Karl-Markus Gauß
10.10.2012 | 09:00 10

Müssen wir eure Armut sehen?

Europa Was man den Roma vorwirft, ist nicht Folge ihrer Ethnizität, sondern ihrer sozialen Not: Norbert Mappes-Niediek hat ein aufklärerisches Buch geschrieben

Müssen wir eure Armut sehen?

Ihre Sichtbarkeit ist der Skandal, der in unseren Medien heute als „Roma-Problem“ bezeichnet wird

Foto: Joe Klamar / AFP / Getty Images

Vor ein paar Jahren haben sich die Roma aus dem Osten Europas aufgemacht, den Europäern im Westen des Kontinents den Schrecken zu lehren. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus hatte sich ihre soziale Lage und gesellschaftliche Stellung überall dramatisch verschlechtert: Die staatlichen Betriebe, in denen sie zu angepassten Proletariern unter lauter angepassten Proletariern werden sollten und vor ethnischer Diskriminierung wie sozialer Verelendung geschützt waren, sind für ein paar symbolische Euro an Spekulanten verscherbelt und zu Tode saniert oder gleich abgewrackt worden. Die Armut, in die viele Regionen der europäischen Peripherie gerieten, ist schier unentrinnbar gerade über die Roma verhängt worden, die von Tschechien bis Bulgarien zu den Verlierern der gesellschaftlichen Transformation gehören. Sie waren die ersten, die keine Arbeit mehr fanden, sie siedelten an den Rändern der Städte und Dörfer, im unwirtlichen Niemandsland von Autobahnzubringern, ausfransenden Gewerbezonen, Eisenbahnbrücken und in Siedlungen, die auf den vergifteten Böden aufgelassener Industriebetriebe entstanden und zu Slums verkamen, von denen es in Europa mittlerweile über Tausend gibt.

Das alles ist schlimm genug, würde aber kaum jemand kümmern, wenn die Elenden nur geblieben wären, wo sie in ihrem Dreck verrecken hätten können. Stattdessen sind sie sichtbar geworden. Ihre Sichtbarkeit ist der Skandal, der in unseren Medien heute als „Roma-Problem“ bezeichnet wird: Dass sie in unseren schmucken Städten überall als Bettler aufgetaucht sind und wir sie sehen müssen, in ihrer Bedürftigkeit und mit all ihrem zähen Überlebenswillen, das ist das Problem, das wir mit ihnen haben und das wir daher fälschlich Roma-Problem nennen. Nicht die Armut ist der Kern dieses Problems, sondern dass wir mit ihr behelligt werden.

Dabei ist die Zahl der Roma-Experten zwischen Nantes und St. Pölten ins Unermessliche gestiegen. Jeder hat sich schon einmal über eine lästige Bettlerin geärgert, die ihr darbendes Kind vorgestreckt hat, und jeder hat schon beobachtet, wie ein anderer Roma von einem Bettler den kniefällig erwirtschafteten Bettel einsammelte und mit ihm das Weite suchte. Das Vorurteil lässt uns glauben, dass hier offenbar organisierte Banden am Werk sind. Wer einem Bettler einen Euro zusteckt, gerät in den Verdacht, er finanziere mit seiner milden Gabe sagenhafte Roma-Millionäre, die Heerscharen von ihnen untertänigen Bettlern ausgeschickt haben und selbst irgendwo in Operettenschlössern im Luxus leben. Da mögen noch so viele Studien beweisen, dass das „Organisierte“ familiär begründet ist und einzig darin besteht, gemeinsam anzureisen und sich im Betteln, Musizieren und Sicherstellen der Einnahmen abzuwechseln. Das ficht jene, die in den Gemeinderäten und an den Stammtischen das Sagen haben, nicht an, für sie sind die Roma aus Osteuropa immer Angehörige einer Mafia.

