RE: Bitte nochmal neu, Frau Rowling | 16.04.2019 | 22:42

Geht's eventuell auch paar Nummern kleiner, als gleich das Demokratieverständnis der Autorin in Frage zu stellen? Tun Sie das auch, wenn der Sport-Kommentator sagt, die Mannschaft hätte er anders aufgestellt, oder wenn der Theaterkritiker schreibt, das Stück hätte er anders inszeniert? Oder nur dann, wenn das Thema nicht in Ihr Weltbild passt?

Im Übrigen ist der Beitrag eine Glosse, der man u.a. mit Humor begegnen kann. Und wenn man ihr gar nichts abgewinnen kann, kann man ja zumindest konzedieren, dass es anderen Menschen eventuell anders geht. Toleranz, Respekt, etc., wie Sie selbst schreiben.

RE: Ein Befreiungsversuch | 05.01.2019 | 20:34

"Wenn doch nur im Entferntesten eine Kritik an den unsäglichen Hartz IV-Gesetzen die gleiche Welle schlagen würde! Woran mag das wohl liegen? Ich vermute mal, weil die Prekären längst nicht mehr als schützenswerte Minderheit betrachtet werden."

Haben Sie schon mal daran gedacht, dass die politischen Antworten darauf, wie man Menschen vor gruppenbezogener Feindseligkeit schützt, schlichtweg viel einfacher zu finden und umzusetzen sind, als die Antwort darauf, wie man die Jugendarbeitslosigkeit in Europa beseitigt? Dass Minderheiten wie z.B. Lesben und Schwule als soziale Gruppen zumindest hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Anliegen sehr viel homogner sind als z.B. Hartz IV-Empfänger?

Die Frage ist, warum Sie und andere hier die gravierende Defizite und Versäumnisse bei Arbeitsmarktchancen, finazieller Absicherung, Bildung etc. ausgerechnet an den Erfolgen von Emanzipationsbewegungen messen. Wenn es erhebliche Fortschritte im Verkehrssektor gibt, z.B. für Pendler, spielen Sie diese dann auch aus gegen soziale Ungleichheit? Oder wenn nennenswert Geld in die Forschung gegen seltene Krankheiten investiert wird und es gibt wirkliche Fortschritte in dem Bereich - sind die Nutznießer dann Ihrer Meinung nach auch eine Minderheit, die angesichts der bestehenden sozialen Verwerfungen über Gebühr Beachtung durch den Staat erfahren haben?

RE: Ein Befreiungsversuch | 05.01.2019 | 13:44

Erstaunlich, wie hier im Forum in voller Einmütigkeit die Rechte von Minderheiten gegen Verteilungsgerechtigkeit ausgespielt werden. Sahra Wagenknecht kann sich freuen, wie schnell ihre Blase von der Minderheiten- und Identitätspolitik als neoliberalem Placebo zum Diktum eines linken Mainstream geworden ist. Damit, wie andere Impulsen ihrerseits, z.B. zu Arbeitsmarkt und sozialer Absicherung, aufgenommen werden, sieht es freilich weit weniger rosig aus. Zufall? Keineswegs! Denn diese Wagenknechtsche Linke macht mit Minderheiten genau das, was Konservative mit ihnen auch machen: sie macht sie zum Spielball.

Und diese Linke strickt munter mit an der Legende (weil sie so sehr bequem ist), die Selbstbestimmung der Frau und die Ehe für alle seien Geschenke der Politik gewesen. Waren sie nicht. Menschen haben dafür gekämpft, über 50 Jahre hinweg, unermüdlich, unter Aufwendung hoher persönlicher Einsätze. Und bei Weitem nicht nur die Aktivisten, sondern jede / jeder hat an ihrem / seinem Platz in der Gesellschaft für Recht, Respekt und Anerkennung gekämpft.

Neidisch? Zu Recht. Wo waren denn die großen Demonstrationen für gerechte Verteilung in den letzten 50 Jahren? Für soziale Sicherheit, für menschenwürdige Erwerbsarbeit in einer globalisierten, hochtechnisierten und kommerzialisierten Welt? Hätten wir unseren Arsch hochgekriegt, gegen die völlig entgrenzte Wirtschafts- und Finanzdoktrin aufzustehen, gegen die Rationalisierer, die Selbstbereicherer, die Erwerbszyniker - wir könnten heute in Solidarität und Arm in Arm mit den Brüdern und Schwestern der Emanzipationsbewegungen gehen und müssten nicht diesen erbärmlichen Missgunstdiskurs führen.

RE: Frauenleihe und Fremdsperma | 13.03.2018 | 08:53

Homosexuelle Männer verdienen in Deutschland bei gleichen Ausgangsbedingungen wie Alter, Bildung und Branche im Schnitt fast 15% weniger als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen. Der Verdienstabstand zwischen Männern und Frauen lag 2016 bei 21%, ein erwerbstätiges Mann-Frau-Paar verdient also im Schnitt 10,5% weniger als zwei beliebige heterosexuelle Männer - und damit immer noch mehr, als ein schwules Mann-Mann-Paar.

