Thomas Schmid: Der Mann fürs Grobe packt gegen Sebastian Kurz nun richtig aus

Österreich Es gibt einfach zu viele Akteure und Schauplätze, als dass die Affären um den jüngsten Altkanzler Österreichs abklingen könnten: Die Nachbeben der Affäre um Sebastian Kurz werden zum Skandal in Serie
Ausgabe 43/2022
Für ihn wird's langsam eng: Österreichs Altkanzler Sebastian Kurz
Für ihn wird's langsam eng: Österreichs Altkanzler Sebastian Kurz

Foto: Michael Gruber/Getty Images

Es ist eine Kriminalkomödie, die nun schon länger läuft und auch die nächsten Jahre laufen wird. Geschürt durch die Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) wird sie in Politik und Medien, aber auch an diversen Gerichten zu unzähligen Aufführungen finden. Thomas Schmid, einst der Mann fürs grobe von Ex-Kanzler Sebastian Kurz, hat sich der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge angeboten. Nun packt er also aus. Fast 500 Seiten Protokoll liegen bereits vor und warten darauf, ausgeschlachtet zu werden. Stoff für einen Endlosstreifen gibt es genug, wieder geht ein Skandal in Serie.

Zentrale Aussagen Schmids lauten: „Kurz war noch nicht Parteiobmann und hatte keine finanziellen Mittel.“ „Ich habe Kurz und die ÖVP aus dem BMF“ – dem Finanzministerium – „heraus gefördert, die Ressourcen des BMF genutzt, um das Fortkommen der ÖVP unter Sebastian Kurz zu unterstützen.“ „Wir haben Dinge gemacht, die nicht in Ordnung waren“, resümiert er. Das klingt durchaus plausibel. Wollte Kurz Schmid vor Monaten noch dazu drängen, die gesamte Schuld auf sich zu nehmen, so will dieser nun den Großteil derselben von sich abwälzen. Beides verständlich.

Dass da einiges im Busch ist, hat der gerissene Kurz zwischenzeitlich gecheckt. Prophylaktisch hat er ein Gespräch zwischen sich und Schmid aufgenommen, um es im Eventualfall zu veröffentlichen. Das vom Ex-Kanzler mitgeschnittene Telefonat, bei dem Schmid erklärt, des Öfteren gelogen zu haben, ist so überraschend wiederum nicht und schon gar nicht so entlastend, wie Kurz meint. Wenig plausibel klingt jedenfalls, dass Kurz von all diesen Machenschaften nichts gewusst haben soll, dass seine Prätorianer eigenständig und uneigennützig gehandelt haben, sprich: ganz selbsttätig straftätig geworden sind.

Die Auseinandersetzung erinnert frappant an zwei pubertierende Jungs, die, nachdem sie bei einer Gaunerei erwischt worden sind, schreien: „Er war’s!“ – „Der da!“ Das sagen Basti und Tommy übereinstimmend gegeneinander, und möglicherweise haben sie sogar beide recht, addiert man ihre Aussagen. Freunde werden Kurz und sein ehemaliger Intimus nimmer. „Ich liebe meinen Kanzler“, das war gestern. „Kriegst eh alles, was du willst“ ebenso. Viele, die dem jüngsten Altkanzler der Republik ihren Aufstieg verdanken, distanzieren sich mittlerweile von den Praktiken des Systems Kurz. Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) ist bloß das prominenteste Beispiel. „Wir waren nicht dabei!“, heißt es nun. Oder: „Wir haben nichts mitbekommen!“

Die Besetzung diverser Szenen der Reality-Soap kann sich jedenfalls sehen lassen. Da sind nicht nur Kurz und Schmid, da tummelt sich lukratives Personal: der Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) etwa, der Immo-Tycoon René Benko, Ex-Magna-Chef Sigi Wolf, diverse Ex-Minister, der Glücksspielkonzern Novomatic, das Boulevard-Blatt Österreich, eine Meinungsforscherin, die für die ÖVP Umfragen frisiert haben soll.

Fehlt noch ein Selbstmord

Dazu eine Menge Aufdeck-Journalisten, badend im Kotmeer der Affären. Inhaltlich geht es um unterdrückte Steuerprüfungen, freihändige Steuernachlässe, Postenschacher und Auftragsvergaben nach Wunsch, Scheinrechnungen, öffentliche Inserate als Belohnung und vieles mehr. Die obligate Palette eben.

Gespielt und gedreht wurde etwa in der Wiener Innenstadt, auf dem Weingut eines Ex-Ministers, bei einem Event in Dubai, auf einer Jacht im Mittelmeer. Luxusautos und Maßanzüge inklusive. Diese Verschwörungspraxis stellt zweifellos jede Verschwörungstheorie in den Schatten. Als Drehbuch wäre sie glatt durchgefallen, weil zu durchgeknallt. Fehlt nur noch ein Selbstmord, der nicht unbedingt einer gewesen sein muss. Schlussendlich war aber die kriminelle Energie größer als die kriminelle Potenz. Während Schmid und andere wohl noch glaubten, dass ihre Handydaten unwiederruflich gelöscht seien, waren die ersten Chats bereits geleakt. Die türkise ÖVP betrieb ungeschützten Korruptionsverkehr. Die ausgewerteten Handys werfen ein grelles Licht auf die herrschenden Politpraxen. Neu sind die aber nicht, neu ist nur die unfreiwillige Transparenz. Alle paar Wochen werden weitere Details publik. Die Volkspartei steckt in der investigativen Falle.

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