Die Welt von Heute

Sozialökonomischer Essay Die Pandemie akzeptieren, verstehen und nutzen. Wie sich unser Leben ändert – und wofür wir das zulassen sollten
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Die Pandemie ändert unser Zeitgefühl und unser Koordinatensystem. Die kurze Inkubationszeit der neuen Wirklichkeit reicht nicht aus, damit wir diese vollständig erfassen, anerkennen oder mit ihr umgehen könnten. Einige scheuen die Auseinandersetzung mit ihr vollständig. Es möge doch einfach nur vorbei sein! Der neue Alltag kostet eh schon eine Menge Nerven – wieso noch mehr davon für‘s Kopfzerbrechen opfern? Weil die Welt von Morgen davon abhängt, wie wir das Gestern und Heute wahrnehmen.

Im Moment warten wir nicht auf das Ende der Pandemie. Wir können es nicht mehr hören, aber die Pandemie steht noch immer am Anfang. Wir versuchen gerade, ihre erste Welle abzufangen. Wir bereiten uns vor, eine zweite und dritte Welle durch gemeinsame Rücksichtnahme gar nicht erst zuzulassen. Wir werden mindestens ein Jahr keine alte Normalität haben. Das heißt nichts anderes, als dass wir mit unserem Leben sehr behutsam weitermachen. Wir werden die Corona-Lage wie den Wetterbericht zur Kenntnis nehmen. Und wir werden weiterhin Menschen durch das Virus verlieren. Und nein, es sterben nicht nur „die Alten“!

Die Gründe? Das erlösende Impfmittel wird länger auf sich warten lassen. Eine kurzfristige Herdenimmunität ließe sich nur durch horrende Lebensverluste mit weitaus unheimlicheren gesellschaftlichen Zuständen erkaufen, als wir sie schon erleben.

Womit wir es zu tun haben

Alleine in Europa sind in den zwei Monaten seit dem Valentinstag 2020 nach den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität rund 80.000 Menschen an oder mit einer Corona-Infektion verstorben. Viele tun sich schwer, diese Realität überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, d.h. sich die Dimensionen und die Dynamik klar zu machen. Sonnenschein und Frühlingsluft überlagern die dunklen Ahnungen – solange man selbst nur leichte Verläufe kennt oder die eigene Familie nicht betroffen scheint.

Hinzu tritt der wahrnehmungshemmende Umstand, dass die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt nie Krieg, Massenleid oder auch nur eine existenzielle individuelle Krise erleben musste. Die Vorstellungskraft, oder besser, das Fürmöglichhalten anderer Wirklichkeiten schien allein im Reich der Drehbücher und Filme angesiedelt. Realität war immer nur das, was von der Phantasie völlig getrennt existiert. Es ist ausgerechnet diese Verhaltensorientierung des „Realismus“, die den Umgang mit neuen Umständen und Eindrücken schwerfällig macht. Die Wirklichkeit erscheint mitunter so unwirklich wie gutgemachte Fiktion. Wir werden einfach nicht warm mit ihr. Wir schaffen es, sogar verstandene Sachverhalte und Notwendigkeiten durch Reflexe der inneren Flucht zu verdrängen oder an den Rand zu schieben.

Psychologie und Mathematik der Krise

Nicht wenige berichten in diesen Tagen über eine instabile und nervenaufreibende Gefühlsachterbahn, die in der Symptomatik einer bipolaren Störung ähnelt. Manische Stimmung, wenn alles beherrschbar und die Sonne einfach unfassbar hell scheint. Krisenrealismus, wenn man um die reale Gefahr ahnt, sich aber vorbereitet und sicher wähnt. Depression und Angst, wenn man selbst oder die Liebsten durch das Virus oder von sozialer Zerrüttung bedroht sind; wenn man in einer „Wo soll das alles nur hinführen?“-Spirale regelrecht absackt. Ein Blick in die Nachrichten- und Meinungsmedien gibt zu allen Affekten gleichzeitig Anlass. Die Einen: „In Deutschland wird es übertrieben! Die Sterberate ist doch gar nicht so hoch! Manche Klinik hat gar nichts zu tun!“ Andere antworten mit kühl vorgetragenen Fakten: „Dafür machen wir ja den Lockdown, um die Belastung und die Sterberate niedrig zu halten! Schaut euch mal die Zustände und Todeszahlen in anderen Ländern an – und die haben gar keine oder teils noch härtere Maßnahmen am Laufen!“

