Die Liebenden von Potsdam

Praxis Julia Schoch beweist auch mit ihrem neuen Roman „Selbstporträt mit Bonaparte“, dass ein schmales Buch gewichtig sein kann
Die Liebenden von Potsdam
Das Roulette-Spiel leuchtet dem Liebespaar als die ewigwährende, immer wieder von neuem beginnende Gegenwart wie nichts anderes ein

Foto: Christopher Furlong / Getty Images

Wer will mit Sicherheit sagen, ob es letztlich nicht nur ein Satz ist, der genügt, dass ein Mensch einem anderen als ungewöhnlich erscheint. Ob nicht ein Satz reicht, einem Menschen zu verfallen.

Wie in kaum einer anderen Stadt Ostdeutschlands schieben sich gerade in Potsdam die verschiedenen historischen Zeiten ineinander. Wenn man beispielsweise vor dem Schloss Sanssouci steht und die endlosen Weinbergterrassen auf den Park hinunterschaut, kann man linkerhand drei Plattenbauten sehen. Einen Betrachter, der reine oder glatte oder geglättete Ansichten bevorzugt, mag das stören. Andererseits hat dieser Anblick auch etwas Reizvolles. So im Kontrast.

Die 38-jährige Schriftstellerin Julia Schoch lebt in Potsdam, und dieses Setting, wenn man die natürliche Umgebung eines Menschen einmal so nennen will, spielt in ihrem nun erschienenen Roman Selbstporträt mit Bonaparte, der ähnlich dünn wie die Vorgänger ist, eine wichtige Rolle. Denn hier trifft die Ich-Erzählerin einen Mann, also Bonaparte, dem sie nach nur einem Satz verfallen ist.

Bonaparte kommt und geht wann er will. Er meldet sich am Telefon immer mit vollem Namen, was in der Frau, die uns ihre Geschichte erzählt, Erschrecken und Freude, in genau dieser Reihenfolge, auslöst. Er bleibt nie länger als eine Nacht. Und eines Tages, das weiß man dann schon recht bald, kommt er nicht mehr, wird er nie mehr kommen. Und eigentlich wäre die ganze Geschichte damit schon erzählt. Wenn nicht, wenn es nicht um Liebe ginge, also um eine echte und wahre, und jeder, der das kennt, weiß, dass der Liebe mit solcherart Äußerlichkeiten nicht beizukommen ist. Geschweige denn, dass sie so verstanden werden kann. Wenn sie überhaupt zum Verstehen da ist, die Liebe.

688 Eintrittskarten

Also, nochmal anders angefangen: Die junge Frau, um die es in dem Roman geht, ist Schriftstellerin. Sie lernt bei einem Historikerkongress, bei dem es um Ansichten der Vergangenheit oder vergangene Ansichten, vielleicht aber auch um Dinge angesichts der Vergangenheit geht, einen Mann kennen. Die beiden fahren ans Meer, an die Ostsee natürlich, gehen dort in ein Casino und spielen Roulette. Das tun sie des Weiteren den ganzen Roman hindurch; das ist eigentlich das einzige, was sie machen, wenn sie zusammen sind. Denn dieses Spiel leuchtet ihnen als die ewigwährende, immer wieder von neuem beginnende Gegenwart wie nichts anderes ein: „… auch weil für mich außerhalb des Roulettes oft gar nichts des Erzählens wert scheint, ja mir jedes andere Thema so gut wie immer an der Hauptsache vorbei erzählt vorkommt“, heißt es einmal im Roman.

Als Bonaparte dann verschwunden ist, bleiben der Erzählerin nicht weniger als 688 Eintrittskarten von all den gemeinsamen Abenden in Casinos zurück. Und wenn dieser kleine Liebesroman, der ohne Happy End auskommt, etwas Tröstliches hat, dann durch jene Erkenntnis, dass sich auch die stete Gegenwart an irgendeinem Punkt zu einer Vergangenheit verdichten und zusammenzählen lässt, so dass auch Gegenwart zu etwas Rückwärtigem werden kann. Und die Eintrittskarten somit zu einem „Beweis für eine Art rückwärtiger Existenz“ werden.

Ein Grund für die Liebe

Das ist insofern paradox, da die beiden Menschen, die Julia Schoch zusammentreffen lässt, sich selbst als Vergangenheitswesen empfinden, oder sie von sich selbst zumindest stark den Eindruck haben, so wie die Plattenbauten am Park vom Schloss Sanssouci irgendwie schief in die Gegenwart hineinragen: „Ich sage unsere Stadt. Aber ich erkenne sie nicht wieder,“ lässt Julia Schoch ihre namenlose Protagonistin an einer Stelle sagen. An einer anderen steht dann ein Gedanke, der fast wie ein Leitmotiv klingt: „Vielleicht ist der einzige Grund für die Liebe heutzutage tatsächlich der, dass man ein gleichartiges Wesen braucht, um seine Vergangenheit, also sich selbst, nicht zur Erfindung werden zu lassen.“

Nun ist Liebe ja immer ein Land, das auf nichts so sehr wie auf Zeit gegründet ist. Sie entsteht aus dem Nichts und verschwindet auch dahin. Mit den Zeitläuften verhält es sich anders. Oder zumindest nehmen wir das an, denn das Ende von historischen Epochen, wir versuchen es im Nachhinein zu begründen; viele wollen dann schon immer gewusst haben, ab wann das Ende mit Händen zu greifen und absehbar war.

Man muss diesen Roman von Julia Schoch unbedingt dafür loben, dass er diese Sphären, also die Liebe und die Weltgeschichte, so quer gegeneinanderstellt, dass sie Funken schlagen. Mehr noch, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Im Fernsehen wird ja oft das Gegenteil getan, hier verwebt man beides fast immer zu einem konturlosen Amalgam. Die Liebenden von Potsdam verlieren sich so, wie sie sich gefunden haben. Denn zwei Vergangenheitsmenschen kommen auch gemeinsam nicht in der Gegenwart an. Und das wiederum hat nun gar nichts Tröstliches.

Selbstporträt mit Bonaparte Julia Schoch Piper 2012, 144 S., 16,99 €

09:00 10.10.2012
Geschrieben von

Jana Hensel | Frankfurter Buchmesse 2012

Wir freuen uns auf Ihren Besuch am "Freitag"-Stand in Halle 4.1 C117 und bei unseren Autorengesprächen
Schreiber 0 Leser 2
Frankfurter Buchmesse 2012

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare