Seht einfach so aus, wie ihr ausseht

ALLTAG "Real Life" vermittelt Kleindarsteller, Statisten, Zuschauer, Gäste für Talkshows, Gameshow-Kandidaten und Doppelgänger an alle Branchen, die Gesichter und spezielle Typen suchen. Jugendliche zwischen 13 und 24 Jahren kommen am häufigsten zum Casting

Sie hebt das Baby in die Luft. Die junge Mutter steht vor einer weißen Fotowand und streckt beide Arme aus. So als wolle sie ihr Kind weggeben, mitten hinein in die Linse des Fotoapparats von Maud Kuckhoff. Das Baby gluckst, während Kuckhoff, Chefin der Berliner Casting-Agentur "Real Life", den Auslöser bedient. Zweimal drückt sie ab. Nach dem Shooting fährt die Mutter ihre Arme wieder ein, holt das Kind zu sich an den Körper zurück und küsst es auf die Wange. Das Baby selbst ist zu einer Nummer geworden. Über 5.000 solcher Nummern lagern in Kuckhoffs blauen und roten Ordnern, die sich in den Regalen ihres Büros stapeln.

Alle paar Minuten klingelt das Telefon auf dem Schreibtisch von Kuckhoff. Sie nimmt den Hörer von der Gabel. "Kommt einfach so her, wie ihr jeden Tag rumlauft und stylt euch nicht auf. Seht einfach so aus, wie ihr ausseht." "Real Life" vermittelt Kleindarsteller, Statisten, Zuschauer, Gäste für Talkshows, Gameshow-Kandidaten und Doppelgänger an alle Branchen, die Gesichter und spezielle Typen suchen. "Manchmal wird nach einer alten Oma mit zerfurchtem Antlitz gefragt. Oder irgendjemand will zehn Kinder, die auf Kommando losheulen", sagt Kuckhoff.

Drei Mal in der Woche finden in ihrer Agentur Castings statt. Omas mit zerfurchten Gesichtern klingeln eher selten an der Tür. Kuckhoffs Klienten sind meist Jugendliche zwischen 13 und 24 Jahren. Um die 100 Mark können sie als Statist verdienen. Sie alle wollen entdeckt werden. Was die sogenannte Jugend sonst so will, fühlt und denkt oder wie ihr Verständnis zum sozialen, gesellschaftlichen und politischen Engagement ist, hat die 12. Studie des Jugendwerkes der Deutschen Shell untersucht. Die Studie 2000 drückt in Prozentzahlen das Befinden der Jugend aus. Eines ihrer interessanteren Ergebnisse ist dies, dass es "die" Jugend eigentlich gar nicht gibt, weil sie jeder einzelne anders erlebt.

In Bezug auf die Zukunft der Gesellschaft sind sich Jugendliche in Ost und West erstaunlich einig. Es finden sich keine Ost-West-Unterschiede. Alles in allem sind die Zuversichtlichen (53 Prozent) etwas zahlreicher als die Düsteren (47 Prozent). Rechnet man nur die 15- bis 24-Jährigen, so halten sich beide Gruppen die Waage (je 50 Prozent). Die Jüngeren sind deutlich optimistischer, die Älteren zeigen sich viel skeptischer. Am skeptischsten ist die Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen, also diejenigen, die sich in der klassischen Jugendphase befinden und auf die Volljährigkeit zugehen. *

Über 5.000 Menschen warten zwischen den jeweils zwei Pappdeckeln der Ordner auf einen Job. Jeder von ihnen kam eines Tages zu "Real Life", zahlte die acht Mark Bearbeitungsgebühr und ließ zwei beleuchtete Negative im Kleinbild-Format auf Kuckhoffs Farbfilm zurück. Über 5.000 Mal wurde hier der eine Gedanke gedacht: "Vielleicht werde ich ja berühmt."

Nur offen ausgesprochen wird er eher selten. Thomas Bühl aus Frankfurt am Main lebt seit fünf Jahren in Berlin. Mit lässigem Schritt wuchtet er sich auf einen der Regiestühle in Kuckhoffs Agentur, greift nach einem der Fragebögen und drückt seine biographischen Daten mit der Kugelschreiberspitze in ihn hinein. Bühl redet nicht gern. Das würde seine Lässigkeit stören. Also schreibt er Namen und Telefonnummer auf und redet nebenbei, ohne den Kopf vom Fragebogen abzuwenden. Über Träume und Wünsche habe er noch nicht groß nachgedacht, behauptet er. Dass er nach dem Studium einen Job bekommen wird, davon geht er aus. Nach den ersten Berufsjahren will er um die 3.000 Mark verdienen, sagt er. Bühl legt den Kopf mit den langen Haaren auf die Schulter und setzt ein Kreuzchen bei Werbetyp und noch eins bei Kleindarsteller. Das Kästchen Aktmodell

lässt er frei. "Einen Bausparvertrag? Klar würde ich den auch abschließen", sagt Thomas Bühl. Zukunftsangst habe er nicht. "Es wird schon irgendwie weitergehen." Ob er mit sich zufrieden sei, vielleicht lieber zehn Zentimeter größer oder kleiner wäre? "Es ist alles okay. Bislang bin ich gut durchs Leben gekommen. Meist sehr unauffällig und ruhig. Das war das Beste."

