"Es liegt nicht an dir..."

Beziehungskrise Wenn wir die Zerstörung des Klimas aufhalten wollen, brauchen wir eine Krise in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Ein Versuch, die richtigen Worte zu finden
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"Es liegt nicht an dir..."
Zeit für Krisenstimmung

Foto: Flickr/Ende Gelände (CC SA 2.0)

Die „gierigen Banker” in der Finanzkrise, die westlichen Urlauber, die mit ihren Flugzeugen durch die Welt fliegen, die tierquälenden Bauern, die nebenbei auch noch das Grundwasser vergiften, die waffenproduzierenden Großindustriellen. Es scheint als habe in unserer Welt jede Krise ihre Schuldigen. Moralische Verurteilung steht nach wie vor hoch im Kurs, verhindert jede Beschäftigung mit strukturellen Problemen und ist im Kern unkritisch wie eh und je. Kein Wunder, denn die Menschen sind, so der häufig zu hörende Tenor, sowieso generell schlecht, gierig, eigentlich eine Ausgeburt der Hölle. Wer sich so mit der Welt beschäftigt, kann es auch lassen.

Jetzt ist es zweifellos so, dass Menschen einander und anderen Lebewesen schlimme Dinge antun. Ausbeutung, Unterdrückung, Mord und Totschlag sind der Menschheitsgeschichte keineswegs fremd. Nur: Über „den Menschen” sagt das gar nichts aus. Menschen tun schlechte Dinge nicht, weil sie als einzelne Menschen grundsätzlich „schlecht”, „böse”, „gierig” oder dergleichen sind. Sie tun es, weil sie in einer ganz bestimmten Welt mit ganz bestimmten Beziehungen leben. Auch die Klimakrise ist das Ergebnis solcher spezifischer Beziehungen. Wenn wir das verstehen, nähern wir uns ihrer theoretischen Lösung an.

Was hier vielleicht abstrakt klingt, lässt sich an der Realität leicht verdeutlichen. Schauen wir uns etwa das Beispiel der Herstellung eines Industrieprodukts an, sagen wir Holzstühle. Theoretisch wären diese sozial und ökologisch nachhaltig herstellbar. Es könnte nur so viel Holz verwendet werden, wie wieder nachwächst, der Leim könnte so umweltschonend wir irgendwie möglich hergestellt werden, der Strom für die Maschinen könnte aus Erneuerbaren Energien stammen. In der Realität passiert in aller Regel nichts davon. Wieso? Nicht, weil alle, die Stühle herstellen, schlecht, gierig oder sonstwas sind. Sondern weil sie in bestimmten Beziehungen zueinander stehen und diese Beziehungen sie zu einem nicht-nachhaltigen Produktionsprozess veranlassen. Die Summe der Beziehungen hat hier einen bekannten Namen: der Markt. Verstehen wir ihn, verstehen wir den grenzlosen Expansionsdrang und Ressourcenhunger der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung.

Ehe mit den Unbekannten

Der Markt ist letztlich ein riesiges „Gefangenendilemma”. Das Dilemma – ein Gedankenspiel, es folgt ausführliches Wikipediazitat – „modelliert die Situation zweier Gefangener, die beschuldigt werden, gemeinsam ein Verbrechen begangen zu haben. Die beiden Gefangenen werden einzeln verhört und können nicht miteinander kommunizieren. Leugnen beide das Verbrechen, erhalten beide eine niedrige Strafe, da ihnen nur eine weniger streng bestrafte Tat nachgewiesen werden kann. Gestehen beide, erhalten beide dafür eine hohe Strafe, wegen ihres Geständnisses aber nicht die Höchststrafe. Gesteht jedoch nur einer der beiden Gefangenen, geht dieser als Kronzeuge straffrei aus, während der andere als überführter, aber nicht geständiger Täter die Höchststrafe bekommt. Das Dilemma besteht nun darin, dass sich jeder Gefangene entscheiden muss, entweder zu leugnen (also mit dem anderen Gefangenen zu kooperieren) oder zu gestehen (also den anderen zu verraten), ohne die Entscheidung des anderen Gefangenen zu kennen. Das letztlich verhängte Strafmaß richtet sich allerdings danach, wie die beiden Gefangenen zusammengenommen ausgesagt haben und hängt damit nicht nur von der eigenen Entscheidung, sondern auch von der Entscheidung des anderen Gefangenen ab.”

Bei der Produktion für den Markt sind die Menschen, Lohnabhängige wie Unternehmer, im Grunde in der gleichen Situation wie die Gefangenen. Sie müssen aber nicht die Handlung eines anderen Menschen abschätzen, sondern die von – je nach Branche – zehn- oder hunderttausenden, manchmal von Millionen. Sie werden dort niemals kooperieren, wenn sie nicht dazu gezwungen werden – und zwar nicht weil sie „gierig” oder „schlecht” sind. Sie werden es nicht tun, weil es unter den Bedingungen der riesigen Konkurrenz ausreicht, Angst zu haben, dass ein Wettbewerber mehr und/oder billiger produziert und damit die Existenz aller anderen gefährdet. Die Angst vor dem Abstieg reicht völlig aus, damit am Ende alle möglichst billig, möglichst viel produzieren und um die Wette laufen – auf Kosten von Mensch, Natur und Klima.