„Schluss damit! Am Ende haben wir eine Sterblichkeit wie bei einer Grippe!“, möchten wieder andere darauf antworten. „Ich habe von der Heinsberg-Studie gelesen, nach neuesten Zahlen sterben nur 0,37 Prozent der Infizierten, alles gut! Lasst uns wieder an die Arbeit gehen!“ – An dieser Stelle kommt man nicht umhin, auf die Begrifflichkeiten und die „Mathematik“ der Pandemie einzugehen. So kann man den ethischen und handlungspolitischen Horizont der sozialökonomischen Herausforderungen kennenlernen und sich eine Vorstellung der möglichen Wirklichkeiten machen.

Gibt es eine geringe „natürliche Sterberate“?

Halten wir uns die Bedeutung der erwähnten Letalität von 0,37 Prozent vor Augen. Sie weicht stark von empirischen Sterbequoten ab, welche das Verhältnis der gestorbenen Infizierten zu den Fallzahlen einer Epidemieregion abbilden (Infizierten- oder Fall-Verstorbenen-Anteil). In regionalen Clustern wie Wuhan und New York oder in sozialmedizinisch gut aufgestellten Ländern wie Südkorea oder Deutschland kommen teilweise stark abweichende Werte zustande. Die verkürzte Interpretation der 0,37 Prozent als allgemeine Sterbewahrscheinlichkeit von COVID-19 basiert letztlich auf einem stichprobenartigen Abgleich erfasster Fallverläufe in der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg.

Die ermittelte Letalität beruht zudem auf Antikörpertests zur nachträglichen Erhebung der Gesamtinfiziertenzahl, deren Testgenauigkeit umstritten ist. Die Heinsberg-Letalität kann also allenfalls so etwas wie eine hypothetische ideale Letalität sein. Mancher Beobachter hält sie für verharmlosend, weil sie stillschweigend strenge Isolationsmaßnahmen und ein normal funktionierendes, nicht überlastetes Gesundheitssystem während des gesamten Epidemieverlaufs voraussetzt. Fest steht: Alle bisher bekannten empirisch ermittelten Quoten, ob einzeln oder als Mittelwert, geben keinesfalls die „natürliche Sterberate“ von Corona an. Sie machen eher die regionalen, historisch-sozialen, institutionellen und verhaltensbasierten Umstände einer spezifischen epidemischen Ausprägungsform der Pandemie deutlich.

Kurz: Wir bestimmen zum Gutteil selbst, wie tödlich Corona ist – und werden kann.

Was ist mit der „stillen Explosion“ der Herdenimmunität?

Große Hoffnung ist mit der Dunkelziffer der Infektionen und Geheilten verbunden. Eine „stille Explosion“ dieser Zahlen, welche unbemerkt an den Testkapazitäten vorbei stattgefunden haben könnte, würde den unmittelbaren Pandemiedruck durch Teilimmunisierung der Population lindern und Lockerungsmaßnahmen ermöglichen. Rechnet man mithilfe der Letalität von 0,37 Prozent die amtlich bestätigten Todesfälle (ca. 3000 Tote bei Nicht-Überlastung des Gesundheitssystems) auf die Gesamtinfiziertenzahl hoch, so hätten wir in Deutschland ca. 800.000 statt 130.000 Infizierte. Wenn diese Zahlen auch hochspekulativ bleiben, so zeigen sie doch eines: Das Ziel der baldigen Herstellung einer Herdenimmunität ist selbst bei einer Verzehnfachung der bekannten Infektionszahlen illusorisch.

Kurz: Die Hoffnung, dass uns eine „stille Explosion“ der Herdenimmunität zeitnah und ohne große Lebensverluste rettet, ist vergebens.

Vielleicht ist es ja doch sowas wie eine Grippe?

