Mein innerer Life-Ticker

Griechenland Hin-und hergerissen zwischen Hin-und hergerissenwerden.
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23.45 Uhr: Mitleid mit den Griechen. Müssen um das Überleben kämpfen in der abgewürgten Wirtschaft und nicht abgewürgten Misswirtschaft. Einer in der Familie sitzt da jetzt immer auf dem Sofa, bewacht die eingenähten Euros und nimmt übel. Die andern stehen am Geldautomaten an. Wer arbeitet eigentlich?

23.46 Uhr: Gar kein Mitleid mit den Griechen. Selber schuld an der Misere! Mit erschwindelten Zahlen den Euro erschlichen und damit die Aufweichhoheit der EZB unterwandert! Schäuble über sie!

23.47 Uhr. Mitleid mit den Griechen. Die hatten schon vorzeigbare Gebäude, als die Germanen gerade mal ein Hünengrab angehäufelt haben. Dafür liegen die Griechen heute, wie erfahren, im Bereich der Sanitäreinrichtungen eindeutig zurück. Der Niedergang begann wohl in etwa mit der Christianisierung, also quasi mit der europäischen Gleichmacherei. Viele Götter waren vielleicht doch besser als ein überforderter?

23.48 Uhr: Gar kein Mitleid mit den Griechen. Eine Volksabstimmung kann jeder feiern. Es gab auch auf der Titanic eine deutliche Mehrheit gegen Eisberge. Sehen die nicht, was auf sie zukommt? Muss an die große Brille von Nana Mouskuri denken.

23.49 Uhr: Mitleid mit den Griechen. Machen selbstbewusst ein Referendum und lassen sich damit die nicht vorhandene Butter nicht vom fehlenden Brot nehmen! Zeigen mal den Industrienationen, was mal eine Harke war bzw. wo der Hammer hätte hängen können! Bis hierher und nicht weiter, und das für alle! Schließlich braucht man, wenn man keine Schulden hätte, auch nicht in der EU zu sein. Siehe Norwegen.

23.50 Uhr: Gar kein Mitleid mit den Griechen. Was soll systemmäßg die Alternative sein? Linke Utopien kann sich leisten, wer im Geld schwimmt. Und die da haben nicht mal einen Schalck-Golodkowski. Der war ganz sicher auch nicht linker als Varoufakis. Die Schuldensituation der DDR war überhaupt ähnlich, aber zum Glück waren wir nicht in der EU. Wir durften dafür unsere Drachme gegen richtiges Geld tauschen. Einfach der Bundesrepublik beitreten! Aber die Griechen schnallen gar nichts.

23.51 Uhr: Mitleid mit den Griechen. Wie schön war es da zu Drachmenzeiten! Ich rechne immer noch um, wenn ich da bin. Die alten Männer sonnten sich auf der Agora und versuchten sich an die Zeit zu erinnern, als sie in Rente gegangen waren. Das Leben verlief bewundernswert entschleunigt. Aber gleich nach dem Rückflug war das entspannte Lebensgefühl weg. Da half auch kein Ouzo.

23.52 Uhr: Gar kein Mitleid mit den Griechen. Wahrscheinlich, weil es nervt, jeden Tag einen Brennpunkt und zwei Talkshows zum Thema zu sehen. Haben die Griechen auch jeden Sonntag so quasi einen Jauchos zur Schuldenkrise? Oder sind sie genug gestraft?

23.53 Uhr: Mitleid mit den Griechen. Ich wüsste ja auch nicht, was zu tun wäre. Finanzpolitische Betrachtungen sind für mich griechische Dörfer. Ein trojanisches Pferd mit sieben Siegeln. Und alle tun so, als ob sie das Desaster hätten managen können, wenn die Griechen nur gewollt hätten. Aber wo kein Weg ist, hilft auch kein Wille.

23.54 Uhr: Gar kein Mitleid mit den Griechen. Weil schon wieder eine Minute rum ist.

23.55 Uhr: Mitleid mit den Griechen... usw. usf.

13:51 06.07.2015
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Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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Frank R

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