Frank Gestmann

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RE: (51) Die Neue Marxlektüre. Eine Rezension | 16.09.2010 | 12:28

Lieber Herr Jäger (auf die zum Teil absurd intellektuellenfeindlichen Einträge einiger anderer Kommentatoren mag ich gar nicht eingehen),

Sie schreiben: "Er argumentiert also nicht mit irgendwelchen Fakten, sondern mit künstlicher Faktizität im genannten Sinn. Die Empirie von Marx ist darin künstlich, dass seine Illustrationen nicht die Tatsächlichkeit, sondern nur die p r i n z i p i e l l e M ö g l i c h k e i t dessen aufweisen, was er zum Thema "Ware und Geld im Kapitalismus" abstrakt behauptet."

Obwohl Sie versuchen zu tricksen, scheint mir Ihr Satz genau die Kritik zu bestätigen, die Backhaus u.a. immer formuliert haben. Sie halten die sog. Illustrationen aus der Wertformanalyse (Historisches Vorkommen der einfachen/entfalteten Wertform etc.) für "prinzipiell möglich". Das ist aber falsch. Sie versuchen ebenso wie Haug ständig mit Hilfskonstruktionen Ihren Empirismus zu retten (und sei es auch ein "konstruktiver" Empirismus). Marx will zeigen, dass diese Formen, so wie sie dastehen, als isolierte eben nicht möglich sind (Waren können sich ohne allgemeine Äquivalentform nicht füreinander als Werte darstellen). Der Wert ist gesellschaftliche Form der Arbeitsprodukte im Kapitalismus, die auch eine gesellschaftlich gültige Erscheinungsform benötigt usw. Ist ja bei Elbe alles nachzulesen (und sogar bei Marx, aber das haben die Marxisten - soviel zur "Eindeutigkeit" - nur leider 100 Jahre "überlesen").

Zur Lesbarkeit: Ich finde Elbes Buch als Handbuch oder Nachschlagewerk ganz tauglich, aber 'gut lesbar' ist echt was anderes... Warum nun aber gerade Hoffs Buch so wichtig und toll sein soll (wie Ingo Stützle meint), kann ich nicht nachvollziehen. Der bleibt total an der Oberfläche und refereriert über zig Seiten teils nur Namen und Buchtitel. Was mir diese Lektüre bringen soll, außer dass ich danach weiß, dass Marx viel und international diskutiert wurde/wird, ist mir echt nicht klar.
Frank Gestmann

RE: Charaktermasken | 01.09.2010 | 20:16

Sehr geehrter Herr Grandt,

Sie schreiben: "Aber auch Adorno sah nicht durch, nämlich durch die „ökonomische Charaktermaske“; sie decke sich mit dem Bewusstsein der Person „bis aufs kleinste Fältchen“, meinte er. Das vermerkt Henning in einer Fußnote – um im Haupttext aus verstreuten ­Bemerkungen von Marx der Charaktermaske auf die Spur zu kommen."

Dazu nur die Bemerkung, dass diese Kritik der Kritischen Theorie, die Herr Henning da anbringt, am Gegenstand vorbei geht. Es ist doch erstens von Adorno selbst ausgesprochen worden, dass er die Übertreibung als Medium der Erkenntnis nutzt. Zweitens geht es der Kritischen Theorie Adornos darum, wie sich die gesellschaftlichen Verhaltensnötigungen des Kapitalismus in die Psyche der diesen Zwängen unterliegenden Menschen verlängern: Dass viele auch das Wollen, was sie Sollen - platt gesagt. Und drittens weiß auch die Kritische Theorie, dass es nie zur gänzlichen Deckungsgleichheit von Charakter und Charaktermasken kommen kann. Horkheimer spricht zwar davon, die Menschen seien "bösartige Charaktermasken", aber solche "hinter denen eine bessere Möglichkeit verkommt".
Frank Gestmann