Eine Grundlage für empirisches und modellierendes Spekulieren über das, was uns widerfahren könnte, bieten die Szenarien der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi) von Ende März. Eine sehr gute Erläuterung hierzu findet sich bei Mai Thi Nguyen-Kim von maiLab.

Die Grippe trifft – im Unterschied zu Corona – stets auf eine sozialmedizinisch gut vorbereitete Gesellschaft und eine teilimmunisierte Population. Sie ist zudem saisonal, d.h. sie ist über die Jahreszeiten mal schwächer, mal stärker, was für epidemische Entlastungsphasen sorgt. Für die sehr stark ausgefallenen Saisons 2016/17 und 2017/18 liegen die laborbestätigten Todesfälle bei insgesamt 2.396. Die durch Abgleich mit der allgemeinen Sterblichkeit angestellten Exzess-Schätzungen belaufen sich für die zwei Jahre allerdings auf insgesamt 48.000 Todesfälle.

Nehmen wir an, dass die Corona-Epidemie nicht a) durch massive soziale und politische Maßnahmen, b) durch Impfung und Teilimmunität sowie c) durch saisonale Eigenschaften signifikant verlangsamt oder gar auf ein Minimum eingedämmt wird. Dann geht die erste Welle „mit spitzer Kurve“ innerhalb weniger Monate durch uns hindurch. Das würde für Deutschland mit der genannten „idealen“ Heinsberg-Letalität von 0,37 Prozent bedeuten: mindestens 200.000 Lebensverluste innerhalb von etwa 100 Tagen (angenommene Herdenimmunität bei infizierten 65 Prozent der Gesamtpopulation ≈ 54 Mio. Menschen).

Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht bisher von einer geschätzten Letalität von 0,56 Prozent aus, welche in verschiedenen Verlaufszeiträumen etwa zwischen 200.000 und 350.000 Lebensverluste in Abhängigkeit von der Wirkung des aufgebauten Immunschutzes, von Quarantänemaßnahmen und von möglicher Saisonalität bedeuten würde.

Wohlgemerkt sind beides zurückhaltende Schätzungen unter der Voraussetzung, dass alle schwer Erkrankten und Intensivpflichtigen unabhängig von der üblichen Krankenlast der Bevölkerung optimal versorgt werden könnten – was für das hochgerechnete „schnelle Heinsberg-Szenario“ unrealistisch ist. Die vielbesprochene Infiziertenkurve würde im RKI-Szenario durch die Senkung der Reproduktionszahl von drei auf etwa eine Folgeansteckung pro Erkrankten auf bis zu zwei Jahre „abgeflacht“, was die Last auf den Intensivkapazitäten wohl verträglicher gestalten würde.

Kurz: Unsere derzeitige Lage ähnelt dem RKI-Szenario vorbehaltlich der Entdeckung eines Impfschutzes. Selbst vorsichtige Schätzungen der Sterbezahlen und auch die Verlaufsszenarien sind definitiv nicht mit „der Grippe“ der letzten Jahrzehnte vergleichbar.

Wenn wir es schnell und schmerzhaft hinter uns bringen?

Nun kann man, wie wir es aus den zynischen Kosten-Nutzen-Abwägungen der Welt von Gestern zu wissen glauben, über „die paar bedauerlichen Opfer“ hinweggehen. Immerhin vernichtet eine Wirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes auch Lebensmöglichkeiten. Doch abgesehen davon, dass die Krisenanfälligkeit schon des „funktionierenden“ Kapitalismus legendär und seine bisherigen Opfer ungezählt geblieben sind: Die wenigsten Statistikprofis der „alten Welt“ können auch nur annähernd die Vorstellungskraft aufbringen, sich den heraufbeschworenen Wirklichkeitsablauf etwa mit den Zahlen des „schnellen Heinsberg-Szenarios“ auszumalen. Es zeigt sich ein Phänomen, das bisher vor allem der als „autistisch“ kritisierten Volkswirtschaftslehre zugeschrieben wurde: Das völlige Ausblenden des Faktors „vergesellschafteter Mensch“.

