Stadt ohne Gesetz

Mexiko Pro Tag werden in Ciudad Juárez im Schnitt sechs Menschen getötet. Drogenkartelle und korrupte Behörden haben aus dem Ort an der Grenze zu den USA eine No-Go-Area gemacht. Wie geht es weiter?

Manchmal, sagt Hilda Ávila, werde sie die Vorstellung nicht los, ihr Bruder wäre wieder da. Er säße vor seinem Geschäft für Eisenwaren und würde nach Feierabend Tacos für die Nachbarn braten. Sonntags würde er sie kurz vor zehn zum Gottesdienst abholen. Aus dem Auto heraus würde er ihr zulächeln, wie auf dem letzten Porträtfoto, das sie von ihm aufbewahrt. Das Bild ist mittlerweile auf ein vier Meter langes Transparent aufgedruckt, neben den Gesichtern 13 anderer Menschen. Über jedem Gesicht steht das Wort „desaparecido“ – „vermisst“. Hilda Ávila steht vor dem Eingang einer Menschenrechtsorganisation ihrer Heimatstadt Ciudad Juárez und zeigt auf das Banner. Seit elf Jahren hofft sie nun, dass ihr Bruder César doch wieder nach Hause kommt. „An ihn zu denken, das gibt mir die Kraft, weiter nach ihm zu suchen“, sagt die 64-Jährige. Am 7. Februar 2011 wurde César Ávila vom Drogenkartell der Stadt verschleppt. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.

Ihre Stimme bricht

In Mexiko gelten gegenwärtig etwa 95.000 Menschen als vermisst. Gemessen an der Bevölkerung einer Kommune sind es fast nirgendwo so viele wie in Ciudad Juárez. Die Hilfsorganisation „Paso del Norte“ zählt mehr als 3.000 Fälle in zehn Jahren. Juárez, so die Kurzform der Stadt, hat 1,4 Millionen Einwohner und liegt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Sie ist die Heimat des gleichnamigen Drogenkartells, das den Ort in den 1990er Jahren zum Hotspot des Kokainschmuggels machte.

Spätestens seit der Netflix-Doku Narcos ist dieser Schauplatz einem Millionenpublikum bekannt. Darin steht der einstige Drogenbaron Amado Carrillo Fuentes auf einem der kargen Hügel, von denen die Stadt umgeben ist, und blickt auf sein Reich. Er weiß, dass ihm hier niemand gefährlich werden kann, schon gar nicht die Polizei. Zwar dominieren mittlerweile andere Banden die Region, aber an den Problemen der Stadt hat sich nicht viel geändert.

Wer Juárez heute besucht, lernt allerdings auch Menschen kennen, die gegen das Klischee kämpfen. Die stolz sind auf ihre „Frontera“, wie sie die Zwischenwelt aus mexikanischer und nordamerikanischer Kultur hier nennen. Wobei sie wissen, dass die „Grenze“ von Mächten bestimmt ist, die größer sind als ihre Heimat.

Ein sonniger Wintertag, Hilda Ávila blinzelt im gleißenden Licht. Sie lebe gern in Juárez, sagt sie, trotz allem. Seit ihrem 18. Lebensjahr arbeitet sie in einer Textilfabrik. Es ist ein Job, wie ihn hier Hunderttausende erledigen müssen. Die sogenannten Maquiladoras – Montagefabriken, wie es sie in ganz Nordmexiko gibt – versorgen den Weltmarkt mit günstig produzierten Hosen, mit Handyteilen und Waschmaschinen. Ávila kommt auf einen Monatslohn von 10.000 Pesos, umgerechnet 430 Euro, wofür sie 48 Stunden pro Woche arbeiten muss. Viel Zeit für ihr Engagement in der Hilfsorganisation, die sie mit den Angehörigen Vermisster vereint, bleibt nicht. Aber die nimmt sie sich. „Meine Mutter hätte es so gewollt.“ Ihre Stimme beginnt zu brechen. „Zum Glück“ sei sie gestorben, bevor ihr Bruder verschwand. „Aber keine Mutter würde aufhören, ihr Kind zu suchen. Das ist jetzt meine Mission.“

Längst basiert das Geschäftsmodell der mexikanischen Drogenkartelle nicht mehr allein auf dem Handel mit Rauschgift. Organisationen wie das „Sinaloa-Kartell“ und das aufstrebende „Cártel Jalisco Nueva Generación“, die gerade um die Vorherrschaft in Juárez kämpfen, haben neue Einnahmequellen entdeckt. Wann immer möglich, erpressen sie Lösegeld von Geschäftsleuten und Flüchtlingen aus Zentralamerika, die sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den USA Schleppern anvertrauen. „Selbst ganze Wirtschaftszweige wie die Avocado-Industrie haben diese Kriminellen unterwandert“, berichtet Javier Posada, Sicherheitsexperte an Mexikos Nationaluniversität UNAM.