Klare Worte

Bei so viel Roma-Experten fehlen in der Debatte sachliche Darstellungen, die jenseits von Ressentiment und Verleugnung, von populistischer Propaganda und ziganistischer Romantik die Fakten sammeln und die dramatische Situation beleuchten. Für ein solches Buch, das bisher fehlte, ist Norbert Mappes-Niediek der richtige Mann. Als Südosteuropa-Korrespondent verschiedene Zeitungen ist er seit Jahren mit dem Thema befasst, kennt die Fakten und hat das Talent, sie schlüssig und kurzweilig aufzubereiten, schließlich verfügt er über die Gabe, die Dinge frei von seiner subjektiven Meinung zu halten, ohne sich deswegen um klare Worte drücken zu müssen.

In sieben Kapiteln berichtet er in Arme Roma, böse Zigeuner was es von der Lage der Roma in Osteuropa, ihrer Wanderung gen Westen, den Abwehrstrategien der westlichen Staaten zu wissen gilt, und er räumt dabei mit reaktionären Ressentiments, aber auch mit wohlmeinenden Illusionen auf. Unbestreitbar ist auch für ihn, dass die wohlmeinenden Initiativen der Europäischen Union und zahlreicher privater Organisationen, die Lage der Roma nachhaltig zu verbessern, nahezu allesamt grandios gescheitert sind. Mit einem „ordnungspolitischen Konservativismus“ lässt sich die West-Wanderung der Roma zwar als eine Art von fortgesetztem Angriff auf unsere Festung begreifen; die menschenverachtende administrative Härte und die polizeiliche Aufrüstung können jedoch nur Gefängnisse füllen, Familien zerschlagen, Menschen ruinieren, der massenweisen Migration jedoch niemals Herr werden; dafür gibt es einfach zu viele Roma, die nichts zu verlieren haben. Aber auch das Gegenstück, der bildungspolitische Idealismus, der meint, den Roma müsse nur Bildung und damit die Aussicht auf ökonomischen Aufstieg geboten werden, verfängt nicht. Die soziale Lage, Mappes-Niediek legt es mit schlagenden Beispielen und grimmiger Konsequenz dar, ist so verheerend, dass diejenigen, die in ihr festsitzen, gar nicht dazu in der Lage sind, ihr eigenes Leben längerfristig zu planen und ihre Energie auf eine langsame Besserung ihrer Situation zu richten. So vieles, was man den Roma vorzuwerfen pflegt – dass sie mit ihrer Sozialhilfe nicht haushalten (könnten sie nicht ein bisschen sparen und Firmen gründen?); dass sie unfähig sind, über den nächsten Tag hinauszuschauen (und an die Ausbildung der Enkel zu denken) – ist nicht Folge ihres vermeintlichen kulturellen Erbes, sondern logische Konsequenz ihrer heutigen Misere.

Mappes-Niediek hat kein Heilmittel anzubieten, das den Roma zu ihrer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Selbstermächtigung verhelfen würde. Zudem sieht er einen Grund für das Scheitern so vieler schöner Pläne ganz zu Recht darin, dass auch linke Menschenrechtler gerne alles Mögliche für die Roma tun möchten, aber lieber ohne die Adressierten daran zu beteiligen, ohne ihre Interessen, Wünsche, Anliegen überhaupt nur zu kennen. Alles für die Roma, aber nichts mit ihnen: Das kann nicht gut gehen.

Originell ist der Vorschlag von Mappes-Niediek, das “Roma-Problem“ im intellektuellen Gedankenspiel einmal nicht als spezifisches Problem der Roma zu sehen, also nicht ewig mit deren spezifischen Traditionen und mit den vermeintlichen Eigenheiten ihrer Kultur in Verbindung zu bringen. Wenn ein in Berlin bettelnder rumänischer Rom zwanzig Euro am Tag erwirtschaftet, indem er zwölf Stunden an einer zugigen Straßenkreuzung nichts tut, als dort zu sitzen, hat er am Abend mehr im Hut vor sich, als er in Rumänien mit regulärer Lohnarbeit verdienen könnte (die es außerdem für ihn gar nicht gibt). Ein hoch qualifizierter rumänischer Chirurg bringt es, wenn er nicht Bestechungsgelder akquiriert, auf 300 Euro monatlich; man muss sich dies vor Augen halten, ehe man über die korrupten rumänischen Ärzte den Stab bricht.