Da wären die zu erwartenden Zustände in Pflegeheimen, Krankenhäusern, Behinderten- und Reha-Einrichtungen. Da wäre die Todesangst bei den Herz-, Krebs-, Tumor- und Lungenkranken sowie den sonstig Gefährdeten und weniger schwer Kranken, die auf eine parallele Behandlung durch das Gesundheitssystem angewiesen sind. Könnten wir unter diesen Umständen einen „ungestörten Wirtschaftsverlauf“ annehmen und was würde mit der Gesellschaft bei einer möglichen zweiten und dritten Welle geschehen? Kann es bei einer global wütenden Pandemie überhaupt das international verflechtete Wirtschaften der alten Art geben, auf das die „Export-Nation“ Deutschland angewiesen wäre? Was würde die Entscheidung, die eine Gesellschaft im Angstmodus für das „Weitermachen wie bisher“ trifft, aus deren bisher so hochgehaltenen Rechten wie Menschenwürde und Gleichbehandlung machen?

Die Erkrankten, ihre Angehörigen und anschließend hunderttausende Arbeitskräfte in Pflege und Gesundheit wären die ersten, die uns das Herz zerreißen würden.

Fatale Ignoranz – das autonome Individuum von Gestern lässt grüßen

Zustände, wie sie sich etwa in den USA langsam aufbauen, deuten die ethische Unmöglichkeit eines solch ignoranten Umgangs mit der Seuche an. Die Amerikaner hätten es besser wissen müssen: „If all you have is a hammer, everything looks like a nail.“ Ihre Form des Radikalindividualismus kannte nicht viel mehr Problemlösestrategien als einen verwegenen Cowboy oder eine Meute verwegener Cowboys – der Rest musste sehen, wie er kommt. Bisher sind noch alle Staaten, selbst die USA, an den Punkt gelangt, ihre anfängliche Hoffnung auf das Weitermachen-wie-bisher aufzugeben; bis auf jene Staaten, deren materielle und institutionelle Machtlosigkeit – zu der die vorgenannten historisch maßgeblich beigetragen haben – das kaum zulässt. Wir genießen das Privileg einer Handlungsalternative – entscheiden wir uns gegen das alte Laissez-faire und beweisen Solidarität.

Der Umgang mit der Pandemie sollte zu keinem Zeitpunkt als Krieg veranschaulicht werden. Wir brauchen vielmehr einen Modus Vivendi, der uns ein Leben mit ihr ermöglicht. Das ist nicht nur wichtig für unsere psychische Hygiene, sondern für die Zeit nach Corona. Wollen wir positive Lehren aus der Zeit der Seuche ziehen, dann müssen wir offen und positiv mit ihr umgehen. Freund-Feind-Denken spaltet jetzt noch mehr als vorher schon. Fallen wir in die Verhaltensweisen der alten Welt zurück, handelt also jeder nach dem Gesetz des kurzfristigen Eigennutzes – werden alle dafür bitter bestraft. Welle für Welle.

Mit einer anderen Individualität zur sozialen und ökonomischen Transformation

Die Pandemie erlegt uns aber auch ein Seuchenregime auf, das schnell mit einem autoritären Staat und planwirtschaftlicher Ökonomie verwechselt werden kann. Zweifellos trägt es Züge dieser beiden historisch bekannten Zustände. Paradoxerweise eröffnen sich dadurch neue alte Perspektiven auf die Welt nach der Seuche. Denn wir haben keinen selbstermächtigten autoritären Staat mit Planwirtschaft, sondern gestalten einen verfassungsrechtlich und demokratisch legitimierten Sozialstaat mit dem Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft. Für unser Leben im Morgen ist die Seuche weder als gut noch als schlecht einzuordnen. Es liegt am vertrauensvollen Zusammenhalt von uns und unserem gewählten politischen Führungspersonal, ob wir die uns aufgenötigten Lebensumstände ins Negative abgleiten lassen oder ob wir das Positive darin verfolgen und ins Morgen mitnehmen.

