Statusmeldung aus dem Kampfgebiet

Internet Was sie von mir haben und was noch nicht
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Statusmeldung aus dem Kampfgebiet

Foto: Wokandapix/Pixabay(CC0)

Vieles von mir habe ich nicht vor meinem eigenen Leichtsinn retten können.

Bankdaten, Lebensstationen, mein Gesicht, meine Koordinaten - alles liegt fein verteilt auf blutwarmen Servern in der ganzen Welt. Ich bin überall, selbst wenn ich mich verirre.

Das Einzige, was mir zu bleiben scheint, ist der verfallende Körper. Mit dem können sie nichts anfangen. Ich kann ihn beobachten lassen, Puls, Blutdruck. Anhand der Messergebnisse werden sie mich darüber belehren, dass es ineffizient ist, biologisch zu sein. Daher sage ich: „Die Haut ist die Grenze‟. Schlimm genug, dass sie im Wohnzimmer sind, in der Küche und im Bett.

Sie, die Algorithmen. Also eigentlich niemand. Ich soll übrigens auch so werden.

Ich soll mein Denken bereits skalieren, meist fünfstufig zwischen „Zufrieden‟ und „Unzufrieden‟. Auf den ersten Blick wirke ich allmächtig: ich Habenichts verteile Sterne. Aber die Sterne sind nur Datenkörner und schon gar keine Ansichten. Menschliche Ansichten lauten zum Beispiel „Schon sehr gut, aber immer noch zu anders, als es sein soll‟ oder „Unzufrieden, aber auch nicht unzufriedener als sonst auch‟. Aber menschliche Ansichten sind nicht verwertbar. Das Binäre ist das Wahre. Vergiss, was du warst. Sonst droht die Inkompatibilität, die schlimmste, heißt es, der Einsamkeiten.

Ich kämpfe, um nicht alles herzugeben, nun auch schon um die gute, alte, wahre Einsamkeit, die immer noch ein paar Kelvin wärmer ist als das Weltall der Sternchen. Und warum kämpfen? Man kann nach dem Sinn des Seins nicht googeln. Sie haben also etwas zu verstecken. Das muss Ansporn genug sein.

Immerhin haben sie meinen Fingerabdruck noch nicht, obwohl das iPhone seit dem letzten Update lange darum gebettelt hat. „Ihre Autorisierung ist noch nicht vollständig!‟, hieß es vorwurfsvoll.

Wieso muss man auf einmal vollständig sein? Jahrtausende ging es ohne. Oder war die Mitteilung ein Kompliment, das ich mit einem anderen inneren Tonfall lesen sollte? Bin ich dazu autorisiert?

Entkommen bin ich beim Fingerabdruck durch die Schritte „Fingerabdruck einrichten‟ und danach gleich „Abbrechen‟. Man muss oft erst so tun, als machte man mit. Dann geben sie leichter Ruhe.

Manchmal tue ich so, als ob ich etwas kaufen wollte, das schön ist. Dann bekomme ich in der Zeit danach überall und immer wieder lauter Bilder von dem Schönen, das ich nicht gekauft habe. Irgendwann begreifen sie, die Algorithmen, dass es mir nicht ernst war mit dem Kaufen und ziehen sich zurück, um auf meine nächsten Wünsche zu lauern.

Oft denke ich, dass ich irgendwo, in einer kafkaesken Registratur nach solchen Manövern einen Negativeintrag erhalte. Vielleicht gibt es längst verhängte Strafen, die wir nur nicht mehr von den Vorteilen unterscheiden können. Auch der verweigerte Fingerabdruck könnte mich als „konsumgefährdend‟ einstufen lassen. Ich muss womöglich damit rechnen, noch tiefer erforscht zu werden. Aber so, wie ein aufgespießtes Insekt dem Mikroskop nicht enkommt, entkomme ich, da ich schon aus beruflichen Zwängen heraus online sein muss, nicht der Erforschung durch die Algorithmen. Ich kann höchstens gespannt darauf bleiben, was sie aus mir lernen.

Ich habe in diversesten App-Einstellungen sämtliche Häkchen entfernt, die irgend etwas von mir beansprucht haben, ohne dass es zwingend notwendig gewesen wäre, um die unbestreitbaren Vorzüge der Apps genießen zu können. Standorddienste zu leisten, Zugriff zu erlauben auf Eigenes, das nicht einmal ich selbst kenne. Es geschieht häufig, dass am nächsten Morgen durch ein Update neue Häkchen in neue Kästchen gesetzt wurden, die ich aufs Neue entfernen muss. Ein verdächtiger Hinweis auf solche neuen Häkchen mit Haken ist immer eine Nachricht, in der mir zu einem verbesserten Datenschutz gratuliert wird. Da ist immer etwas faul.

Haken schlagen wie ein Hase. Aber richtig klug ist der Hase trotzdem nicht.

Ich vertraue wie alle Anderen den Angeboten, die sich selbst vertrauenswürdig nennen, oft sogar ein entsprechendes Gütesiegel aufweisen. Immer weiß ich aber auch, dass Siegel gebrochen werden können und wir schon morgen miteinander kämpfen könnten.

Neuerungen sollen jetzt immer dazu beitragen, um, wie es im brachial übersetzten Englisch heißt, „meine Erfahrung zu verbessern‟. Die besten Erfahrungen waren schon immer die bitteren, aber die bekommt man eher selten. „Erfahrung‟ meint eher „Dressur‟. So läuft der Hase.

Meine Erfahrungen verbessern sich immerhin dahingehend, dass ich lerne, in der Verweigerung Ruhe zu finden oder zumindest Erinnerungen an uralte Ruhezusände aufleuchten zu lassen. Und ich lerne, dass Verzicht stärker belohnt wird als das Habenwollen. Wie lange haben Philosophen vergeblich diese einfachen Einsichten gepredigt!

Nach dem Update wirkte das iPhone noch eine Weile wie eine Büchse neuer Geheimnisse. Manches wurde mir zugeraunt. So sei es möglich, meine geschossenen Fotos plötzlich mit anderen gespeicherten Gesichtern zu vergleichen. Es gäbe die Möglichkeit, frohlockte das Handy, den Menschen, zu denen die Gesichter passen, meine Fotos sofort zu schicken. Es ließen sich sogar Statistiken einrichten, wer wie oft wiedererkannt würde. Und das alles ohne Spitzel! Nur sich selbst wiedererkennen müsse man noch selber. Selfies, so weit bin ich schon, helfen nicht.

09:53 02.10.2018
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Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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