Not und Glück des Moderators

Buchvorstellung Ein Kritiker hat nicht viele objektive Kriterien für das Gelingen eines Romans. Feuchte Augen sind eines. Über Steven Uhlys Roman "Glückskind"
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Es geht ein wenig besser mit meiner Stimme und so werde ich heute am frühen Abend eine Veranstaltung moderieren können.

Ich werde um 18.30 Uhr in der Kunsthalle den Roman „Glückskind“ von Steven Uhly vorstellen. Bekannt wurde Uhly mit seinem Debutroman Mein Leben in Aspik, besser gesagt, bekannt wurde er durch einen Ausspruch von Florian Illies, der weiß der Teufel warum, diesen Roman aus dem Secession-Verlag gelesen hatte und urteilte: „Ein fulminantes Debüt“!

Steven Uhlys zweiter Roman Adams Fuge wurde 2011 als „Anti-Sarrazin“ gefeiert, wobei ich die Quelle im Internet nicht herausgefunden habe, es heißt überall schlicht „im Feuilleton“.

Nun also der dritte Roman des 1964 in Köln geborenen deutsch-bengalischen Schriftstellers, der nebenbeigesagt eine sehr interessante Vita zu haben scheint. Ich lese zum Beispiel, dass er nach seinem Literaturstudium "in Brasilien ein Institut leitete“. Ich werde ihn fragen, was für eines.

Ich fing an Glückskind zu lesen. Ein heruntergekommener Mann, ein „behauster Obdachloser“, wie es später heißt, will nach langer Zeit wieder einmal den Müll aus seiner Sozialwohnung wegbringen. In der Tonne vor dem Haus findet er ein Baby. Er hält dieses Baby zuerst für eine Puppe.

Scheiße, denke ich mir, kein Mensch kann ein Baby in dieser Situation auch nur eine Sekunde für eine Puppe halten. Es würde schreien, sich bewegen, irgendetwas wäre da. Ich war verärgert. Der Autor hat bestimmt keine Kinder! So eine wichtige Stelle und sie stimmt nicht! Was wenn das ganze Buch ein Mist ist? Wie geht man damit in der Buchpräsentation um? Darf man das sagen? Muss man sogar? Die Zuhörer also vor einem Buchkauf also regelrecht warnen?

Ich las weiter, und je weiter ich las, desto besänftigter wurde ich. Am Ende bekam ich sogar ein wenig feuchte Augen, und sorry, ich halte das für ein sicheres Zeichen, dass eben ein guter Roman gelesen wurde. Tränen lügen nie: Daran sollte sich der Literaturkritiker meines Erachtens halten. Ohne zu viel zu verraten, etwa was mit der Mutter geschieht: Der „Fall Marie M.“ wie er im Buch in den Medien genannt werden wird, wird zu guter Letzt gut ausgehen. Oder fast gut.

Der Mann wird das Baby zu sich nehmen, und er wird es nicht immer bei sich haben können. Er wird sich strafbar machen, obwohl er „gut“ handelt: Das ist der Stoff, aus dem Literatur gemacht ist. Hart am Kitsch erzählt, aber eben gerade nicht kitschig. Das können nicht viele.

Bleibt die Anfangsszene. Ich gehe also zum Stand des Secession-Verlags. Spreche mit dem Verleger Christian Ruzicska über das Buch und teile ihm meine Bedenken mit. Er hält dagegen: der Mann will nicht erkennen, die Szene ist aus seiner Perspektive geschrieben. Darum schiebt sich das Bild seiner Tochter (die er nicht mehr sieht) in der Szene dazwischen, seiner Tochter als Baby. Verstehen Sie? Ich bin erstaunt, wie genau er die Szene kennt und bin mir nun unsicher, fahre unerlaubtes Geschütz auf: Ich wette, dass dieser Autor keine Kinder hat.

Wie man sich täuschen kann. Steven Uhly hat gleich vier, erfahre ich, das jüngste so alt wie das Baby im Roman. Mal schauen, was ich ihm heute Abend sagen werde.

14:02 11.10.2012
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Geschrieben von

Michael Angele | Frankfurter Buchmesse 2012

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