Postsexuelle Revolution und neoliberale Liebe

phil.cologne Die Soziologin Eva Illouz und die teure Hure Salomé Balthus sprechen auf der phil.cologne über ähnliche Themen auf völlig verschiedene Weise. Und sagen dabei wenig Neues.
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Die Kölner phil.cologne - das erfolgreiche Schwesterformat der überaus erfolgreichen lit.cologne - erfreut sich im verflixten siebten Jahr zunehmender Beliebtheit. 14.000 Besucher bedeuten einen neuen Rekord. Warum eigentlich? Denn dieses Format hat so wenig mit Philosophie zu tun hat wie die CDU mit Youtube. Das offenbaren zwei Abende, die thematisch eng verbunden scheinen. Leider begleitet von einer Moderatorin - Svenja Flaßpöhler vom Philosophie Magazin - die aus verschiedenen Gründen gleich zweimal scheitert.

Die aus Marokko stammende Eva Illouz, Jahrgang 1961, die von Juni bis Juli und dann noch einmal im Oktober die diesjährige Niklas-Luhmann-Gastprofessur in Bielefeld hält, ist einem größeren Publikum spätestens mit ihrem bei uns 2012 erschienenen Buch „Warum Liebe weh tut“ bekannt geworden. Mit ihrem neuen Buch „Warum Liebe endet“ trat sie nun mit ihren bitteren Thesen rund um das von ihr konstatierte "kapitalistische Subjekt" und die "Ökonomisierung der Emotionen“ auf der phil.cologne auf.

Ihre Kernthesen gerieten dabei verblüffend einfach und verständlich: Das Leiden an der Liebe bzw. seinem nicht oder jeweils nur temporären Gelingen ist kein subjektives Leiden sondern ein soziologisches. Was aber ist der Unterschied und wie wird er hergestellt? Illouz, die dem gesamten psychotherapeutisch/psychologischen Ansatz kritisch gegenübersteht, verortet die Verantwortung für den subjektiven Leidensdruck zum einen im Siegeszug der Psychologie und ihrer mannigfaltigen Therapieformen, die samt und sonders das "innere Gefühl" als den Dreh- und Angelpunkt für psychisches Leiden ausmachten und es in mehr oder weniger großen (systemischen) Zusammenhängen zu behandeln und zu "heilen" versuchten. Michel Foucault, der französische Großuntersucher der Macht und ihrer Einschreibungen bis in unsere Körper, inspirierte Illouz, den soziologischen Charakter romantischer Verbindungen freizulegen. Ihr Angriff auf die Psychiatrisierung innerer Gefühlslagen ist darum vielleicht auch die auffallendste Konsequenz ihrer Beschreibung - und das ist das andere weite Feld ihrer Thesenführung - einer sukzessiven „Ökonomisierung der Liebe“. Illouz kritisiert die Psychologie vehement dafür, unsere Emotionen fortschreibend als"unsere innere Geschichte" zu deklarieren, entlarvt dabei diese Gefühlswelten als von ökonomischen Zwängen nicht allein begleitete sondern geradezu beherrschte. In der Ausklammerung des ihres Erachtens in Wahrheit sozialen Ursprungs psychischer Schmerzen sieht Illouz die Psychologie für die "Privatisierung des Leidens" per se verantwortlich. Die Psychologie als Nebelmaschine eines immerfort währenden Sozialdrucks auf Subjekte mache die Menschen zu "Subjekten der Normierung und der Psychiatrisierung", sie habe eine Art "Epistemologie der Emotionen" erschaffen, die "das Innere" der Menschen zur eigentlichen Realität erkläre.

Dabei unterscheidet Illouz keineswegs - wie Flaßpöhler gerne insistieren will - zwischen der amerikanischen Ausprägung therapeutischer Praxis, wie sie sich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts raumgreifend etablierte und der Entstehung der Psychoanalyse bei Freud. Das Problem an Therapie ist für Illouz ihr Paradox: Sie versucht zu helfen und schafft dabei durch Normierung ein neues Feld des Abnormen, eine "Medikalisierung der Emotionen". Die Abstellung auf eben dieses Paradox erweist sich allerdings auch als die Crux von Illouz Angriff. Indem sie konstatiert, dass Therapien Individuen durchaus helfen, entschleiert sie ihre eigene Sicht durch das soziologische Milchglas und enttarnt es als reichlich kurz gefasst gegenüber der Mannigfaltigkeit einer in der Moderne sich durchaus auch kritisch entwickelnden Therapieszene. Und als das Grobschlächtige, das Kultursoziologie eben auch häufig ist. Kein Wort fällt über die historisch gewordenen Paradigmen-Angriffe der Anti-Psychiater um David Cooper und Ronald D. Laing.

Doch wie hängt nun Begierde und Kapitalismus zusammen? Und gibt es bei Illouz - fast lässt sich derartiges ja vermuten - auch einen kritischen Blick auf die sogenannte "sexuelle Befreiung" in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts? Ganz eindeutig: Ja. Für Illouz hat die sexuelle Revolution die Strukturen patriarchaler Herrschaft, Kontrolle und Macht weitgehend unangetastet gelassen. Sie habe den Frauen ihre sexuelle Selbstermächtigung zu vollständiger Partizipation an ihrer Lust suggeriert und damit ein weiteres Feld ihrer Ausbeutung eröffnet. Als Beispiele führt Illouz die Pornographisierung und Tinderisierung unserer Gesellschaft an, allesamt Methoden und Praktiken einer Ökonomisierung und Mechanisierung der neuen sexuellen Freizügigkeit. Im übrigen - und an dieser Stelle gerät Illouz auf geradezu eklatante Weise in die Nähe der mit hochgradig provozierenden Anmerkungen bereits in den frühen 70er Jahren auffallenden Esther Vilar - habe die sexuelle Revolution nichts aber auch gar nichts daran geändert, dass Frauen noch immer die großen Fürsorgerinnen unserer Gesellschaften seien. Seither seien sie lediglich zusätzlich zu einer ständig verfügbaren sexuellen Ressource geworden. Gleichwohl fehlt Illouz der zynisch-satirische Duktus, der seinerzeit Vilars Thesen einer ihre Vagina gegen Schutz tauschenden und damit die Männer ausbeutenden Kindfrau-Schlampe so viel Schärfe und so viel feministischen Widerspruch verschaffte. Bei Illouz ist sexuelle Emanzipationsgeschichte am Ende nichts als ein weiteres Kapitel der Herrschaft des Mannes über die Frau. Was auch immer davon gehalten werden mag: Illouz schlägt damit den Bogen zum ökonomischen Begriff der Wahl als Schlüsselbegriff in ihrem Gedankengebäude. Denn - so Illouz - wenn die normativen Beschränkungen zur Anbahnung romantischer oder sexueller Verbindungen abnehmen, werden die Akteure bei den Entscheidungen ihrer Auswahl rationaler, also gefühlskälter, und das in immer schneller werdenden Abfolgen. Die Wahl wird zum neuen „Modus des Treffens“, Internet-Dating-Lines und Tinder zum „Büffet der Anbahnung von (sexuellen) Verhältnissen“. Die Warenförmigkeit der Liebe und des Sex werden eklatant. So stimmig ihre Diagnosen, so verkürzt und zusammengefasst kommen sie daher. Und offenbaren das Problem des Abends angesichts hochkomplexer Zusammenhänge: Alle Redebeiträge müssen aus dem und ins Englische übersetzt werden. Das nimmt Zeit in Anspruch und lässt eine moderierte Diskussion gar nicht erst aufkommen. Der Abend ermöglicht genau vier Fragen und eine Rückfrage, dann sind die eineinhalb Stunden vorbei, in denen vor allem Illouz auf makrosoziologische Weise das Wort an sich reißt und jeden Einspruchsversuch von Svenja Flaßpöhler von sich weist.

Was für den Abend mit Eva Illouz als defizitär zu bezeichnen ist, gerät am fünften Abend des philosophischen Unterhaltungs-Festivals unter dem Titel „Brauchen wir eine neue sexuelle Revolution“ zur nachgeraden Farce. Wiederum Svenja Flaßpöhler bittet auf die sprichwörtliche Couch, auf der neben dem Komponisten und Autor Claus-Steffen Mahnkopf die deutsche Edel-Hetäre Klara Johanna Lakomy aka Salomé Balthus Platz nimmt. Es dauert keine zwei Minuten und das Desaster nimmt seinen unfreiwillig komischen Lauf. Balthus - eine für das Vulgär-Gehalt von 3000 Euro für eine Nacht buchbare Leih-Vagina - quatscht und quasselt sich binnen kürzester Zeit um Kopf und Kragen, sie unterbricht, plappert, schnattert und ratscht süffisant und oftmals ziellos in die diskursive Flachebene und macht dabei vor allem Eines: Sich selbst darstellen. Wer hofft, das sei interessant, wird schnell eines Besseren belehrt. Neben Balthus sitzt ihr Antipode Mahnkopf, vergeblich versucht er, das philosophische Zepter an sich zu reißen. Auch er salbadert weitgehend um das Thema herum, verweist immer wieder auf sein (philosophisches) Buch über den Orgasmus und die angebliche Begriffsgenauigkeit seiner Herangehensweise an den Untersuchungsgegenstand. Derweil erweist sich Flaßpöhler - die im Vergleich zum vorhergehenden Abend echte Möglichkeiten zur Lenkung und Moderation dieses Gesprächs hätte - als talkender Totalausfall, hat von Beginn an die Situation nicht im Griff und vermag darum auch keinerlei Richtungswechsel vorzugeben, so redlich sie sich auch müht. Was im Vorhinein zu befürchten war, bestätigt sich auf eklatant banale Weise: Der narzisstisch gelenkten Edel-Hure („Es interessiert mich nicht, zu begehren, ich will begehrt werden!“) und dem auf ganzer Linie gequält wirkenden Akademie-Philosophen sind an diesem Abend keine diskursiven Kräuter gewachsen.

