Sag bitte "Sie"!

Takt Warum ich mit der Neuen Nähe fremdele.
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Das Grundgesetz heute vergeblich durchsucht."Jeder Mensch hat das Recht, gesiezt zu werden." steht tatsächlich nicht drin.
Ich komme mal wieder aus dem ewiggestrigen Gestern. Das "Du", so bin ich dereinst mal fehlsozialisiert worden, bietet eigentlich der Ältere dem/der Jüngeren an.
Früher trank man dazu miteinander fröhlich einen Schnaps, indem man lustig die Arme verschränkte, die das Schnapsglas hielten, und man sagte sich zuprostend die Vornamen.
Jetzt blaffen mich junge, trockene Werbeschnösel mit "Hol dir das Äpp!" an, ganz ohne Schnaps, dafür kennen sie von irgendwoher meinen Vornamen.
Vor allem, wo ich schon mal was gekauft habe, bin ich sofort was Geduztes.
Anfing das Ganze, so weit ich mich erinnere, mit IKEA. Zu einem Sklaven, der Möbel zusammenbaut, sagt man halt nicht "Sie". Außerdem war und ist das "Du" skandinavische Folklore. Das war okay.
Billig ist sowieso immer mit "Du".
Aber beim Schweden-Du ist es leider nicht geblieben.
Das "Du" griff um sich. Sogar Parteien warben um meine Stimme per Du.
Auch Bedienungsanleitungen tun so, als sei ich mit ihnen befreundet.
Die gesamte, auch in Sie-Form schon lästige Werbung, stellt mehr und mehr auf Kumpelsound um.
Vor allem die so genannte personalisierte Werbung betrachtet mich höchst irrtümlich als Intimus. Seit ich mal was wegen Rückenschmerzen recherchiert habe, kriege ich vor allem Werbung über Schmerzsalbe, Sportgeräte oder Wärmepflaster, und fast alles mit Sprüchen wie: "Dein Rücken ist unser Anliegen" undsoweiter..
Auch in Gaststätten werde ich nicht nur geduzt, sondern sogar mit "Hallöchen" begrüßt. Was soll da noch schmecken?
Die Sparkasse will, wie ich lese, aus "Wenns ums Geld geht" in "Wenns um dich geht" ändern. Abgesehen von dieser weiteren Beschwörung des Egoismus (denn es sollte um UNS gehen) fühlt sich das Duzen seitens der Bank wie fortschreitendes Verarmen an.
Das "Du" greift um sich wie Pseudofreundschaften im Internet. Es scheint völlig wurscht, ob man miteinander vertraut ist. Alle wissen doch längst, dass jeder in Wirklichkeit einsam ist.
Da kann er doch ein "Du" vertragen.
Es bedeutet ja nichts.
Und darauf kommt es immer öfter an.

00:24 27.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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Frank R

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