Theorien über Kekse

Kaffeehauskultur Hat jemand auf der Welt schon mal den Keks zum Kaffee gegessen?
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Bin ich hier richtig mit Verschwörungstheorien? Egal. Ich will nur erzählen, dass ich noch niemals in einem Café jemanden gesehen habe, der den eingeschweißten Karamelkeks isst, den man zum Kaffee dazu bekommt. Ist doch komisch, nicht?

Weswegen ich stark annehme, dass es gar kein Keks ist, sondern womöglich ein ganz alter biochemischer Terroranschlag, der auf sein Gelingen wartet. Darauf, dass jemand die Packung aufreißt und irgendein tödliches Nervengas freisetzt. Deswegen werde ich nervös, wenn ich im Café jemanden an der Packung nesteln sehe.

Beim Lesen dieser Zeilen kriegt ein verrenteter Karamelkeksfabrikarbeiter sicher einen Wutanfall. Sein ganzes Leben hat er da ehrlich geschuftet, sich vom Backformwäscher über den Teigwart hochgearbeitet zum regionalen Vertriebsleiter. Wieviel Kraft und Nerven das gekostet hatte, die Bestellmargen der Kaffeehäuser zu erfüllen! Dazu all die Einschweißmaschinenhavarien, die wochenlangen Format- und Rezeptdiskussionen! Der (vergebliche) Kampf um eine Medaille auf der Weltkeksausstellung, der Umsatzeinbruch, als dieses kulturlose „Coffe-to-go“ aufkam und sich der zugegeben unklare Service-Gedanke der obligatorischen Schweißkeksbeilage nur noch zäh ausbreiten konnte!

Heute fließt der Absatz nur noch in dem Maße, wie neue Cafés öffnen (was kaum geschieht) oder alte Kekse terminlich verfallen. Manche Gäste nehmen die Dinger wenigstens mit und lassen sie als Überlebensration im Auto liegen für den Fall, dass bei einem längeren Stau die Kinder notsediert werden müssen. Oder es wird zusammen mit den Zuckertütchen einfach zuhause in die Dritte-Weltkrieg-Vorratsbox geschmissen.

Die große Konkurrenz waren und sind die Biskuitkugeln. Hinter ihnen steckte die revolutionäre Idee der Nichtverpackung. Sie sollte natürlich nur den Wegwerfdruck erhöhen. Nur ein weggeworfenes Produkt ist schließlich ein neu geordertes!

In Wirklichkeit natürlich ein Raubbau an den Ressourcen. Längst haben wir den Klimawandel dank des Treibgases, mit welchem der Biskuitteig auf das Hundertfache seines Volumens aufgetrieben werden kann. Ganz schnell muss er dann in den Härteprozess, denn die umsatzorientierten Zahnärzte haben auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Vergeblich hatte die Stiftung „Keks für die Welt“ versucht, terminlich abgelaufene so genannte Trinkbegleitartikel nach Afrika zu verschiffen. Auch Kirchenvertreter zeigten sich optimistisch, dass die robust gebauten Eingeborenen die Dinger schon kleinkriegen würden.

Aber nein, es musste alles in die Salzstöcke.

Wussten Sie, dass ein eingeschweißter Keks erst nach viertausend Jahren die Farbe ändert? Vermutet man.

Schon vor Jahrzehnten gab es Vorschläge, aus Respekt vor der Natur die Keksmasse durch ein Recyclingmaterial aus dem Bauwesen zu ersetzen, das zumindest hinter milchiger Folie eine gewisse Gebäckoptik aufwiese. Man will doch jetzt immer dieses Haptische, nicht? Natürlich wäre es ungenießbar, ließe sich nur zur Gänze schlucken und würde unverändert wieder ausgeschieden. Man mag es gar nicht zu Ende denken. In China sollen sie längst an kekshologramm-integrierten Untertassen arbeiten, die endlich auch wieder nette Sprüche mitliefern und das Elend der Millionen obdachlosen Glückskeksdichter beenden. Die Menschheit entwickelt sich gewiss immer weiter, ob sie nun will oder nicht.

Weil die Menschen fortwährend etwas erfinden müssen, das den Kaffehausbesuch verschönert, haben sie natürlich keine Zeit mehr für einen Kaffeehausbesuch. Es wird zu gewaltigen Überproduktionskrisen kommen, die dazu führen, dass eingeschweißte Karamelkekse zu allem möglichen dazugereicht werden, das Platz dafür lässt. Einen letzten kriegt man in die Urne dazu. Auch den werde ich aber sehr wahrscheinlich liegenlassen.

18:31 02.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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Frank R

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