Arbeitslosigkeit, Globalisierung, Rationalisierung sind inzwischen nicht mehr "bloß" eine Randbedingung des Aufwachsens. Sie sind nicht mehr "bloß" Belastungen des Erwachsenenlebens, von denen Jugendliche in einem Schonraum entlastet ihr Jugendleben führen können. Sie haben inzwischen vielmehr das Zentrum der Jugendphase erreicht, indem sie ihren Sinn in Frage stellen. Wenn die Arbeitsgesellschaft zum Problem wird, dann muss auch die Jugendphase als Phase der biografischen Vorbereitung auf diese Gesellschaft zum Problem werden. *

"Ob ich tagsüber zu erreichen bin. Da bin ich doch in der Schule und schalte mein Handy ab", sagt die 17-jährige Nadine. Sie ist mit ihrer 16-jährigen Cousine Christin und dem 18-jährigen Christian, einem Freund, zu "Real Life" gekommen. Nadine wohnt allein. Sie ist aus dem Hause ihrer Eltern ausgezogen, wie sie sagt. Anfangs zur Oma, und jetzt lebt sie in ihrer ersten eigenen Wohnung. "Wirke ich wie eine Französin?", fragt sie. "Ja du siehst schon ein bisschen wie eine Französin aus", antwortet ihr Christin. Nadine schreibt "Französin" in die Spalte "Nationalität vom Naturell". Zu ihrem Gewicht wollen sich die beiden Mädchen nicht äußern. "Das schwankt", sagen sie zu Maud Kuckhoff.

Schwankend stehen sie auch ihrer Zukunft gegenüber. Alle drei haben Angst vorm "Abrutschen". Sozialhilfe zu empfangen wäre der reinste Horror für sie. Doch dann sagt Christian, dass er daran glaubt, irgendwie immer über die Runden zu kommen. "Ich finde bestimmt einen Job, wenn es sein muss", sagt er. "Einen Job findet man schon. Aber ob man den auch machen will", antwortet ihm Nadine.

Christian überlegt. Dann sagt er, dass er sein Abitur nur absolviere, weil er Angst habe, auf ein niedriges soziales Niveau abzurutschen. Nadine wünscht sich zu schreiben, um ihre Gedanken anderen mitzuteilen. Christin will Schauspielerin werden, weil ihre Mutter oft zu ihr sagt, dass sie so witzig sei und eigentlich ins Fernsehen gehöre. Christian will nach Amerika, weil man dort das macht, was man kann, egal ob man dazu qualifiziert ist oder nicht. Dann sind die drei Jugendlichen wieder still. Die eben erlebte Euphorie löst sich auf. Die Träume weichen der Angst und die Angst einer neuen Idee. "Es wäre phantastisch, Schauspieler zu sein", sagt Christian plötzlich, und Nadine kann sich auf einmal auch vorstellen, Regie in einem großen Kinofilm zu führen. Christin möchte gerne Cutterin werden, weil sie schon einmal einen Cutter bei der Arbeit zugeschaut hat.

Die Ursachen für die gesunkene Chancenstruktur der heutigen Jugend sehen diese im Tun bzw. Unterlassen der Erwachsenengeneration und insbesondere der Politiker und politischen Parteien. Letztere appelliert daran, dass der Jugend die Zukunft gehöre, sofern sie sich anstrengt und ihre Chancen ergreift und dass die Gesellschaft selber nur dann eine Zukunft hat, wenn sie ihrer Jugend Zukunft sichert. Erstere dagegen birgt eine Fülle von Erfahrungen, dass eben diese Chancen und diese Zukunft fragwürdig und ungewiss geworden sind. *

"Ich will es zu etwas bringen, um meinen Eltern zu zeigen, dass sie alles richtig gemacht haben", sagt Christian. Nadine guckt ihn von der Seite an. "Ich würde gerne mal so richtig frei sein und das machen, was ich will. Einfach von heute auf morgen meine Sachen packen und um die Welt fahren", sagt sie. "Ich will ganz viele Kinder", sagt Christin. Christian meint, dass er eigentlich nicht heiraten möchte, und wenn, dann würde er das auch nur wegen der Steuerklasse machen. "Man muss doch auch mal kapitalistisch denken." Nadine guckt ihn taxierend von der Seite an und sagt: "Sei doch einmal etwas aufmüpfig." Dann wird sie fotografiert. Sie stellt sich locker auf die Fußstapfen der Fotofläche und stemmt die Hände in die Seite. Christin folgt ihr und reckt den Oberkörper nach vorn. "Ich will mal so richtig viel Geld haben", sagt sie. Tausend Mark würde sie gerne mal finden, die sie dann an einem Tag ausgeben würde, behauptet sie. Wenige Augenblicke später würde sie einen Teil weglegen und von den tausend Mark nur noch zweihundert nehmen, um sich mit dem Geld zu amüsieren. Das restliche Geld würde sie eines Tages für ihre Fahrerlaubnis ausgeben.

Die Jugend gibt es nicht. Um generalisierende Aussagen machen zu können, ohne in unzureichende Pauschalisierungen zu verfallen, wurde innerhalb unserer Stichprobe in Gruppen unterteilt, deren Mitglieder eine möglichst große Nähe zueinander haben. Auf diese Weise haben wir Typen gebildet und sie porträtierend miteinander verglichen: die "Kids" sind eine Gruppe von ihnen. Insgesamt lässt sich dieser Typus so charakterisieren: es sind jüngere Schüler, die erst auf dem Weg ins Leben sind, die in der traditionellen Jugendphase von 14 bis 17 stecken, noch relativ wenig festgelegt sind. Als Noch-Nicht-Festgelegte könnten sie Aufmerksamkeit erwecken und die Frage auf sich ziehen, wie sie wohl später werden. Doch darauf kann unsere Querschnittsstudie keine Antworten geben. *

*) Auszüge aus der Shell-Studie "Jugend 2000"

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