Wie es kam, dass alle gingen

Hass Kleine Mengenlehre der Antipathien
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So richtig los ging es mit dem Hassen nach meiner Beobachtung erst, als die Menschen anfingen, die Zahl ihrer Freunde zu vervielfachen.

Überall wurden Herzchen und Sternchen vergeben und erhascht, während abseits der gegenseitigen Beklickung die Missgunst aus dem Boden schoss wie früher die Pilze.

Denn nun kannte man genug Gleichgesonnene, um getrost den Rest der Menschheit in die virtuelle Tonne zu treten.

Bald gab es mehr Adrenalin auf der Erde als Erdöl.

Die Vegetarier zum Beispiel verachteten (außer inkonsequente Vegetarier) die Fleischfresser und machten sie für den Weltuntergang mitverantwortlich. Der war zwar noch nicht eingetreten, aber das war nur eine Frage der Garzeit. Die Zoophagen hingegen verachteten demonstrativ schlemmend die verhinderten Wiederkäuer.

Schon rabiater ging es im Straßenverkehr zu, denn wie hieß es so schön: der Weg ist das Kampfziel. Was der Radfahrer an globalen Ressourcen schont, investiert er umgehend in nachhaltige Wutanfälle gegen die galvanischen Käfiginsassen.

Autofahrer hingegen ärgern sich schon immer über alles, was nicht Straße ist. Im Zweifel bremsen sie eher für Eichhörnchen als für Funktionswäsche auf Rädern. Außerdem hassen sie auch ihresgleichen, denn die Welt ist nach einer raumgreifenden Annahme eine exklusive Sonderanfertigung für Max Mustermann.

Fußgänger hatte übrigens schon lange keiner mehr auf der Rechnung. Denen verblieb es immerhin, die Hunde zu hassen. Welche ihrerseits immer vergeblicher den Briefträgern nachstellten, da diese von autonom fahrenden Zustellfahrzeugen ersetzt worden waren, die von den Zustellern natürlich von Herzen gehasst wurden.

Doch die Nahrungskette der Wut wurde immer verschlungener!

So konnten Verkehrsteilnehmer aller Art, selbst jene, die radlos unter so genannten öffentlichen Verkehrsmitteln litten, beispielsweise auch Patienten sein oder Touristen und zogen sich dadurch die Verachtung der Reiseleiter oder Krankenpfleger zu, denn Ausübende von Dienstleistungsberufen leiden häufig darunter, Dienste leisten zu müssen und giften deshalb über jene, die ihnen ihren Broterwerb eingebrockt haben.

Ähnlich verachten auch IT-Techniker die struntzdummen PC-Anwender als lästige Störenfriede im Garten der Geräte.

Woraus sich alsbald weitere interessante Antipathien ergaben! Denn da waren nun auf einmal radfahrende, computernutzende Fleischfresser und/oder aber auch autofahrende, vegetarische IT-Fuzzis! Reiseleiter wurden zu Patienten und umgekehrt!

Des weiteren beflügelt wurde die Hasskultur seit Adams Zeiten durch den üblichen Geschlechterkrieg oder ersatzweise Homophobie, die Verachtung der Alten durch die Jungen wie auch hier umgekehrt. Der Zorn der Frommen wider die Gottlosen (in vielen Geschmacksrichtungen) durfte natürlich ebenso nicht fehlen wie der Dünkel der Pigmente, und Mützentragende verachten bekanntlich Huttragende wie Nichtstragende die Schlipstragenden, Kaffee-im-Sitzen-Trinker die Kaffee-im-Gehen-Trinker, Schwiegermütter die Schwiegertöchter undsoweiter undsofort.

Ich will an dieser Stelle aufhören, nachdem klar geworden ist, dass die Facetten des Hasses so bunt sind wie ein Hassobjekt für Schwarzweißfilmfreunde, und ich will mir auch nicht den Hass der Langtextfeinde zuziehen.

Außerdem ist das Unbehagen am Hass längst ein Allgemeines und wird seinerseits bereits gehasst.

Die große Frage und das Wunder des Lebens ist nun aber, warum wir noch am Leben sind.

Natürlich wuchert der Hass immer häufiger in Terror und Amok, aber verglichen mit dem Gefühlshaushalt der meisten Menschen geht es erstaunlich friedlich zu. Es wird gemailt oder höchstens geschrien. Das ungezügelte Ausleben bestehender Hassgefühle sieht man nur in Zombiefilmen.

Bei Wahlen wird nur höflich für diskrete Anwälte der Wut gestimmt, die etwas voreilig versprochen haben, dass sich die Menschen wenigstens lokal lieben könnten, eventuell. Doch das kann nach Kenntnis der errreichten Vernetzung gar nicht sein. Niemand wird je noch mit irgendjemandem einverstanden sein.

Darüber besteht Konsens, denn der Mensch ist ein Herdentier.

21:04 25.08.2016
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Geschrieben von

Frank R

Frank Rawel, * 1957 Asyl dem flüchtigen Wort
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Frank R

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