Irre, was?

RE: Lebenspartnerschaft für alle! | 09.07.2017 | 15:12

Die ursprüngliche Fassung des Lebenspartnerschaftsgesetzes in Deutschland war letzendlich das verbogenen und zusammengestutzte Resultat der notwendigen Kompromissbildung mit den sich gouvernantenhaft windenden traditionalistischen Kräften, die jede Art von Emanzipation der Lesben und Schwulen verhindern wollten. Letztlich entstand also ein Bündel von vielen Pflichten und wenigen Rechten - das Ganze darüber hinaus unter legislativer Fortschreibung der bisherigen Diskriminierung, insofern für das "Ungleiche" um jeden Preis ein "ungleiches" Rechtsinstitut geschaffen werden musste, das auch in Zukunft Lesben und Schwulen sofort als ebensolche ausweisen würde. Böse könnte man sagen, dass die Maßgabe war: "Liebe Lesben und Schwule, wenn ihr Privilegien in Anspruch nehmen wollt, dann müsst ihr euch diesen hübschen rosa Wimpel mit der Aufschrift 'LPartG' ans Revers heften, den wir extra für euch gebastelt haben." Auch die zahlreichen Einzelentscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, die durchgängig die "Gleichheit" von gleichgeschlechtlichen mit gemischtgeschlechtlichen Partnerschaften hervorhoben, vermochten daran nichts zu ändern. Der letzte Coup der Traditionalisten war schließlich, sich die Errungenschaft des Lebenspartnerschaftsgesetzes (gegen das Teile von ihnen Jahre zuvor noch erfolglos geklagt hatten) auf die eigenen Fahnen zu schreiben, um eine Öffnung der Ehe zu verhindern.
Fazit: Ich fürchte, an diesem Konstrukt ist nichts mehr zu retten. Es war eben nur die Leiter, über die man zur Öffnung der Ehe hinaufgestiegen ist und die damit nun auch wertlos wird.

Wie der Autor hier treffenderweise erwähnt, hat Frankreich den Weg gezeigt, wie es richtig geht: PACS als zivilrechtlichen Lebensbund für alle 1999, Öffnung der Ehe 2013 - plus Fortbestand des PACS, der mittlerweile zum Erfolgsmodell geworden ist.

RE: Wieder nur hoffen | 01.03.2017 | 12:04

@Gelse

Zitat: "Vielleicht dazu Leute, die es ab und zu nach einem Gaserl Wein oder Bier gelüstet? Da ist sicher ein grosses Einwanderungspotential vorhanden..."

Die asylentscheidende Frage im Fall des Tunesiers ist, ob der Staat hier die Möglichkeit und die Pflicht hat, den Mann vor Gewalt zu beschützen, und dieser Pflicht systematisch nicht nachkommt.

Empathie und Perspektivenübernahme führen zum Verstehen der Situation, nicht aber Überheblichkeit und Häme. Für Heteros: Stellen Sie sich einfach vor, Sie werden von Ihrer Familie bedroht, weil es Sie nach ihrer Partnerin/ihrem Partner "gelüstet", und der Staat lehnt es ab, Sie zu beschützen, mit der Begründung, dass Heterosexualität sowieso verboten sei.

RE: Die Maschine, die alles mitliest | 15.12.2016 | 15:06

Ticken denn die "vielen Leute", von denen Sie hier sprechen, nur in Schimpfwörtern, Beleidigungen oder Aufrufen zu Gewalt? Oder lassen sich deren Ansichten eventuell auch in sachlichem Deutsch fassen?

RE: Die Maschine, die alles mitliest | 15.12.2016 | 14:58

Das Ganze hat mit Zensur und Meinungsäußerungsfreiheit nichts zu tun. Die private oder geschäftliche Website eines anderen ist kein öffentlicher Ort. Ein Publizist im Internet, wie z.B. hier "der Freitag", hat auf seiner Internetseite eine Art "Hausrecht". Er kann deshalb z.B. für das Verfassen von Kommentaren eine "Hausordnung" erlassen - bei den meisten Organen ist dieses in den Nutzungsbedingungen festgelegt, denen Sie als Nutzer bei der Anmeldung (allzuoft auch ungelesen) zustimmen. Der Publizist entscheidet dann über die Veröffentlichung nach seinem Ermessen. Er kann zum Sortieren der Beiträge menschliche Redakteure und/oder unterstützende Technologien einsetzen - wie er will. Ein allgemeines Recht auf Meinungsfreiheit greift hier nicht. Sie würden ja auch nicht mit Ihrem Beitrag ins Redaktionsbüro Ihrer Tageszeitung gehen und sagen: "Sie müssen das drucken, denn schließlich herrscht Meingsfreiheit!"

Von diesem rechtlichen Aspekt einmal abgesehen finde ich es abgründig, das Recht der Meinungsäußerungsfreiheit ausgerechnet an der Veröffentlichung von Beleidigungen, Schmähungen, Drohungen etc. festzumachen. Wer das unter "Meinung" versteht, der dürfte in der realen Welt wohl einige gravierende Probleme haben.