Überrollt

Verkehr Radfahrer sind staatlich anerkannte Gutmenschen. Pech für die Fußgänger
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Überrollt
Der Fußgängerschreck
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Mein Problem ist zunehmend, dass ich meine Beine zum Laufen verwenden möchte.

In meiner Einbildung hat die Evolution das so für mich vorgesehen. Aber da hinke ich mal wieder dem Fortschritt hinterher.

Die Cyborgs übernehmen gerade die Evolution. Die Radfahrer. Mit dem allerhöchsten Segen der umweltpolitischen Korrektheit klingeln sie mich erbarmungslos vom Spazierweg am herrlichen Schwielowsee. Dort hat die Gemeinde Ferch bei Potsdam in übrigens vorbildlicher Weise dafür gesorgt, dass ein durchgehender Weg am Ufer für Besucher erhalten geblieben ist. Nicht eben breit, aber viele Jahre lang entspannt zu spazieren. Bis die Cyborgs kamen mit ihren um Metallrahmen und Speichenrädern erweiterten Körper. Und mit Klingeln. “Platz da!” zu rufen, wäre ihnen nämlich unangenehm. Das Klingeln, so nehmen sie an, erfreut mich eher. Es ist doch ein vergleichsweise sanftes Geläut, fast wie Weihnachten, mich daran zu erinnern, dass ich noch zwei Sekunden habe, um meine Wirbelsäule vor einem weiteren Bandscheibenvorfall zu bewahren, den ein Hineinradeln in meinen Rücken leicht zur Folge haben kann. Auch trage ich keinen stromlinienförmigen Helm, weil man als Fußgänger mit dem Luftwiderstand noch ganz gut zurechtkommt.

Mit einem Schild, das Radfahrer und Fußgänger ebenbürtig abbildet, hoffen überall die Wegeverwalter Harmonie zu stiften. Wenn einer auf den anderen Rücksicht nimmt, kommen alle gut weiter, lautet die Utopie, die mir schon lange noch illusorischer vorkommt als der Kommunismus. Ein Objekt mit 30 kmh ist schon von der Schwungmasse her kein Verhandlungspartner. Dazu kommt sein evolutionäres Siegerbewusstsein. Und manchmal sogar noch ein Hund. Wenn ich nicht beiseite springe, müsste der Radfahrer unter Umständen anhalten, und das ist ihm schon aus verkehrspolitischen Prämissen der Postdiesel-Ära nicht zuzumuten.

Übrigens hatte ich kürzlich auch auf einer vergleichsweise breiten Ostseepromenade beiseite zu springen, einer Promenade, auf der man einst zu Klängen der Kurkapelle geruhsam flanierte. Die Kurkapelle ist längst pleite, gehen Sie also bitte auseinander.

Das Langsame ist sowieso überholt. Auch die Freizeit beschleunigt sich. In Funktionswäsche kann man auch nicht flanieren. Im Schwarzwald strampelte mir doch mal eine Horde Mountain-Biker stressverzerrten Gesichts an einer besonders schönen Tanne vorbei, vor der man, dachte ich, doch stehenbleiben und innehalten muss, innehalten und hinaufschauen. Aber der Blick der Geräderten haftete am Waldboden. Nur kurz wird da höchstens der digitale Quälgeist am Armband befragt, ob die Pulsfrequenz auch gehörig am Anschlag ist.

Natürlich gibt es auch entspannte Radfahrer. Vor allem bergab. Dann steigert ihre atemberaubende Beschleunigung ihre Gefährlichkeit, besonders, wenn sie davor dem Alkohol zugesprochen haben.

Dem Fußgänger ergeht es wie vielen Ureinwohnern. Er ist zu rückständig, um anständig behandelt zu werden. Er verliert zuerst an Reiter und Postkutschen seine Wegerechte, dann an Bahn und Auto und schließlich an Fahrrad, Roller, Skateboard und alles, was noch kommen wird. Er kann gehen.

10:26 28.07.2017
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Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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