„Das hat nichts mit Religion zu tun“

Anschläge von Paris Über die Haltung der deutschen Gesellschaft und das Verhältnis von Religion und Terrorismus
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„Das hat nichts mit Religion zu tun“
Foto: David Ramos/Getty Images

Ich habe es satt. In Paris sind gestern Menschen gestorben und in Paris werden auch heute noch Menschen in Folge ihrer Verletzungen sterben. Anstatt aber endlich eine Diskussion über die Gründe für derartig barbarische Verbrechen erleben zu können, muss ich mir, leider zum gefühlt fünfundzwanzigsten mal, die üblichen Standartfloskeln von allen Seiten der Gesellschaft anhören. Die „sozialen“ Medien sind voll mit den immer gleichen, hohlen Phrasen. Aus der rechten Ecke schlägt einem ein unglaublicher Hass, „nicht nur“ auf den Islam, sondern vor allem auf Muslime, entgegen, der dem giftigen Antisemitismus von einst in nichts nachsteht. Dieser Hass trifft in erster Linie die vielen Flüchtlinge in Deutschland und ganz Europa. Flüchtlinge, die häufig selbst vor Terror geflohen sind, die den Tod von Angehörigen miterlebt haben und nichts mehr haben, außer ihr eigenes Leben. Anstatt mit diesen Menschen solidarisch zu sein, mit Ihnen für eine bessere Zukunft, auch in der arabischen Welt, zusammenzuarbeiten, pflegt die politische Rechte ihre eigenen Vorurteile, hetzt und grenzt aus. Wenn diese Haltung nicht so verdammt gefährlich wäre, vielleicht könnte ich darüber sogar lachen.

Erhebliche Teile des gegenläufigen, politischen Spektrums verhalten sich aber ebenfalls vollkommen falsch. Vereinfacht gesagt lässt sich deren Haltung in dem Satz „Das hat nichts mit Religion/dem Islam zu tun“ zusammenfassen. Er steht für das völlige Ignorieren der Tatsachen und der Vorstellung, der Islam wäre in irgendeiner Weise besonders schützenswert. Um es gleich zu sagen: Natürlich gibt es viele, häufig sehr gewichtige Dinge, die zur Entstehung von Terrorismus führen. Soziale Ungerechtigkeit und die daraus entstehende Perspektivlosigkeit, mangelnde Bildung und eine autoritäre, unkritische Grundhaltung, um nur einige davon zu nennen. Natürlich entschuldigt das überhaupt nichts. Der Zweck heiligt niemals die Mittel, egal wie schlecht die persönliche Situation auch sein mag. Leider bedeutet die Tatsache, dass es nicht so sein darf, aber nicht, dass es nicht so ist.

Zurück zum Islam. Natürlich ist dieser kein Problem, solange er eine Form von privater Glaubensauslegung bleibt. Zum Problem wird er, wie eigentlich alle anderen mir bekannten Religionen auch, wenn er in das Zusammenleben eingreift. Zu genau diesem Eingreifen neigen die abrahamitischen Weltreligionen, also auch das Christentum, alle. Mit anderen Worten: Diese Religionen haben, wie viele andere ebenfalls, einen totalitären Kern. Vom bekannten Verbot der Homosexualität im alten Testament, bis hin zu den Suren des Koran, die sich mit dem Abfall vom Islam befassen: Liest man die „heiligen“ Schriften der abrahamitischen Religionen, stellt man fest, dass sie sich alle tief in das gesellschaftliche Zusammenleben einmischen und Entscheidungen des Einzelnen kaum respektieren.
Niemanden, am allerwenigsten den vielen Menschen, die vor einer fundamentalistischen Terrorgruppe fliehen, ist geholfen, wenn die Kritik an der Religion als negativ gilt. Europa hat viel erreicht. Nicht zuletzt aufgrund einer Aufklärung, die sich immer kritisch mit Religion beschäftigt hat. Dieses aufklärerische Denken hat es geschafft, die direkte Rolle des Christentums aus der Politik weitestgehend zu eliminieren und nichts anderes muss mit dem Islam, sofern es noch nicht stattgefunden hat, ebenfalls passieren.

Die spirituelle Seite des Islam stellt keine Gefahr für Europa dar, seine politische schon. Nicht umsonst sieht es in den Ländern dieses Planeten, die Staat und Religion nicht trennen, weitgehend düster im Bezug auf Menschenrechte und persönliche Freiheit aus. Wenn die politische Linke den vielen, friedlichen Muslimen also einen Gefallen tun will, dann sollte sie mit Kritik am Islam, insbesondere seiner politische Dimension, nicht sparen. Sie sollte aufhören, von der „unbedingten Achtung religiöser Gefühle“ zu reden und klar stellen, dass es ein Recht auf solche Gefühle ebenso wenig gibt, wie eines auf die Achtung politischer, philosophischer oder sonstiger Gefühle.
Eines sollten wir uns stets klar machen: Die Terroristen haben schon gewonnen, wenn wir anfangen über strengere Blasphemiegesetze, den stärkeren Schutz von Religion und die Einschränkung der Freiheit der Kunst zu debattieren. Wenn wir jetzt nicht die Errungenschaften der Aufklärung hochhalten, so unvollendet sie auch sein mag, spucken wir den Toten von Paris ins Gesicht.

15:14 14.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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