Nackt und klug unter Plastikpalmen

Postfeminismus „This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey“ ist der selbstironische Bericht über eine Tabledance-Odyssee

Schmierige Uniprofessoren schauen dir beim Ausziehen zu: Am Ende ihres Bafögs (doch leider noch lange nicht am Ende ihres Studiums), geht die angehende Kulturwissenschaftlerin Funny van Money zur Selbstfinanzierung auf Tabledance-Tour durch die Bundesrepublik. Ein Aushilfsjob im Büro kommt für sie, entgegen der gutmütigen Empfehlung des einen oder anderen Tabledance-Gastes, nicht in Frage. This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey ist das selbstironische Bordjournal einer einjährigen Reise durch deutsche Tabledance-Clubs und ein Stück weit eine Reise auch zu sich selbst.

Gleichzeitig ist es das literarische Debüt einer jungen Frau, die in Hildesheim kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert und ihr Romandebüt erfolgreich als Abschlussarbeit eingereicht hat. Außer den Namen von Orten und Personen ist darin anscheinend wenig fiktionalisiert, allerdings findet das Leben fast nur in den Clubs statt, Privates wird kaum erzählt. Für ihr Pseudonym „Funny van Money“ hat sich die junge Schriftstellerin vermutlich weniger aus Scham, sondern aus Witz entschieden. Es zeigt jedenfalls die Koordinaten des Buches deutlich an: der Spaß und das Geld. Freilich macht der Titel hier gleich eine Einschränkung, Las Vegas ist das nicht, sprich, der Glamour bleibt meist aus. Man könnte sagen: Tabledance ist, wenn man Warzen am Hintern bekommt, wenn man in dreckige Champagnerglasscherben fällt, wenn einem der Chef für eine Minute Zuspätkommen die Nachtgage schon streicht. Tabledance findet zu grässlichen Charthits auf dreckigen Tischen unter Plastikpalmen statt. Aber so tief, wie der Leser erwarten könnte, geht Funnys Ernüchterung nicht. Sie hat keinen Desillusions-Roman geschrieben. Am Ende ihrer Topless-Odyssee zieht sie sogar eine überraschende Bilanz.

Bleib casual

Unreflektiert ist ihr Schreiben dennoch nicht. Es geht nicht nur um provokative Bemerkungen zu ungewollten Lesbenshows mit den Kolleginnen und über zu große Schamlippen, die erst im Tabledance ihre Vorteile zeigen. In pointierten Beobachtungen versucht Funny van Money eine Welt zu beschreiben, die den meisten Lesern (vermutlich) fremd und ein Faszinosum ist. Man ist der Autorin dankbar, dass sie es bis zum Schluss schafft, keine großen Fässer aufzumachen, aus denen die moralischen Monster herauskriechen. Eine todernste Diskussion über die Degradierung der Frau im Rotlicht-Geschäft hätte ein solcher Roman nicht vertragen. Funny versucht stattdessen, es casual zu halten.

Dazu wählt sie eine Sprache, die zu Recht mit dem Gonzo-Journalismus assoziiert wurde: „I like it rough, oder etwa nicht? Und über fehlende Nähe zum Publikum werde ich mich auch nicht beklagen müssen. Da hab ich’s eindeutig besser als Cher oder Madonna. Seitdem ich vierzehn bin, singe ich das gleiche Lied: Freedom’s just another word for nothing left to lose […]. Also rein da jetzt, du verkappter Scheisshippie, das wird ein Happening!”, muntert sie sich vor ihrem ersten nackten Auftritt selbst auf.

Wie dieser erste Auftritt dann genau war, erfährt man nicht, sie behauptet, sich nicht mehr erinnern zu können. Ein schriftstellerischer Kniff: Funny van Money bringt in manchen Passagen eine ähnliche Dynamik in ihren Text wie in ihren Tanz auf der Bühne. Sie reizt den Leser/Gast zum Äußersten mit dem Versprechen eines sexuellen Aktes – um dieses am Ende doch nicht einzulösen (der Akt ist im Tabledance tabu). Mancher wird enttäuscht sein, mancher umso mehr angetörnt.

Eine große Anekdote

Nein, This is Niedersachsen... ist nichts für Leser, die schwere Literatur vorziehen, die ein persönliches Drama in stringenter Erzählung suchen. Dieses Buch ist Bericht, Tagebuch, große Anekdote, Ratgeber, Enzyklopädie des bezahlten Ausziehens. Und seine Heldin eine kalkulierte Geschäftsfrau und Postfeministin, der Ausziehen nicht nur nichts ausmacht, sondern sogar Spaß bereitet, und die mit schwarzem Humor die Verstrickungen des Lebens in Goldmetallic-Gogo-Sets wieder auseinanderfriemelt.

An einer Stelle im Roman heißt es: „Bisher hatte ich eher das Gefühl, dass es wenn schon die Männer sind, die hier degradiert werden. Auf ihre animalischen Instinkte degradiert, durch das strategische Vorgehen einer psychologisch reflektierten Frau. Die ihre Reize bewusst einsetzt. Um ihre vordergründig monetären Ziele zu erreichen. Das Gute ist, dass der gemeine Tabledance-Gänger das Reflexionsniveau der Tänzerinnen unterschätzt.“ Kann gut sein! Sicherlich wird nicht jede Tabledancerin ein Buch schreiben und nicht jeder Gast ein Schweinehirn sein, aber beides kommt vor und natürlich auch sein Gegenteil.

Noemi Mihalovici studiert Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin

This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey: Auf Tabledance-Tour durch die Republik Funny van Money Hanser 2012, 224 S., 16,90 €

09:00 10.10.2012
Geschrieben von

Noemi Mihalovici | Frankfurter Buchmesse 2012

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