Der Markt ist kein Einzelfall: Heute haben wir überall Räume, in denen Macht, Herrschaft und Konkurrenz als normal, als gut gelten. Wir alle kennen aber auch Räume, in denen das nicht so ist. In denen gegenseitige Hilfe, Solidarität, die weitgehende Abwesenheit von Machtbeziehungen existieren. Nicht „der Mensch” ist gut oder schlecht, seine spezifischen Beziehungsgeflechte können Gutes oder Schlechtes fördern und hervorbringen.

Scheidungsgedanken

Es ist kein Zufall, dass das Gerede von „Beziehungen” an die bürgerlich-romantische Paarbeziehung erinnert. Wenn eine solche mal wieder zu Ende geht heißt es oft: „Es liegt nicht an dir...es liegt an mir.” Falsch ist in der Regel das eine wie das andere. Denn es liegt an uns. Daran, dass sich Strukturen eingestellt haben, die Probleme erzeugen und immer weiter festigen. Daran, dass Bedürfnisse, die Menschen entwickeln und die sich verändern, hinter diesen Strukturen angestellt werden. Diese Strukturen sind nichts anderes als bestimmte, auf Dauer gestellte, zwischenmenschliche Beziehungen. Die Krise in bürgerlich-romantischen Paarbeziehungen, sie ist eine Krise des Beziehungsgeflechts.

An unserer Außenwelt gehen diese Krisen selten spurlos vorbei. Zu den besseren Ratschlägen, die wir dann bekommen, gehört: Fahrt mal in den Urlaub. Daran ist zumindest der Grundgedanke richtig: Wenn ihr unglücklich seid, müsst ihr Dinge verändern. Von selbst wird es nicht passieren. Oft ist nach einer solchen Krise aber auch Schluss. Der Partner oder die Partnerin wird verteufelt, aus dem Leben gestrichen. Manchmal ist letzteres unumgänglich, weil sich Bedürfnisse grundsätzlich nicht mehr unter einen Hut bringen lassen, häufig sicher auch nicht.

Gerade aus den Fehlern und dem Umgang miteinander in bürgerlich-romantischen Paarbeziehungen können wir viel über die Klimakrise lernen. Unsere gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen – als Menschen untereinander und die mit der Natur – sind zerstörerisch. Sie zerstören die Umwelt, das Klima, auch uns selbst. Eine traditionelle Paarbeziehung würden wir in so einem Fall grundsätzlich in Frage stellen. Unsere wirtschaftlichen und politischen Beziehungen aber erkennen wir beinahe als Naturgesetz an. Wir sprechen vom Sachzwang der bestehenden Verhältnisse und vergessen dabei, dass wir es sind, die diesen Sachzwang erzeugen. Was wir tun müssen, ist die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen radikal zu hinterfragen. Wir brauchen Beziehungskrisen.

Freunde bleiben

Im Gegensatz zur Krise in der bürgerlich-romantischen Paarbeziehung kann der Ausgang dieser politischen und wirtschaftlichen Krisen nicht offen sein. Wir können nicht mit unseren Beziehungen zu anderen Menschen und der Natur "Schluss machen", uns keine neue Menschheit und neue Welt suchen (Was nicht heißt, dass das gegenwärtig nicht von ein paar reichen Leuten vermutlich versucht wird). Wenn das Klima, wie wir es kennen, nicht dauerhaft vernichtet werden soll, müssen wir uns in diese Beziehungskrisen stürzen und wir müssen sie lösen. Das können wir nur kollektiv tun, sie lassen sich genauso wenig individuell bewältigen, wie die Krisen in unseren Paarbeziehungen.

Freilich steht uns bei der Lösung der Klimakrise mehr im Weg als bei der Lösung einer Krise in einer romantischen Beziehung. In einer solchen können wir miteinander sprechen, haben im besten Fall ein gleiches Interesse. Das ist im Fall einer Wirtschaft, in der das demokratische Mitspracherecht gegen Null geht, einer Welt, in der es keine globalen demokratischen Institutionen gibt und in der nicht selten auf radikale Veränderungsbestrebungen mit roher Gewalt geantwortet wird, anders. Dementsprechend groß ist die Herausforderung und dementsprechend groß ist die Möglichkeit zu scheitern. Wenn die Menschheit sich und die Welt aufgrund von Beziehungen, die die Menschen selbst geschaffen haben, zu Grunde richtet, sollten wir uns am Ende zumindest nicht sagen lassen: Der Mensch ist eben schlecht und gierig, kann man nix machen. Ja, vielleicht sind wir ziemlich unvollkommen und erschaffen Dinge und Beziehungsgeflechte, die uns über den Kopf wachsen. Vielleicht sind wir nicht viel mehr als ein paar Trottel, die es häufig gut meinen und noch häufiger schlecht machen. Aber es wäre schade. Um die doch irgendwie liebenswürdigen Trottel, die wir sind, und um diese Welt, die uns ein Zuhause gibt. Deshalb: Zeit für Krisenstimmung.

Anmerkung zur vieldiskutierten Idee eines Marktes, in dem Fairer Handel und Faire Produktion der Standard wäre, einer Marktwirtschaft, die also wirklich den Anspruch hätte, „sozial” zu sein: Das ist sicher eine Verbesserung gegenüber dem Ist-Zustand, löst aber keine Probleme, die aus der Konkurrenz am Markt selbst entstehen: Wachstumszwang bei Strafe des eigenen Untergangs, möglichst billiger Produktion mit all ihren Folgen, damit Ressourcenhunger usw.

12:12 15.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Franz Hausmann

Student, Autor, Aktivist. Buch "Koks am Kiosk? Eine Kritik der deutschen Drogenpolitik" bei Schmetterling Verlag erhältlich.
Franz Hausmann

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