Durch die Dörfer

Sehen wir das Elend der Roma also einmal als Skandal der europäischen Ökonomie, in der auch innerhalb der Union zwischen den Zentren und den peripheren, abgehängten Regionen himmelschreiende Unterschiede klaffen. Abertausende Roma-Kinder besuchen keine Schule, man erklärt dies gewohnheitsmäßig damit, dass ihren Eltern der Wert von Bildung nicht vermittelt wurde. Tatsächlich sind aber im Osten Europas unzählige Schulen, die für Landkinder erreichbar waren, geschlossen worden, und zu den neuen, die viele Kilometer entfernt sind, führen keine Busse und Züge mehr hin. Es dreht sich also auch hierbei weniger um eine für die Roma spezifische Bildungsresistenz, als um die neoliberale Zuformung von Staaten und das damit verursachte soziale Desaster. Heute ziehen engagierte Ärzte in ihrer Freizeit durch die Roma-Dörfer, um die Bewohner gegen Tuberkulose zu impfen und ihnen eine rudimentäre medizinische Versorgung zu sichern. Was, schreibt Mappes-Niediek, wenn die Spitäler und niedergelassenen Ärzte einfach darauf verpflichtet würden, Roma nicht anders als andere Patienten zu behandeln?

Wo immer Mappes-Niediek prüfend auf ein „Roma-Problem“ klopft, kommt darunter ein allgemeines Problem mit den Menschenrechten heraus, die auch anderen Bevölkerungsgruppen längst nicht mehr garantiert sind. Zu den Menschenrechten des 21. Jahrhunderts muss gehören: das Recht auf Wohnraum mit Anschluss an Kanalisation, fließendem Wasser und Heizung, das Recht auf ausreichende Ernährung, gesundheitliche Versorgung und schulische Bildung. Das alles müsste nicht erst mit Blick auf die Roma erfunden werden, diese Menschenrechte sind längst formuliert und festgeschrieben. Dass sie in Europa so vielen Menschen vorenthalten werden – natürlich gerade auch den Roma, die unangefochten jedes Ranking des Elends anführen – ist das eigentliche Problem. Und dass wir es hinnehmen und für einen sozialen Missstand einen ethnischen Namen finden, ist der eigentliche Skandal.

Der Publizist und Schriftsteller Karl-Markus Gauß hat über Roma unter anderem in seinem Buch Die Hundeesser von Svinia geschrieben

Arme Roma, böse Zigeuner: Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt Norbert Mappes-Niediek Ch. Links Verlag 2012, 208 S., 16,90 €

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 10.10.2012 | 19:02

Klasse! Vor allem der letzte Satz ,der es auf den Punkt bringt:

...Und dass wir es hinnehmen und für einen sozialen Mißstand einen ethnischen Namen finden,ist der eigentliche Skandal."


Das gilt nicht nur für Roma ,sondern auch für andere Bevölkerungsgruppen,für deren Situationen man allerlei Euphemismen und Ablenkungsbegriffe nutzt und erfunden hat .Viele angebliche Konflikte in Diskursen ergeben sich daraus-die Leut´ kabbeln sich dann sozusagen über ein ja nur sematisch erzeugtes Problem -und sollen und31


Sehr gut! Ist des Verfassers Nachname Zufall? Oder die Qualität da quasi eingearbeitet?

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Ehemaliger Nutzer 10.10.2012 | 19:18

KORREKTUR - DER SCHALTFLÄCHENTEUFEL WAR DA:

Soll also heißen: ...und sollen das reale Problem umgehen und tun das auch per semantischem Trick. Ganz primitiv eigentlich-so als ob jemand an altmodischer Straßenkreuzung die Straßenschilder verdreht .Un dalle Welt in die falsche Richtung läuft.