Die folgenden anderthalb Stunden handeln von der Frage, ob der Cumshot ins Gesicht oder auf andere Körperteile "eine evolutionäre Wahrheit ist oder doch eher eine fortgeschrittene Kulturtechnik“ (Flaßpöhler). Es geht viel um Porno (Balthus: „Kolleginnen von mir erzählen, es irritiere ihre Partner, wenn sie so pornomäßig acten“), um Squirting (Flaßpöhler:“Nein, ich weiß nicht, was das ist…“), bis eine Zuschauerin genug hat und daran erinnert, dass Pornographie mitnichten Sexualität und der titelgebende Anlass dieser Zusammenkunft doch ein ganz anderer sei. Der Einwand erscheint zunächst als Startschuss für eine Wendung des Abends, eines Abends, der bislang Kinnladen in Reihung offen stehen und nicht mehr zugehen ließ. Ein Strohfeuer, wie sich bald herausstellt. Mahnkopf, der zumindest versucht, den Titel der Veranstaltung in seine Redebeiträge zu integrieren, erachtet das Prädikative der sogenannten sexuellen Revolution - darin mit Eva Illouz d`accord, nur aus völlig anderen Gründen - als übertrieben. Er schlägt statt der Konstatierung einer Revolution vor, von einem großen Schritt zur Emanzipation in technischer Hinsicht zu sprechen (Verhütungsmethoden, die Pille). Salomé Balthus weiß derweil gar nicht mehr, ob es überhaupt einer neuen sexuellen Revolution bedarf. Eben. Alle palavern am Thema vorbei und keiner scheint sich im Geringsten für die Frage zu interessieren, wozu wir denn eine brauchen könnten und aus welchen Gründen. Sämtliche zeitgenössische Diskurse über LGBTQ, MeToo, Asexualität und Transsexualität kommen bei diesem Trio aus dem vorigen Jahrhundert überhaupt nicht vor. Geschweige denn die Debatten um die frauenkämpferischen Wiederaneignungsbemühungen durch die „Fotzenfest“-Bewegung (ja, die heißt so und gibt es wirklich). Stattdessen wärmen alle drei doch tatsächlich die gefühlt Jahrhunderte alte (und ebenso lang beantwortete) Frage auf, ob der vaginale Orgasmus denn nun vielleicht doch noch eine Erfindung des Patriarchats ist.

