Endlich nur an sich denken

Emanzipation Gabriele Goettle hat Frauen aller Generationen und Milieus zu ihrem Alltagsleben befragt. „Der Augenblick“ gewährt intime Einblicke ohne Bekenntniskitsch

Wann immer der Feminismus besonders authentisch werden wollte, ist es ihm nicht gut bekommen. Schon die in den siebziger Jahren populäre feministische Bekenntnisliteratur endete mit ihrem Bemühen, verdrängten weiblichen Erfahrungen zum Ausdruck zu verhelfen, nicht selten in epigonalem Beziehungsbewältigungskitsch, der sich von Trivialliteratur kaum unterschied.

Im postfeministischen Zeitalter, in dem wir heute angeblich leben, hat sich daran wenig geändert. Zwar ist der Gestus der einschlägigen Bücher cool und ironisch geworden, ihre Protagonistinnen sind keine gedemütigten Hausfrauen oder mit dem eigenen Coming-out hadernden Lesben mehr, sondern beziehungsgestresste Singles und queere Freelancerinnen. Doch über das wirkliche Leben, aus dem die Autorinnen vermeintlich schöpfen, erfährt man bei Charlotte Roche so wenig wie damals bei Verena Stefan.

Schwarze Botin

Dass der Anspruch, nicht nur für formelle Gleichberechtigung zu kämpfen, sondern die stumm gebliebenen Alltagserfahrungen von Frauen zur Sprache zu bringen, auch überzeugend eingelöst werden kann, veranschaulicht Gabriele Goettle in einer Sammlung von Porträtreportagen, die zuerst als Artikelreihe in der Taz und nun unter dem Titel Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag als Buch erschienen sind.

Gabriele Goettle war Ende der Siebziger Mitherausgeberin der zu Unrecht in Vergessenheit geratenen anarchofeministischen Zeitschrift Die schwarze Botin, der witzigeren und intelligenteren Alternative zu Emma und Courage, zu deren Autorinnen unter anderen Elfriede Jelinek gehörte. Der Anspruch der fantasievollen und polemischen Zeitschrift, Feminismus weder als larmoyante Identifikation von Frauen mit ihrem Opferstatus noch als bloßes Gleichstellungsprojekt zu betreiben, lebt auch in Goettles jüngstem Buch fort.

Darin erzählen 26 Frauen aus drei Generationen und in sehr verschiedenen Berufen von ihrem Alltagsleben. Unter ihnen sind Prominente wie die Körperhistorikerin Barbara Duden und die Bremer Buchhändlerin Bettina Wassmann, die mit dem Philosophen Alfred Sohn-Rethel verheiratet war. Aber auch viele unbekannte Frauen aus der Mittel- und Unterschicht, eine Kioskbesitzerin, die Angestellte einer Arbeitsagentur, eine Bestatterin, eine Bodybuilderin, eine Tätowiererin und die Mitarbeiterin eines Krisentelefondienstes. Obwohl die Auswahl der Gesprächspartnerinnen von Goettles politischen Vorlieben geprägt ist – katholische Nonnen und christdemokratische Lokalpolitikerinnen sucht man vergebens –, ist sie repräsentativ und zugleich zufällig genug, um manches Vorurteil über scheinbar typische Frauenberufe zu enttäuschen. Etwa, wenn eine aus der Ukraine stammende Ballerina nicht über den Ausdruck künstlerischer Grazie, sondern über ihren Kampf für die Erinnerung an das Schicksal der Zwangsarbeiter während der NS-Zeit reden möchte, oder wenn die Lehrerin an einer Schule für benachteiligte Jugendliche davon spricht, es mit dem „unteren Bodensatz“ der Gesellschaft zu tun zu haben, anstatt empfindsame Empathie für ihre Zöglinge an den Tag zu legen.

Mit Kommentaren und Deutungen hält Goettle sich zurück. Den meisten ihrer Porträts ist ein knapper biografischer Abriss vorangestellt, der Hauptteil der Texte wird von den protokollierten Selbstaussagen der Frauen bestritten. In dem angenehm altmodischen Anspruch, die Worte ihrer Gesprächspartnerinnen nicht nur wiederzugeben, sondern reflektierend auf sie zu hören und sie gerade dadurch ernst zu nehmen, knüpft die Autorin deutlich an Maxie Wanders Ende der siebziger Jahre unter dem Titel Guten Morgen, du Schöne erschienenen Gesprächsprotokolle mit Frauen aus der DDR an, die damals ein Bestseller waren, mittlerweile jedoch kaum noch bekannt sind. Wie Wander verwechselt Goettle Authentizität nicht mit blinder Identifikation, sondern gibt die Äußerungen der Frauen in einer bearbeiteten Form wieder, die auf den Begriff zu bringen versucht, wovon diese leichterhand erzählen. Das Verfahren der Verdichtung kommt nicht allein der Lesbarkeit zugute, sondern bricht auch mit dem Unmittelbarkeitspathos, das dem Genre der Porträtreportage oft innewohnt.

