Von Gut zu Böse

Beschimpfungen Nach dem „Gutmenschen“ ist jetzt der Sozialismus im Strudel der Abwertung
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Von Gut zu Böse
Hi, na? Der „Gutmensch“ schlechthin: Ned Flanders

Bild: imago images/Cinema Publishers Collection

Das Beschimpfen hatte es schon immer schwer, denn die Sprache bietet meist nicht etwas an, das wirklich weh tut. Viele Beschimpfungen sind altersschwach, verrostet und verrottet wie etwa "Sie Unhold! Schurke! Flegel!”

Auch deshalb wohl greift man seit einiger Zeit zu dem Stilmittel, unverbrauchtes Wohlmeinendes als Schimpfwort zu gebrauchen. So fühlte ich mich anfangs vom Titel “Gutmensch” gar nicht beleidigt. Erst, als ich erfuhr, dass ich linksversifft sei, suchte ich nach dem Schlechtmenschen in mir, finde aber immer noch niemanden.

Ähnlich nun geht es seit einigen Tagen mit dem Sozialismus. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nannte die Enteignungsphantasien von ausgeweideten Wohnungsmietern “sozialistische Ideen”.

Nun waren schon immer sozialistische Ideen grundsätzlich viel, viel schöner als real existierender Sozialismus. Sozialismus, so lernte ich, ist schön, aber erst in der unerreichten, ja womöglich unerreichbaren Vollendung.

Der demokratische Sozialismus steht trotzdem hartnäckig als Ziel im Hamburger Parteiprogramm der SPD. Ohne sich klugerweise allzusehr festzulegen.

In Bayern, wo zum Beispiel “Familienclan” ebenso kein Schimpfwort ist wie “kapitalistisch”, bedeutet Sozialismus eine Todsünde, die Grundbuchbrandstiftung. Deswegen ist es auf ewig ein Schimpfwort.

(Es soll ja übrigens Mieter geben, die sich mal eine Zusatzrentenversicherung haben aufschwatzen lassen, welche, was man nur im Kleingedruckten findet, durch Erträge aus Immobilienfonds zustande kommt. Diese Mieter wissen gegebenenfalls also nicht, dass sie sich selbst enteignen wollen. Naive sozialistische Gutmenschen quasi. Tiefer kann man nicht sinken.)

Ich rechne mit weiteren Umdeutungen des Positiven.

“Du Demokrat, du!”, wenn man allzu stur auf Mitreden und Mitentscheiden beharrt.

“Das sind doch Menschenrechts-Ideen!”, wenn allzu zänkisch herumemanzipiert wird.

Wer hätte auch vor hundert Jahren gedacht, dass “Diesel-Fahrer” eine Beleidigung wird?

Man kann natürlich politisch neutral bei gängigen Alltagsbeleidigungen bleiben. Aber auch da stellt sich überraschend heraus, dass regelrecht verunglimpft wird.

Mit “Du Arschloch!” etwa wird man auf ein bei Licht besehen (aber wer macht das schon) durchaus höchst sinnerfülltes Körperteil angesprochen. Doch ist die Ansprache der unbestritten nützlichen Körperöffnung negativ konotiert. Warum nur? Missbilligt man von jeher alles Gute am Menschen?

Das Beleidigen ist viel schwerer, als man, wenn überhaupt, denkt.

09:21 10.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
Schreiber 0 Leser 17
Frank R

Kommentare 3