RE: (49) Der Punkt | 27.08.2010 | 00:40

Lieber Herr Jäger,
auch hier wieder kurz mein Senf dazu: Wenn Sie schreiben:
"In x Ware A = y Ware B ist, wenn von der B-Ware als einem hier noch zufälligen Geld, dann natürlich von Historischem die Rede. Selbst wenn Marx irgendwo sagen würde, das sei nicht der Fall, wäre es so. Eine Ware ist eine real vorhandene Sache, und eine solche ist nun einmal immer historisch."
dann scheint mir das unzutreffend bzw. empirisch verkürzt. Denn Marx spricht auch am Anfang des "Kapitals" von "der" Ware und meint damit keinesfalls eine vorkapitalistische Ware oder überhaupt etwas, das mal als distinktes Objekt (oder Praxis) irgendwo historisch existiert hätte (das wäre eine Ware ohne Preis bzw. deren Wert direkt durch die bewusste Messung des inneren Wertmaßes bestimmt werden müsste, d.h. deren Wert an ihr selbst erkennbar wäre und das bestreitet Marx vehement - er will ja den "inneren, notwendingen Zusammenhang" von Ware und Geld erklären). Wenn ich irgendwas an diesem Neomarximus von Wolf und Co. interessant finde, dann den Hinweis, dass Marx einen Warentausch einfacher Waren ohne Geld und Preis gar nicht für möglich hält und von Beginn des "Kapitals" an den Kapitalismus analysieren will (auch einen Warentausch ohne allgemeines Äquivalent hält Marx ja für unmöglich). Was Sie als zufälliges Geld bezeichnen ist kein äußeres Wertmaß, kein Maß wertbestimmter Waren, sondern ein "Tausch"mittel in einem zufälligen Produkten"tausch".
Zu dem anderen Hinweis mit dem "Vergessen" in Ihrer letzten Antwort: Der Wert ist für Marx doch nur gedanklich fassbar, aber deshalb nicht etwas bloß Gedachtes, das dann vergessen wurde (das schreibt er m.W. auch nirgends).
Die ganzen Differenzierungen, die Wolf, aber auch Elbe oder Heinrich in dieser Sache mit dem Geld und allg. Äquivalent einführen, verstehe ich ehrlich gesagt ab einem bestimmten Punkt nicht mehr - mag auch daran liegen, dass ich mit anderer Arbeit mein Geld verdiene...
Obwohl ich Ihre Kritik verkürzt finde (auch die Texte der Herren Exegeten verstehe ich anders), finde ich Ihren Beitrag und ihren Einspruch zu der Debatte zwischen den festgefahrenen Positionen Reichelt/Backhaus vs. Wolf doch sehr wichtig und würde ihn gern mal irgendwo in handlicher Aufsatzform vorfinden.

RE: (48) Von Adorno zu Luhmann | 25.08.2010 | 19:49

Hallo Herr Jäger,
dank für Ihre spannenden Artikel zu dem Struktur-Handlung-Thema. Ich habe die Debatte am Rande verfolgt und weiß nicht, ob Sie Wolf gerecht werden, wenn Sie schreiben:
"warum soll es unmöglich sein, dass sie genau eben jene Bedingungen erkennen und dann auch die Wahl haben, sie zu billigen oder abzulehnen, durch andere Bedingungen zu ersetzen"
Mir scheint es Wolf nicht darum zu gehen, die Möglichkeit einer Veränderung von Strukturen zu leugen. Warum sollte er dann ihre Aufdeckung betreiben wollen?
Dass es in unseren gesellschaftlichen Praxen Aspekte (kausale Zusammenhänge?) gibt, die wir nicht erkennen und dass wir durch unser Handeln diese reproduzieren, ist doch erstmal nicht "absurd" zu nennen, wie Sie das tun. Merkwürdiger scheint mir eher, wie man etwas, dass man nicht kennt, doch im Kopf haben soll.
Die Debatte sollte m.E. fortgesetzt werden, auch wenn ich als Laie viele Ihrer Hinweise (auf Frege in einem anderen Artikel) nicht verstehe.
Problematisch finde ich allerdings auch Wolfs Position, wenn er seine philosophischen Grundlagen nicht klar macht und stattdessen auf naturwissenschaftliche Forschungen ausweicht (z.B. Ameisenforschung!). Das scheint Sie wiederum zu bestätigen.
Noch ein Hinweis: Wenn Elbe schreibt, die Individuen als "psychische Systeme" gehörten zur Umwelt der "elementaren Reichtumskonstitution", dann ist das nicht identisch mit Ihrer Aussage, die Individuen gehörten generell nicht zur Gesellschaft. Dass Reichtum ohne Menschen stattfindet, ist nicht die These. Geht es ihm nicht um die un-bewusste (!) Hervorbringung von Ware, Wert usf.? D.h., natürlich machen das Menschen (Individuen), aber "sie wissen es nicht", was sie da tun... Ist nicht Marx' wichtige Einsicht, dass man, wenn man in Unkenntnis bestimmter soeziale Bedigungen handelt, sich hinter dem Rücken immer wieder bestimmte ungemütliche soziale Verhältnisse einstellen (als Kritik an Geldreformatoren usf.)?