Zugleich veranschaulicht die Gegenüberstellung der biografischen Skizzen, die sich wie tabellarische Lebensläufe lesen, mit den Erfahrungsprotokollen der Frauen den Unterschied zwischen den für die Öffentlichkeit interessanten Fakten eines Lebens und deren Bedeutung für den Menschen, der es lebt. So erzählt Bettina Wassmann nur wenig über ihren prominenten Ehemann – die gemeinsame Lebensgeschichte wird eher vorausgesetzt als zum Thema gemacht – und umso mehr über ihre Mutter, die noch das Handwerk des Klöppelns beherrschte, ihren Vater, der ihr Interesse für Musik weckte, und über die Schwierigkeiten, in der heutigen Zeit mit einer Buchhandlung Geld zu verdienen.

Inzwischen ist sie gezwungen, mit einem Modegeschäft zusammenzuarbeiten, und gestaltet das „literarische Rahmenprogramm“ für internationale Modeschauen. Die Kulturwissenschaftlerin Anna Bergmann, die an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder lehrt, verliert kaum ein Wort über ihre akademische Karriere und erweist sich stattdessen als Expertin für Chirurgie und Transplantationsmedizin, einem kulturhistorischen Forschungsgebiet, in dem sie offenbar gänzlich aufgeht. Alle Selbstdarstellungen der Frauen akzentuieren Momente des eigenen Lebens, die im nüchternen biografischen Abriss zu kurz kommen, und stellen Verbindungen zwischen Öffentlichem und Privatem her, die der Faktensammlung nicht zu entnehmen sind. Sachliche Auskunft und Erfahrungsbericht konkretisieren und korrigieren einander wechselseitig.

Bunte Särge

Insgesamt fällt auf, dass Familie und Partnerschaft – jene Aspekte, die lange Zeit gerade für weibliche Biografien als besonders bedeutsam galten – eine geringe Rolle in den Selbstauskünften spielen. Dennoch identifiziert sich keine der Frauen nur mit ihrer Arbeit. Statt sich als Vertreterinnen eines Berufszweigs oder eines Handwerks zu begreifen, erzählen sie von jenen Erfahrungen, Idiosynkrasien und Vorlieben, die sie zu ihrer Tätigkeit geführt haben. Ihr Interesse an der Sache, mit der sie sich beschäftigen, ist immer auch ein affektives, dadurch erhalten ihre Berichte Verbindlichkeit. Besonders deutlich wird dies bei den beiden Frauen, die sich beruflich mit dem Tod befassen, einer Präparatorin an der Berliner Charité, die ihre Faszination für tote Tiere mit der Jagdleidenschaft ihres Vaters begründet, und einer Berliner Bestatterin, die bunte Särge verkauft und das Grab ihrer Mutter fast zwei Jahrzehnte lang nicht besucht hat, weil sie Angst hat, den Friedhof zu betreten.

Allen Interviewten gemeinsam ist die Unaufgeregtheit, mit der sie über ihr nicht allzu einfaches, nicht allzu schlechtes Leben sprechen und die sich von der Opferrhetorik des Siebzigerjahre-Feminismus wie vom auftrumpfenden Selbstbewusstsein heutiger Tage wohltuend unterscheidet. Endlich „wirklich mal nur an mich denken zu können“, wie die alte Kioskbesitzerin ihr künftiges Leben nach dem geplanten Ladenverkauf hoffnungsvoll beschreibt, ist für sie alle zumindest mehr als nur ein Traum.

Vielleicht ist solche Unaufgeregtheit der angemessene sprachliche Ausdruck von Emanzipation.

Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag Gabriele Goettle Verlag Antje Kunstmann, München 2012, 396 S., 22,95 €

Magnus Klaue ist Germanist und hat im Freitag zuletzt den ersten Roman von Karl Heinz Bohrer und einen Gesprächsband mit Jean-Jacques Sempé rezensiert

09:00 10.10.2012
Geschrieben von

Magnus Klaue | Frankfurter Buchmesse 2012

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