der französische Philosph Jean Baudrillard sprach im Zusammenhang mit touristischem Verhalten von der Simulation des Interessiertseins. Diese wird ganz offenbar ausgeübt, um den Tagen unter dem Sonnenschirm auch einen matten Beiglanz von Sinn zu verleihen. Schließlich will niemand tonnenweise Kerosin verbrannt haben, um lediglich seine Hautbräune dem heimischen Ledersofa anzugleichen. Auch der Schirmchencocktail lebt vom Kontrast zur Nüchternheit.

Die Sehenswürdigkeit verleiht dem Touristen die Würde, das Nichtstun (das er eigentlich praktiziert) durch ein Tun zu verschleiern.

Immerhin könnte der Tourist dennoch etwas sehen, was sich zu sehen lohnt, weil es ihn beglückt, bereichert, gleichwie - nur er sieht meistens nichts, weil er erbarmungslos zugetextet wird.

Dem ist nicht zu entrinnen.

Unter der Bildungsdunstglocke des Audio-Guides wird ebenso keine Begegnung mit Raum und Objekt zugelassen wie im grellen Redeschwall vieler leiblicher.

Als ich in Cordoba einmal wagte, mich um zwei Schritte aus dem Bildungssprühkegel der Erklärerin davonzuschleichen, um mit dem Raum für mich allein zu sein, kommentierte diese dies mit den herben Worten: “Manche wollen eben doof sterben”.

Dabei würde ein wenig Banausentum Lebendigkeit spenden!

Da es sich bei den meisten baulichen Sehenswürdigkeiten um feudale Protzbauten handelt, die durch Plünderung und Ausbeutung entstanden sind, rate ich schon mal jedem zur mutigen Ignoranz, der sich nicht sonderlich interessiert. Er sollte das vom Bauherren beabsichtigte Bestaunen seiner Verschwendungssucht subversiv verweigern!

Wer doch etwas sehen will, sollte schauen. Sehenswürdig werden.

10:58 24.07.2015
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Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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Frank R

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