Und sie lassen Menschen jäh verschwinden. Oft sind es gegnerische Gangster. Aber immer häufiger trifft es Unbeteiligte. Jugendliche, die als Killer rekrutiert werden. Frauen, die sich für die Narcos prostituieren müssen. Dorfbewohner an der Grenze, die man verschleppt, ihre Organe entnimmt und die Leichen dann in der Wüste vergräbt. Oder Menschen wie César Ávila, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Er sei Zeuge einer Schießerei gewesen, so erzählt es seine Schwester. Aus Angst, er könnte die Angreifer anzeigen, zwangen ihn die Narcos ein paar Wochen später, in einen Pick-up-Truck einzusteigen.

Was kann der Staat dagegen tun? Cruz Pérez Cuéllar ist Bürgermeister von Ciudad Juárez. Auf der Wand hinter ihm ist das Stadtwappen gemalt. Darauf steht: „Hort der Freiheit, Wächterin der Republik“. Das Motto bezieht sich auf die mexikanische Revolution, die hier vor mehr als 100 Jahren mit einer Schlacht des Freiheitskämpfers Pancho Villa ihren Anfang nahm. Pérez verweist auf den Boom der Stadt in den 1960er Jahren, als die ersten Maquiladoras der armen Landbevölkerung zu bescheidenem Wohlstand verhalfen. Und als die Stierkampfarena und die Kasinos voller US-Touristen waren. Längst vergangene Zeiten.

Es sei „sehr schwer“, eine „Stadt mit diesem Image“ zu regieren, räumt Pérez ein. Der 53-Jährige weiß, dass Journalisten fast immer nur die Kriminalität interessiert. Aber es ist ja nicht einfach ein schlechter Ruf, der an Verleumdung grenzt. Pro Tag werden in Juárez laut der mexikanischen Behörden im Schnitt sechs Menschen getötet. Die Stadt erreicht damit eine Quote des Grauens, wie sie in Lateinamerika sonst nur die venezolanische Hauptstadt Caracas aufweist. „Das größte Problem ist die Gewalt, die vom Drogenhandel ausgeht. Aber zu den Ursachen zählen auch Armut und fehlende Chancen für die Jugend“, so Cruz Pérez.

Was also tun? Der Bürgermeister gehört dem linken Movimiento Regeneración Nacional (MRN) an, der Partei von Mexikos Präsident Manuel López Obrador. „Der größere Teil des Reichtums, den die Region hier erwirtschaftet, muss der Gesellschaft zugutekommen“, betont Pérez. Immerhin sei Juárez einer der meist frequentieren Grenzübergänge weltweit – besonders beim Warenverkehr.

Dabei steht ihm nicht weniger als die mexikanisch-amerikanische Freihandelszone im Weg, denn – so José Sánchez von der örtlichen Handelskammer – der halbe Welthandel benutze die verfügbaren Straßen, „aber bezahlen muss sie allein unsere Stadt“. Als Unternehmer kann er sich nicht beklagen, profitiert er doch selbst von der Situation. Stolz führt der Holzlieferant José Sánchez durch seine Firma. Auch im benachbarten El Paso in Texas betreibe er eine Niederlassung. Dabei weiß er: „Von den Löhnen, die hier gezahlt werden, kann eine Familie kaum den Grundbedarf an Lebensmitteln finanzieren.“

Die Kaserne – verlassen

Wer durch die Straßen geht, blickt auf heruntergekommene Fassaden und verkommene Rohbauten. Eine verlassene Armeekaserne im Zentrum erinnert an den gescheiterten Versuch des einstigen mexikanischen Staatschefs Felipe Calderón (im Amt 2006 – 2012), die Mafia militärisch zu besiegen. Einzig die Avenida Benito Juárez, die zu einem der vier Grenzübergänge führt, wirkt ansehnlich. In Bistros und Kneipen läuft nordmexikanische „Banda“-Musik, in kurzen Röcken warten Prostituierte auf Kundschaft. In der gesamten Stadt gibt es keine Parks, keine Bäume, keine Spielplätze. Dass Juárez so aussieht, liegt für den Bürgermeister vorrangig an der Korruption. Geld, das eigentlich für neue Schulen bestimmt sei, lande nur zu oft in den Händen käuflicher Beamter. Für diese Lage macht Pérez seine Amtsvorgänger und die Regierung im Bundesstaat Chihuahua verantwortlich. Er arbeite daran, die „Stadtverwaltung von korrupten Elementen zu befreien“. Erst kürzlich habe er den in Straftaten verwickelten Chef einer lokalen Sicherheitsbehörde entlassen.

