Lernziel Lüge

Internet Die Digitalisierung entlässt ihre Kinder. Sie sind erzogen zu Unwahrheit und Gemeinheit
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Lernziel Lüge
Die Lüge ist immer nur einen Klick entfernt

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Was das Internet wohl von mir denkt? Ich belüge es nämlich ständig, aber das scheint ihm zu gefallen.

„AGB gelesen‟ anklicken. Aber gerne. Die Datenschutzerklärung wird die gleiche sein, die ich gestern schon als „gelesen und verstanden‟ angeklickt habe.

Wollte ich sie tatsächlich lesen, wäre der Tag gelaufen. Wer sich darauf einlässt, kann nichts anderes tun, wird also seinen Job los und verhungert. Tod durch Gewissenhaftigkeit. Wir wollten den Datenschutz - bekommen haben wir die Datenflut.

„Gelesen und verstanden‟ ist eigentlich sowieso ein mentaler Ausnahmezustand. Von James Joyce zum Beispiel nie erreicht. Zum Glück wird das Anklicken von „verstanden‟ relativ selten verlangt.

Es geht ja gar nicht um das Verstehen, sondern um die Erlangung des Status. Das ist etwas anderes. Ein Status ist heute irgendwo auf irgendeinem Server ein Bit, nicht mehr. Es genügt, dieses Bit zu haben. Verstehen kann hingegen eher kontraproduktiv sein, weil der Verstehensprozess Fragen aufwerfen könnte, die man einem dieser „nächsten Mitarbeiter, die sich um Sie kümmern‟ stellten muss. Fabelwesen, die etwa von Google oder Microsoft schon gar nicht mehr verheißen werden.

Um das Erwecken des Anscheins, etwas verstanden zu haben, kann man sich immer weniger drücken. Ohne Behauptung, es verstanden zu haben, darf man nichts nutzen, das man gar nicht verstehen SOLL. Wer versteht, ist höchstens verdächtig, es zu hacken. Der „verstanden‟ anklickende Nichtverstehende ist der ideale User.

Der Druck zu lügen nimmt online um ein Vielfaches immenser zu als in den Bereichen, die sich Wirklichkeit nennen, wird aber sicher in diese Welt eindringen. Schon heute schmücken sich Unternehmen damit, dass deren Mitarbeiter(innen) ihre Marketingkonzepte verstehen und sogar zu ihrem eigenen Antrieb machen. Was nicht wirklich geschehen muss, sondern nur markiert werden durch einfaches Nicken oder, noch einfacher, nicht erfolgendes Kopfschütteln.

Die Erziehung zur Lüge wird ergänzt mit der Erziehung zur Gemeinheit.

Pausenlos akzeptiere ich (auch hier) die Verwendung von Cookies, wohl wissend, dass mein Browser so eingestellt ist, sie nach jeder Sitzung komplett zu löschen. Da frohlocken sie nun in den Chefetagen, dass sie mich am Haken haben als ihr Datenvieh oder Kaufsklaven, und dann schneide ich jeden Tag alle Angelhaken ab. Auch schalte ich die Werbeclips stumm, die Youtube oder andere Bilderspeier oft vor das sowieso meist enttäuschende Video anschirren. Zum Glück sind Firmen, die Werbeagenturen anheuern, bereits zufrieden, wenn die Werbefritzen den Anschein erwecken, dass diese Zwangsberieselung wirksam ist. So ist niemand beleidigt in der Welt der Affronts.

Zur Erziehung des Menschen zum verlogenen Golum in der Endlosigkeit seiner Digitalhöhlen gehört es, ständig im Hintergrund die Abstellmöglichkeiten der Zumutungen zu erschweren. Aber wir wissen, dass die Gegenseite verschlagen ist und erwerben der Einfachheit halber selber diese Eigenschaft. Also ständig nachschauen, ob in den sozialen Netzwerken etwa wieder etwas mühsam deaktiviert werden muss, was es nur geben konnte, weil man mich als User verachtet.

Das Ergebnis dieser schwarzen Pädagogik sind zynische, verlogene Monster, die unausweichlich ihre frisch erworbenen Laster der Falschheit in ihr echtes Leben übertragen, Lügen und Verleugnen also für Lebenstüchtigkeit halten, Argwohn als Grundeinstellung der Begegnung mit anderen Menschen.

Die Digitalisierung entlässt ihre Kinder. Sie werden nie wieder erwachsen.



13:51 15.06.2018
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Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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Frank R

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