Es ist kaum möglich, den gesamten redundanten Irrsinn wiederzugeben, der sich an diesem Abend in der Kölner Südstadt ereignet. Irgendwann wünscht man sich die Hamburger Prostituiertenlegende Domenica oder gleich Ingrid Steeger herbei; die hatten noch Herz und nicht nur ein Bankkonto. Warum also lädt man eine Frau ein, die außer der Marke, die sie selber ist, nichts beizutragen hat zur Fragestellung des Abends? Warum einen blassen Begriffsarbeiter, der - ohne auch nur einmal an Wilhelm Reich zu erinnern - an Schwammigkeit seiner Aussagen nicht zu überbieten ist? Und warum darf das von einer Redakteurin des Philosophie Magazins moderiert werden, die offenbar nicht die geringste Ahnung davon hat, wie so etwas geht? Sicher, da erwähnt Mahnkopf Kant („der Mensch wird für die Lust verdinglicht“) und dessen berühmte Metaphysik, um danach zu fragen, ob Kants epochemachende Maximen nicht auch für ein erotisch-romantisches Sexualverhalten gelten könnten? Wenn sich doch beide Seiten (welche beiden Seiten?) um die jeweils andere kümmerten, wäre dann nicht alles gut? Da ist die nächste verbale Blutgrätsche der Hetäre Balthus nicht weit: Jeder solle sich um sich selber kümmern, dann werde schon alles gut. Was ihr nicht auffällt: So argumentieren seit Jahrtausenden Vergewaltiger*innen, die sich halt nehmen, was sie brauchen. Was Balthus „auf einer Metaebene“ meinen dürfte und nicht müde wird zu betonen: Sex könne nie dazu taugen, die Gesellschaft moralischer zu machen. Sex sei Anarchie. Soweit so richtig. Aber dann: „Wie langweilig wäre es, wenn wir so ficken sollten, dass die Revolution kommt“. Ein Satz zwischen Slaptstick und philosophischem Offenbarungseid. Es ist kaum zum sprichwörtlichen Aushalten. Und wird noch grotesker. Als Svenja Flaßpöhler verzweifelt auf den Abend mit Eva Illouz verweist, vermutlich, um dessen gedimmte Strahlkraft ein wenig auch für diese völlig entgleisende Veranstaltung zu vereinnahmen, fällt Mahnkopf nichts Besseres ein, als die Titel der beiden letzten Illouz-Bücher zu verbessern: „“Warum Liebe weh tut“ müsste ja eigentlich “Warum Liebe auch weh tut“ und “Warum Liebe endet“, sollte “Warum Liebe gar nicht anfängt“ heißen!“

Philosophie unter VHS-Kurs-Niveau. Perfid wird es zum Ende: Nachdem Flaßpöhler den Schneid hat, „die Diskussion zu öffnen“, schallert es den Dreien auf der Bühne nur so um die Ohren. Die Leute haben bemerkt, dass sie hier verarscht werden. Dass hier das gute alte „sex sells“ tatsächlich und sprichwörtlich in ihre Geldbörse gegriffen hat. Dass hier drei unterirdisch vorbereitete Protagonisten Smalltalk zum saftigen Eintrittspreis anbieten. Die Enttäuschung sitzt tief: Nachdem ein junger Mensch sein Entsetzen über das Niveau der Runde zum Ausdruck bringt, versucht Balthus sich postwendend auf seine Seite zu schlagen, keilt gegen die Vorgaben des Abends und attestiert sich selbst, in diesen engen Rahmen gezwungen worden zu sein. Das Wort von der Hinterfotzigkeit erhält spätestens jetzt durch eine Edelhure im Stockholmsyndrom seinen unmittelbar genuinen Sinn. Mahnkopf quengelt derweil die nach Verantwortung für den misslungenen Abend heischende Moderatorin an, es sei doch ihre Idee gewesen, diese Veranstaltung abzuhalten. Nach einem weiteren gnadenlosen feedback folgt dann das peinliche Fazit von Svenja Flaßpöhler: Sie wolle bei aller Kritik doch auch noch mal anmerken, dass sie ja auch das Recht habe, mal eine ganz normale heterosexuelle Frau zu sein. Das aber stand nie zur Debatte. Was allerdings angesichts systematisch zur Zwangsprostitution verschleppt und gezwungener Mädchen in Latein- und Südamerika, in Russland, ja auf allen Kontinenten dieser Erde zur Debatte steht, ist ein Nachdenken darüber, wie schamlos und ordinär eigentlich derartige "Unterhaltungsprogramme" in einem saturierten Europa sind, die sich den Luxus gönnen, so zu tun, als sei Sexualität vor allem ein Mittel des Vergnügens und nicht weltweiter Unterdrückung und Ausbeutung.

Verstört von lauter ziegelharter Altbackenheit verlassen die Menschen zuletzt den Saal. Früher wurde im Theater gebuht. Leider ist diese Sitte aus der Mode gekommen. Diese beiden Abende zeigen: Die phil.cologne ist weder Kongress noch Symposium. Sie ist ein weitgehend diskurs- und diskussionsunfreundlicher, ein oftmals auch kompetenzfreier Raum und überteuerter Unterhaltungsevent mit Buchverkauf, ohne erkennbaren Mehrwert für dringend notwendige gesellschaftliche Veränderungen und Erneuerungen. Weil ihren Machern und einem philosophischen Feierabend-Publikum das wahrscheinlich auch nächstes Jahr genügt, wird sie weiterhin in gesellschaftlich irrelevantem Erfolg baden.

03:11 16.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andreas Richartz

Freier Autor, freier Denker: artblog.cologne und fixpoetry.com. Kultur, Sozialwissenschaft, Philosophie. Features, Interviews, Essays.
Andreas Richartz

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