Das Klima und unsere Umwelt wurden und werden nicht durch grenzenlose Freiheit und Selbstbestimmung gerettet. Genauso wenig ist die gerechte Verteilung von Ansprüchen auf das Produkt der Gesellschaftswirtschaft ohne staatliche Eingriffe in ihre kapitalistisch überformten Prinzipien und Mechanismen möglich. Die Freiheit des Einzelnen muss ihre Beschränkung in der Freiheit aller und der nachhaltigen Behandlung ihrer Lebensgrundlage finden. Die Entfaltung dieser anderen Individualität hat bereits begonnen. – Die arbeitsteilige Gesellschaftswirtschaft ist nicht mit ihrer wenige hundert Jahre alten historischen Form des Kapitalismus identisch. Ihre Transformation ist möglich und liegt näher denn je zu vor. Um diese Transformation aber einzuleiten, ist ein gemeinschaftliches Durchleben der Pandemie nötig. Der erste Schritt: die Neuentfaltung sozialen und ökonomischen Lebens nach den harten Ausgangssperren und den gemäßigten Ausgangsbeschränkungen in ganz Europa.

Eine europäische Epidemie-Steuerung?

Wie die Corona-Pandemie verlaufen wird, hängt vom Zustand der Gesundheitssysteme, den technischen Möglichkeiten der digitalen Nachverfolgung, vom Handeln von Staaten und Institutionen sowie schließlich von der Mitmenschlichkeit, der Disziplin und vom Ideenreichtum der Bevölkerungen ab. In Deutschland und Europa gibt es zwei Möglichkeiten des Seuchenregimes: Eindämmung und Verlangsamung. Meistens geht man von einem Entweder-Oder der Unterdrückung von Neuinfektionen durch gründliche Nachverfolgung (Eindämmung) und der Vermeidung unkontrollierter Neuinfektionen durch Maßnahmen sozialer Isolation und Hygiene aus (Verlangsamung). Dabei wird es faktisch wohl auf eine gemischte Methodik des „Corona-Managements“ hinauslaufen (können). In diese Richtung geht die Empfehlung „Die Krise nachhaltig überwinden“ der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina).

Um die Zahl der Neuinfektionen für die Anwendung der Eindämmungsmethode auf das Niveau vor dem Ausbruch der Seuche zu bringen – also nahe 0 – wäre eine radikale Verschärfung statt eine Lockerung der bestehenden Maßnahmen nötig. Die Vorstellung dahinter ist, dass alle, außer die wenigen Infizierten, ein „normales Leben“ weiterführen können. In Deutschland gibt es immer noch 2.000 bis 5.000 Neuinfektionen pro Tag. Um diese Zahl für die Erreichung eines neuen Startpunkts nahezu vollständig zu unterdrücken, müssten Betriebsstillegungen und das Unterbleiben nahezu aller noch möglichen Ausgänge wie haus- und familiengemeinschaftliches Spazierengehen und Sport verfügt werden. Damit hätten wir mindestens Zustände wie etwa in Spanien oder Italien. Dieser Schritt würde die Bevölkerung auch manch anderer europäischer Regionen, die bereits über einen Monat die soziale Isolation erdulden, an den Rand des Einknickens bringen.

Diese Option nach Vorbild des chinesischen Wuhan-Clusters verbietet sich vorerst aus sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gründen. Genauso wenig verlockend ist das Ziel der schnellen Erreichung der Herdenimmunität. Eine kurzfristige geordnete Durchseuchung ohne größere Nebenwirkungen ist nicht nur aus sozialer, sondern gleichwohl aus wirtschaftlicher wie politischer Perspektive eine Illusion. Beide Wege würden in der Europäischen Union zur Vertiefung der Gräben und womöglich zum Auseinanderbrechen führen. Die Pandemie bedarf einer paneuropäischen Therapie.

Der Weg der eindämmenden Verlangsamung

Die Alternative besteht in der kombinierten Methode der eindämmenden Verlangsamung. Die Voraussetzungen sind: Die solidarische Bereithaltung und der weitere Ausbau von Liege- und Intensivkapazitäten, die Re-Regionalisierung der Produktion von Hygiene- und Medizingütern, die Herstellung adäquater Testkapazitäten (v.a. in punkto Schnelligkeit bzw. Echtzeit-Lagebildern), die möglichst staats- und konzernfreie Digitalisierung der Nachverfolgung sowie ein lagebezogen einsetzbarer sozialpolitischer Maßnahmen- und Instrumentenapparat (als Finanz- und Sozialgemeinschaft). Das alles zusammengenommen ermöglicht die Steuerung der Epidemie ohne einschneidende und flächendeckende (Folge-)Ausgangsbeschränkungen. – Aber auch ohne die „alte“ Normalität für alle. Das könnte die soziale und demokratische, eben die europäische Antwort auf die Epidemie sein.

