Franz Branntwein

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RE: Das letzte Abenteuer der Digedags | 13.07.2009 | 18:43

Richtig - und auffällig, wie kritiklos Dell die Fragwürdigkeit des "zeitgeschichtlichen Forum" umschleicht, welches ja gar kein echtes Forum ist, sondern eher eine wohldotierte Asservatenkammer des allbösen "Unrechtsstaates"....
Das Werk von Hegen gehört wenigstens ins Satiricum Greiz, besser ins Wilhelm-Busch-Museum Hannover, am allerbesten in eine grafische Sammlung, denn es hat eine kultur-historische Dichte, erzählerische Originalität und grafische Qualität, die alle vergleichbaren Produkte weit hinter sich läßt. Sehr deutsch und mitunter recht pädagogisch, meinetwegen, aber um wie viel Längen besser als zum Exempel die platten Asterix-Epen!
Und um noch etwas drückt sich Dell, wenn er vom Mosaik handelt:Ja, da ist eine materialistische, plebejische, meinetwegen "linke" Perspektive, ein "Blick von unten" in die Digedag-Abenteuer eingebaut, eine selbstverständliche Solidarität mit denen "da unten", die im Frieden zu schuften haben, um gerade so überleben zu können, und in den Kriegen das Kanonenfutter sein dürfen. "Mosaik" zeigt das ohne Verbissenheit,intelligent und unterhaltsam.
Wenn man nun nicht nur die Präsentation und Auswahl der Exponate, sondern auch den Belehrungs- und Hinrichtungston der Publikationen des "Zeitgeschichtlichen Forums" betrachtet, ist vorauszusehen, daß auch das Mosaik in das Kontext-Korsett der totalitären diktatur einsortiert werden wird, und dazu ist es nun wirklich zu schade!

RE: Die Freiheit, die ich meine | 30.05.2009 | 13:41

So wird das nichts, bloß ein paar "hochpreismaler" verreißen: eins zu eins, quid pro quo "ost"- und "west"- kunst z e i g e n (wie sie das in der von amerika aus kuratierten ausstellung machen, die gerade in nürnberg eröffnet wurde und am 3. oktober nach berlin kommt), ohne markt-bonus, aber dann darüber hinaus auch noch ohne "unrechtsstaats"-malus und diktatur-etikett: wenn man das zu sehen kriegte, wirds interessant, und das publikum stimmte erst mit den augen, dann mit den füßen ab. nicht bloß zwischen tübke und richter oder heisig und lüpertz; - aber die malerische wucht von ebersbach libuda giebe grimmling peuker liebmann zum beispiel gegenüber der konzeptuellen plattheit, der schlecht gemalten marktmaschen, der megalomanischen beschränktheit welche die erweiterungsbauten der deutschen kunstmuseen und aktuell den gropiusbau beherrschen... Und gegen den satz vom gestank da, wo kunst politisch ist, möchte zwei kluge leute zitieren: "wenn die künstler sich nicht für politik interessieren, dann sollten sie zur kenntnis nehmen, daß sich die politik sehr wohl für die künstler interssiert" 8hanns eisler" und karl mickel: "mein zahnarzt sagte mir: "wenn der kiefer mürb wird und die zähne wanken, wird die kunst subtil".ich konnte, offenen mundes, offen gesagt nichts entgegnen."

RE: 40 Jahre, 40 Werke | 29.05.2009 | 12:10

Habe den Katalog schon gesehen und finde erst einmal die eins - zu - eins - Sicht in Ordnung. Hier ist der fokus - entsprechend den absichten der geld gebenden institutionen - allerdings eher politisch, so daß gerne und wie ich finde all zu breit auch die üblen und rein propagandistischen machwerke der frühen ddr präsentiert werden. (das tut weh, weil die peinlichkeiten abstrakter oder konzeptueller kunst nicht so offenkundig "dumm" wirken wie schlecht gemalte figuren; siehe: hans platschek: Die Dummheit in der Malerei) Merkwürdig ist schon, wenn sich us-amerikanische Kunst- und Politikwissenschaftler mit dem problem deutscher kunst befassen - das ist wie eine rückübersetzung einer übersetzung einer übersetzung, da gibt es dann irrtümer und seltsame verrenkungen, die leicht zu vermeiden gewesen wären, hielte man die stimmen noch lebender, aussagefähiger, kompetenter ostmenschen denn für würdig, veröffentlicht zu werden...
Wir sehen uns am 3. oktober.

RE: Nicht lustig (II) | 27.05.2009 | 17:23

Dies ist aber auch ein besonders idiotisches Beispiel, und (noch) nicht wirklich typisch für Karikatur, nicht einmal für deutsche: Das Verhältnis von "rechten", "affirmativen" "netten", "systemkonformen" politischen Zeichnern zu den traditionell kritischen, eher linken, mehr oder weniger scharfen ist vielleicht eins zu zwanzig. Viel problematischer ist doch, daß da kaum Nachwuchs sprießt: Kürzlich wollte ein Kollege von "Le Monde" in Berlin eine Runde von fünf politischen Zeichnern zusammen bringen, die möglichst noch unter sechzig Jahre alt sein sollten, und da wurde es schon schwierig. Schwierig ist aber auch die jahrelange tägliche Zeichnungs-Produktion, ohne bis zum Gähnen abgenutzte Metaphern und Stereotype zu bemühen: Ein Lichtblick ist da zum Beispiel NEL in der "Thüringer Zeitung", (hin und wieder auch in der TAZ).

RE: 40 Jahre, 40 Werke | 27.05.2009 | 17:04

Gern und immer, aber doch nicht nach dem infantilen Prinzip "ein jährchen - ein werkchen", welches sich die beiden Herren vom Rhein und von BILD beim espressotrinken ausgedacht haben. Das bedient doch genau den ("neoliberalen") Trend, Kunst im großen Hypermarkt bei der übrigen Unterhaltungsware mit einzusortieren. Die meisten Kollegen werden sich übrigens sowohl bei Kritik an der einen als bei Zustimmung zu der möglichen anderen Ausstellung zurückhalten, denn keiner, und schon gar keiner, der "Erfolg" hatte, möchte noch einmal in den Verdacht des alten Stallgeruchs kommen, den er in den vergangnen zwanzig Jahren so mühsam weggelüftet hat (ich auch). Spannender wäre zum Beispiel gegenüber zu stellen, wie einer 1985 im Osten und letzten Monat gearbeitet hat, und da wäre sowohl Kontinuität wie radikaler Bruch der künstlerischen Mittel und der Handschrift auszuhalten und zu zeigen.
Schön, daß sich mal jemand aus der Linkspartei mit Bildender Kunst befaßt, zur weitren Lektüre und vorläufiger "Bewußsteinserweiterung" empfehle ich das großartige Buch von Hermann Raum: "Bildende Kunst in der DDR - die andere Moderne" edition ost, isbn 3-89793-000-5