Genau das ist das Problem: Ein soziales Problem,etwa ein schichtenbezogenes ,gar klassenbezogenes Problem sozialer Verhältnisse ist das - und kein ethnisches wie man uns weismachen will von ethnophoben und von ethnophilen Herrschaften des Verdummungsgeschäfts!

Gut,der Gauss

anne mohnen 11.10.2012 | 15:30

Und wieder mein Lob und mein Dank, dass dF an den Roma und ihrem Schicksal dranbleibt. Dass nun auch Karl-Markus Gauss für die Besprechung dieses exzellenten Buches gewonnen werden konnte, freut mich sehr. Gauss ist einer der großen Fürsprecher, Kenner der Roma! "Seit über 10 Jahren bereist der Österreicher die «Ränder» Europas: Dörfer, Landstriche und Minderheiten im Osten dieses Kontinents. Er begegnet Menschen, die ein anderes Europa erzählen.!!"

Hier im Gespräch mit Katja Gentinetta: http://www.videoportal.sf.tv/video?id=a1dfeeaf-8bb5-46d6-aead-49cf2cf185da

gewissen 12.10.2012 | 08:59

es ist deutlich, dass keine europaeische regierung sich ernsthaft fuer die zigeuner einsetzt, mehrheitlich sind allen bevoelkerungen zigeuner unsympathisch, traditionell. gelegentlich ein paar sonntagsworte oder laecherliche kommandos, die deutsche sprache zu aendern, wer "zigeuner" anstatt "roma+snti+x+y" sagt, sei ein anti-XXX, einfach plemplem.

zum einen gibt es hass gegen zigeuner aus rassischen gruenden, sofern ihr teint dunkler ist, zum anderen goennt und toleriert man ihnen nicht eine andere lebensweise. dass sie auf eigenheime nach wuestenrot oder anderen muell des konsums, fuer den der spiesser den ruecken krumm macht, moeglicherweise verzichten wollen, veruebelt man ihnen. besonders missgoennt man den mangel an sesshaftigkeit, an heimat- und vaterlandsliebe.

in einer weise leben die zigeuner als wahre europaeer.

in anderer weise tun sie das, was die um den "geburterueckgang" in europa - besonders deutschland - so besorgten sich so sehnlich wuenschen. die katholische kirche sollte ihr herz fuer die zigeuner entdecken.

Tschira 12.10.2012 | 17:38

Endlich mal eine Stimme, die Ursachen benennt. Als ich in Albanien war, habe ich gesehen, wie dort die Roma behandelt werden. Ich habe in der Welt schon viel Armut gesehen, aber das war unerträglich. Ich habe in einem Blog, wo die Dame auch Roma"kenner" war, versucht, eine andere Seite aufzuzeigen. Aber man kommt nicht gegen Vorurteile an und wird noch runtergeputzt. Ich finde es traurig.

Margret Karsch 13.10.2012 | 21:14

Danke an den Autor und den Rezensenten. Wir befinden uns ja gerade in der von der EU ausgerufenen (bzw. gemurmelten) "Decade of Roma Inclusion 2005-2015". Hat vielleicht jemand Kontakte zu dieser internationalen Initiative und könnte sie überzeugen, Geld zu investieren, um das Buch - oder wenigstens diese Rezension - in Deutschland bekannter zu machen oder gar in einige EU-Sprachen zu übersetzen?

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Ehemaliger Nutzer 13.10.2012 | 21:38

Vielen dank für die schon spannende Besprechung. Es ist beschämend, wie der bundesdeutsche Innenminister im Moment die asylsuchenden Roma abschätzig betitelt und behandelt. Am meisten hängen geblieben ist mir dabei dei Formulierung, die Roma würden ja nur vor dem harten Winter flüchten. Was für ein wohlstandsverseuchter Zynismus.