Wann tatsächlich Lockerungen der derzeitigen Ausgangsbeschränkungen angezeigt sind, hängt von der bereits geschehenen Vorbereitung und bereitgestellten Ausrüstung sowie von der Einschätzung der Anzahl entsprechend kontrollierbarer Neuinfektionen ab. Jedes europäische Land, ja, schon einzelne europäische Regionen weisen andere Epidemieverläufe, Gefährdungslagen und Letalitäten auf, die gesondert betrachtet werden müssen. Es wird ganz sicher Formen der Maskenpflicht oder Verhaltensvorgaben geben, welche die bisherige „Corona-Etikette“ ergänzen. Es ist möglich, dass es weiterhin „Clusterquarantänen“ gibt, aber der Ausschluss von zweiten und dritten Wellen der Epidemie mit einem entsprechenden flächendeckenden Rückzug von den Arbeitsstätten und Büros in unsere Wohnungen liegt im Bereich des Denkbaren.

Wir werden den Hinweisen und zuweilen auch Anweisungen von Gesundheitsämtern und Ordnungsbehörden weiterhin Folge leisten müssen. Das sollten gerade die von der Seuche wahrscheinlich weniger betroffenen biologisch Privilegierten mittragen, die am ehesten von Lockerungen profitieren. Es darf sich keine Diskriminierungshierarchie durch das Seuchenregime entwickeln. Die Infizierten genauso wie die Risikogruppen dürfen nicht zu Randgruppen werden, indem sie die sozialmoralischen Rollen der Schuldigen, der Schädlinge oder der Überflüssigen, letztlich also der Sündenböcke zugewiesen bekommen.

Die nächste Aufgabe: Die Gestaltung der Transformation

Die Corona-Pandemie hat das Potenzial, zum Katalysator einer Umgestaltung des Lebensverständnisses und der Wirtschaftsweise nicht nur Europas, sondern der gesamten Menschheit zu werden. Das sollten wir uns nicht von unserer Sehnsucht nach dem Gestern, der Angst vor dem Morgen oder der Hysterie und Spaltung im Heute nehmen lassen. Wir haben jetzt die Aufgabe, unsere Begriffe und Ideen endgültig von den alten Denkmustern zu befreien und die Transformation aktiv zu gestalten.

Dieser Beitrag schließt an Die Welt von Gestern vom 27.03.2020 an.

Der Autor ist im Netzwerk Plurale Ökonomik aktiv, das sich seit langem mit den transformativen "Chancen des nächsten Crashs" beschäftigt. Aktuell werden diese und neue Überlegungen auf der Plattform Exploring Economics gesammelt und diskutiert.

Frank Fehlberg hinterfragt v.a. den Zustand der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, insbesondere die blinden Flecken der institutionalisierten Volkswirtschaftslehre. Er plädiert für das Wissenschaftsmodell der Sozialökonomik, das historisch-soziale, ethisch-rechtliche und theoretische Perspektiven in Anlehnung an Max Weber u.a. wieder in eine Disziplin integrieren soll. Vgl. u.a. seinen Beitrag "Sozialökonomik und Kapitalistik" (2016).

Die spezifischen Definitionen der ugs. Begriffe der "Sterberate" oder "Sterbequote" als Letalität, Fall-Verstorbenen-Anteil und Infizierten-Verstorbenen-Anteil beziehen sich auf die Begrifflichkeit des Robert-Koch-Instituts. Vgl. den SARS-CoV-2 Steckbrief (abgerufen am 13.04.2020) unter https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html.
22:58 13.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Frank Fehlberg

Historiker und Sozialwissenschaftler
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Frank Fehlberg
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