Schmierentragödie

MILOSEVIC UND DER DAMEN-REVOLVER Nicht nur ein Böser, auch noch ein Dummer

Hätte sich Milosevic nach Dayton so verhalten, wie man sich gewöhnlich zu verhalten pflegt, hätte er es zumindest bis zum Tudjman bringen können. Doch dieser Mann hat offenbar all seine Chancen verspielt. Daher wird er nun gerichtet. Okzidentale Kreuzritter haben Hochkonjunktur. Wenn es um gemeinsame Werte geht, da sind sie nicht mehr zu halten. Gegner werden sodann nicht bloß als Feinde betrachtet - sie werden zu Verbrechern wider die Menschheit. Die Rädelsführer sind nach Den Haag zu überstellen und medienwirksam abzuurteilen. Das ist der augenblickliche Konsens in Presse und Politik, auf den man sich mitunter einlassen könnte, würde er nicht so selektiv angewendet. Zur Zeit ist der Internationale Gerichtshof nichts anderes als eine Agentur der abendländischen Inquisition.

Es fehlt nur noch ein Oscar-trächtiger Hollywood-Schinken, der Milosevic als Bedroher des Weltfriedens inszeniert, denn keine Geschichte ist zu abstrus, um nicht irgendwo auf fruchtbaren Boden zu fallen. Da man dem Feind sowieso fast alles unterstellt, ist ihm auch alles zu unterstellen. Der Stammtisch gleicht einem Standgericht, und das Wohnzimmer einer Wahnkammer. Es ist eine Schmierentragödie ersten Ranges. Im Fernsehen läuft "The Good and the Evil". Wright or wrong, it´s television.

Es hat nicht anders sein können. Selbstverständlich wurden bei Milosevic Verhaftung "riesige Vorräte an Waffen" entdeckt, "zwei gepanzerte Fahrzeuge, 30 automatische Gewehre, zwei Maschinenpistolen, ein Raketenwerfer sowie 23 Handfeuerwaffen verschiedenen Kalibers". Dazu "ein kleiner Damen-Revolver". "Milosevic hatte offenbar einen Putsch geplant" - etwas anderes anzunehmen ist undenkbar. Wir sollten auf keinen Fall überrascht sein, sollte sich im Laufe der Zeit das Gros der ersten Meldungen als reine Frontpropaganda entpuppen. Wobei nicht nur gelogen wurde. Das mit dem Damen-Revolver stimmt sicher. Selbst wenn es Pläne zu einem Umsturz gegeben haben sollte, ist es doch ziemlich unlogisch anzunehmen, dass gerade der gerissene Milosevic diese in seiner Villa aufbewahrte, bis sie ihm von den Polizeitruppen abgenommen werden. Aber wer weiß, dieser Serbe ist nicht nur ein Böser, er ist auch ein Dummer. Wir haben zu denken, was man uns zu glauben befiehlt.

Auch der westliche Sprachgebrauch ist völlig irre geworden. Wenn es gegen Schurken geht, werden selbst die heiligen Begriffe zu eiligen, je nach Bedarf werden sie einem angeheftet oder angelastet. Man mag nun von Milosevic rein gar nichts halten, ihn aber unablässig als "Diktator" zu bezeichnen, lässt auf eine völlige Beliebigkeit des demokratischen Vokabulars schließen. Dass die Menschen dort demonstrierten, Sender und Magazine das Regime kritisierten, in den parlamentarischen Körperschaften verschiedene Parteien tagten, interessiert im Ernstfall wenig. Na und, ein viel größerer Wahlschwindler als ein gewisser George W. Bush dürfte der Erzfeind auch nicht sein, zumindest hatte er im Gegensatz zu diesem bis zum letzten Herbst stets eine satte Mehrheit der Wähler für sich.

Aber so ist es. Haben Militärs eines Schurkenstaates Kriegsgefangene gemacht oder Polizeieinheiten Terroristen verhaftet, dann werden diese sicher in ein Konzentrationslager verfrachtet. Das kann gar nicht anders sein. Bilder davon gibt es genug, auch wenn sie andernorts oder anderntags aufgenommen worden sein sollten. Das ist sekundär, hat uns nicht zu kümmern. Unsere Legitimation ist unsere Projektion.

Kostunica und Djindjic haben letztlich gesiegt, weil der Westen wollte, dass sie siegen. Die Serben haben sich dem gefügt, teils widerwillig, teils aber auch freiwillig, ist doch damit halbwegs garantiert, dass man nicht mehr bombardiert und sanktioniert wird. Dass die beiden nicht mehr sind als Satrapen des Imperiums, hat letzterer immer gewusst, und ersterer inzwischen zur Kenntnis genommen. Daher wird Slobodan Milosevic auch ausgeliefert werden.

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden