Kein einfaches Küssen

VERBINDEND Wenn homoerotische Gefühle von Frauen überall so gleich erlebt werden, ist das eigene Empfinden nicht mehr die Ausnahme

Lesbisch wa?" brüllte eine Horde zackiger Jugendlicher zwei jungen Frauen entgegen, die auf einer Bank am S-Bahnhof Gesundbrunnen saßen und sich umarmten. "Hast du Probleme?" fragte eine der Frauen, während sie sich voll konzentrierter Anspannung erhob, dabei den Anführer der Gruppe taxierte und einen Schritt auf ihn zu ging. Ihr Blick wich nicht aus. "Ich will dich ficken", sagte einer aus der hinteren Reihe und spuckte dabei auf den Boden.

Soweit die Berliner Wirklichkeit. Das Happy-End, das so sehr erwünschte, trifft bei dieser alltäglichen Begebenheit nicht ein. Vielmehr stellt sich sogar die Frage, was hätte geschehen müssen, damit die Geschichte glücklich ausgegangen wäre: Dass die junge Frau - eine Schwarzgurtträgerin - den Anführer aufs Kreuz gelegt hätte? Dass durch ein Gespräch innerhalb von Sekunden eine Verständigung, ja sogar ein Sinneswandel der jungen Männer hätte erreicht werden können? Dass die zivile Gesellschaft Wirklichkeit wäre? Dass junge Kerle sich nicht wie Zombies aufführten? Dass Lesbischsein alltäglich sei? Dass Sappho die Welt küsste?

"Sappho küßt die Welt" so der Titel einer Anthologie mit literarisch aufgearbeiteten Geschichten von Lesben aus vier Kontinenten. Frauen aller Hautfarben und Sprachen lieben Frauen. Damit sie nicht ungehört bleiben, hat Käthe H. Fleckenstein deren Texte gesammelt und herausgegeben. Jede Facette des Lesbischseins hat darin ihren Platz: die erste Liebe und das Coming-Out, die Ausgrenzung und das Mutterlos-Sein, erotische Gewaltfantasien und Kuschelsex, die Butch und die Femme, verlorene Freun dinnen und großer Kummer, unsensible Berührungen und ungeahnte Verführungen, der siebte Himmel und der große Absturz ins Nichts.

Jede Geschichte nimmt den Dauerbrenner der Literatur - die Liebe - aus einer anderen Perspektive unter die Lupe. Die karthartische Wirkung solcher Texte, selbst wenn sie gelegentlich in das dunkle Reich des Trivialen abdriften, darf nicht unterschätzt werden. Die Herzen der meisten frauenliebenden Frauen gehen auf, wenn sie lesend erleben, wie sich Frauen finden, küssen, begehren, es tun. Das Setting mag fremd sein und die Geschichten banal, das Miterleben der assoziierten Gefühle aber durchdringt den eigenen Alltag. Identifikationspotential liegt darin. Frauen, die sich ihrer Gefühle Frauen gegenüber nicht sicher sind, können solche Literatur als Gradmesser benutzten: Je mehr Sehnsucht beim Lesen entsteht, desto mehr Sehnsucht war schon da. Wie Lesbischsein trotz aller gesellschaftlichen und kulturellen Widerstände gelebt wird, dies machen die Protagonistinnen der Geschichten vor. Die Anthologie schafft einen imaginären Kontext, der Vereinzelung aufheben kann. Wenn homoerotische Gefühle von Frauen überall auf der Welt so gleich erlebt werden, ist das eigene Empfinden nicht mehr die Ausnahme. Und wenn es dennoch die Ausnahme ist, bietet jede Geschichte eine Strategie, wie damit umgegangen werden kann. Das erst macht stark.

"Warum glaubt ihr, ihr seid besser als Hunde?" hatte die junge Frau den Anführer der Gang auf dem Berliner S-Bahnhof gefragt. Da die Szene zwischenzeitlich jedoch einige Aufmerksamkeit bei Passanten erregt hatte, verschwanden die Männer im eingefahrenen Zug. "Selbst wenn du fast stirbst, du darfst keine Angst zeigen", sagte die junge Frau. Ihre Freundin streckte ihr die Hand entgegen, und erst jetzt war in ihren femininen Gesichtszügen der Mann zu erkennen, der sie in Wirklichkeit war. In wessen Wirklichkeit?

Sappho küßt die Welt. Geschichten von Lesben aus vier Kontinenten. Hrsg. Käthe Fleckenstein. Querverlag. Berlin 1999. 300 S., 39,80 DM.

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