Glaubt man Fachleuten, gleicht sein Vorhaben einem Kampf gegen die Flügel einer Windmühle. Ein hochrangiger US-Beamter, der im Auftrag seiner Regierung mexikanische Sicherheitskräfte schult, erlebt täglich, wie weit sich die Korruption in den Staat hineingefressen hat. Sein Name solle nicht in der Zeitung stehen, schickt er der Aussage voraus. „Ein Stadtpolizist verdient verdammt wenig. Wenn das Kartell vorbeikommt und ein Vielfaches anbietet, ist klar, auf welche Seite er wechselt.“ Dabei gebe es durchaus engagierte Sicherheitskräfte, gerade bei der neu geschaffenen Guardia Nacional, einer Bundespolizei mit militärischer Ausrüstung. Doch auch die geraten immer wieder in die Fänge der Banden. „Wenn zehn Bewaffnete vor deiner Tür stehen und drohen, deine Kinder zu töten, hast du keine Wahl.“ Gern würde man vom zuständigen Innenministerium in Chihuahua wissen, was die Behörde gegen die Zustände unternimmt. Die Antwort von Minister Emilio García Ruiz ist vier Seiten lang und enthält wenig Konkretes. Er gesteht, dass „viele Polizeieinheiten mit Gruppen des organisierten Verbrechens verbunden“ seien. Und er schreibt – allen Ernstes: „Unser Fokus liegt nicht auf der Bekämpfung der Kriminalität, sondern darin, dass die Bürger in Frieden leben können.“

Die Menschen in Ciudad Juárez sind also auf sich gestellt. Vom Staat erwarten die meisten Mexikaner ohnehin wenig. Nur zwei Prozent der Kapitalverbrechen im Land würden mit einer Verurteilung enden, vermerkt Amnesty International. Wer es sich leisten kann, zahlt selbst für seine Sicherheit. So wie der Unternehmer Sánchez. Nach dem Interview holt ihn ein Security-Mann ab, um ihn zum nächsten Termin zu fahren – in einem Kleinwagen von Toyota, um nicht aufzufallen. 2007 ist er selbst beinahe entführt worden, allein die guten Kontakte zu Politikern in Mexiko-Stadt retteten ihn.

Hilda Ávila lebt besonders gefährlich. Weil sie den Fall ihres Bruders öffentlich gemacht und mit anderen Opfern Demonstrationen organisiert hat, ist sie ein potenzielles Ziel der Kriminellen. Während die Pandemie das Land weiter heimsucht, versuchen die Kartelle sich als „Schutzherren“ der lokalen Bevölkerung zu inszenieren. In Armenvierteln verteilen sie Kleidung und Essen. Da stört ziviler Protest. Sie lasse sich davon aber nicht aufhalten, sagt Ávila. „Obwohl mir sogar meine Nichten und Neffen sagen, ich solle Ruhe geben, ihr Bruder sei doch längst tot – ich bin es meiner Familie schuldig, weiter nach ihm zu suchen.“ Ihre Suche führte sie vor Jahren bis in den mexikanischen Bundesstaat Michoacán, erzählt sie. Der Schriftsteller Javier Sicilia organisierte damals eine „Karawane“ Hinterbliebener, um auf ihr Leid aufmerksam zu machen.

Als sie in einem Dorf aus dem Busfenster schaute, glaubte sie plötzlich, ihren Bruder vor einem Geschäft zu erkennen. In diesem Augenblick war sie sich sicher: „Er ist es.“ Aber sie sagte dem Busfahrer nichts. Sofort schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf, der sie bis heute begleitet: „Wenn César noch lebt, hat man ihn gefoltert, mit Drogen vollgepumpt und zum Mitglied des Kartells gemacht, das ihn entführte.“ Die sonst Furchtlose hatte Angst davor, dass ihr Bruder ein anderer Mensch geworden war.

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