freiheitsliebender
29.05.2012 | 18:46 5

“Worum es geht” – Eine Flugschrift von Jutta Ditfurth

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied freiheitsliebender

Rar sind sie geworden. Die Rede ist von Flugschriften, Appellen an Moral, Vernunft und Friedlichkeit. In der 46 Seitigen Flugschrift schafft es Jutta Ditfurth, einst Grünen/Bündnis90-Mitgründerin und heute eine ihrer ärgsten Widersacher, den Bogen der Vernunft zu spannen.

“Worum es geht”. Interessanterweise steht nach den drei Worten weder ein Ausrufezeichen, noch ein Fragezeichen – doch es ist klar, dass dort ein unsichtbares Fragezeichen stehen muss. “Worum geht es?” ist eine Frage die in Zeiten der vollgepumpten Märkte gestellt werden sollte. Dass diese Frage nicht gestellt wird, ist ein klares Zeichen, wie schwer krank nicht nur unsere Gesellschaft, sondern auch alle anderen kapitalistischen Staaten sind. Wir stellen uns nicht mehr die Frage, was wir wollen, zweifeln längst keine Autoritäten mehr an, überlassen das Handeln denjenigen, die die Macht dazu haben und hoffen, dass sie sorgsam mit ihrer Macht umgehen – vergebens. Und doch vertrauen wir ihnen weiter…

Worum es geht

Die Flugschrift ist in vier Abschnitte eingeteilt: Worum es geht, Was ist, Was droht und Was tun. Der erste Abschnitt ist als eine reine Kapitalismuskritik zu verstehen. Beim Leser dieser wenigen, doch sehr pointierten, allokierten Zeilen wird die Absurdität des Kapitalismus sehr deutlich. Längst spiegelt das Geld nicht mehr den Wert der Arbeit wieder, schon längst dient das Geld nicht mehr als Vereinfachung des Tauschhandels. Wir wollen das Geld maximieren, jeden von uns packt es früher oder später: Geld, Geld, Geld. Selbst wenn man für das erste finanziell abgesichert ist, es liegt in der Natur des Kapitalismus sein Geld zu maximieren, zu kumulieren. Der Kapitalimus ist zudem perfekt um ausgeschlossene, Arbeitslose, die in einer kapitalistischen Gesellschaft nichts wert sind, zu stigmatisieren. Der Dosenbiertrinkende, stinkende Hartzer ist das Abfallprodukt des Systems, ein Abfallprodukt, dass in diesem System existent sein muss. Wer einmal das Nachmittagsprogramm diverser Privatsender kennt, weiß wovon die Rede ist.

Was ist

Was ist? Stillstand, Degeneration und Verunstaltung. Wir stoßen allmählich an die Grenzen des Konsumrausches, denn Ressourcen sind bekanntlich endlich. Wer nicht sorgsam mit ihnen umgeht, lässt Blätter Verwelken schon bevor sie sich entfalten konnten.

Was Droht

Kurz gesagt: Es droht uns ein Krieg. Der Kapitalismus ist angezählt, konnte sich in letzter Sekunde noch einmal kurz aufraffen – wohlwissend, dass es beim nächsten Punch vorbei sein wird. Ditfurth erzählt, dass viele Linke in der Wirtschaftskrise seit 2007 die Chance des Wandels sahen, doch mussten sie beobachten, wie das Aufgebot der Kapitalismusverteidiger immer weiter vergrößert wurde und Demonstrationsrechte beschnitten wurden.

Was tun

Was tun? Ein gutes Schlusskapitel, welches jedoch mehr Fragen als Antworten aufwirft. Die Handlungsalternative namens Occupy jedenfalls hält Ditfurth für den falschen Weg. Die Bewegung sei zu sehr von Sekten á la Zeitgeistmovement, Antroposophen und Rechtsextremisten unterwandert. Vielmehr vermittele die Occupy-Bewegung politische Unverbindlichkeit, Intellektuellenfeindlichkeit, Konfliktscheue, Harmoniestreben und Sehnsucht nach Reputation. Was wir bräuchten ist ein linkes-emanzipatorisches Bündnis, dass nicht nur ein Teil des Kapitalismus kritisiert, sondern das System mit all ihren kausalen Zusammenhängen auf den Zahn fühlt und den Boden für Veränderungen in ein humanistisches Zeitalter ebnet.

“Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen “, sagte einst Max Horkheimer. Ditfurth schließt an das Zitat an und zeigt sich emanzipatorisch: “Soll es wirklich um die soziale Befreiung aller Menschen gehen, existiert kein nationales wir”.

Glaubt irgendjemand allen Ernstes, dass alles so weitergehen kann wie bisher, vielleicht mit ein paar Korrekturen? Diese Frage stellt Ditfurth auf den ersten Seiten. Natürlich kann es so nicht weitergehen, wir müssen handeln. Doch bevor wir unorganisiert mit einem unausgereiften Plan das Zepter des Handelns in die Hand nehmen, so müssen wir erst unseren Geist mit Marx, Luxemburg, Marcuse und Krahl füttern – so rät es Ditfurth dem Leser.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (5)

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kingprussia 29.05.2012 | 21:27

Was für ein Märchen (vom Regen in die Traufe). Kommunistische Umschulung von Imperialkapitalisten macht einen zum Musterdemokraten. Der Witz an der Sache ist (siehe etwas DDR), dass dabei nur die Volkswirtschaft flöten geht! Und so schliesst sich dann der Teufelskreis am Schwarzmarkt ;)

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Ehemaliger Nutzer 29.05.2012 | 21:53

Bei Amazon für 3,99 Euro und auf den ersten Blick wohl eine deutsche Mischung der französischen Vorbilder; von Pierre Bourdieus "Gegenfeuer" über Stephane Hessels "Empört Euch" bis hin zu "Der kommende Aufstand".

Und wie die letztgenannte Schrift ab dem Kapitel "Auf Geht's!" etwas schwächer wird, so bleiben via "Was tun" und mit Sicherheit nach ebenso zutreffender Bestandsaufnahme die Antworten zwangsläufig hinter den Fragen zurück.

Den Geist mit alten Theoretikern füttern ist mit Sicherheit nicht falsch, wobei meinerseits, der ich die Flugschrift noch nicht gelesen habe, Antonio Gramsci fehlt. Gerade dessen Staatstheorie zeigt aktuell faszinierende Parallelen in der Funktion des Staates als eine Marionette in ihrem (pseudo)demokratischen Mäntelchen. Einmal mehr sei hier auf diesen Text des italienischen Philosophen Alberto Burgio in der JW verwiesen. Illusionen sind dabei absolut fehl am Platze, was den sog. "demokratischen Rechtsstaat" betrifft. Das (nach Gramsci) zivilgesellschaftliche Hegemoniesystem kann bzw.wird daher via der sarrazinesk verrohenden Mittelschichten und Bildungsbürger im Sinne des genannten Geldfetischs ein repressives, eher rechtsnationales Konstrukt entstehen lassen.

Eben doch ein orchestriertes, instrumentalisiertes, die Reihen schließendes nationales "WIR"; leider...

notina.net/aj

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Ehemaliger Nutzer 31.05.2012 | 08:59

Wenn Jutta Ditfurth gegen so sehr gegen Kapitalismus ist, wieso VERKAUFT sie das Zeug? An den Aufrufen gegen Kapital ein kapital verdienen? Die Idee hat was in sich...

Heutzutage kann man ohne Druckkosten ohne sonst welche Kosten alles ins Netz stellen, wenn man mit Leuten reden will. Muss man an "politischen Überzeugungen" Geld verdienen? Klar, Kapitalismus ist das Schlimmste, was der Menschheit bis jetzt passierte... was glaubt Jutta Ditfurth eigentlich, könnte sie beim Sozialismus die Flugschriften gegen Sozalismus veröffentlichen und sogar Geld dafür verlangen?

Was soll diese Flugschrift außer wieder Partei-Propaganda? Gibt es konkrete Lösungsvorschläge? Gibt es eine klare Vorstellung, welche Gesellschaftsform man haben will, wenn man Kapitalismus zerstört? Warum sollten gerade die Linken zu solchen Aufgaben fähig sein? Ich sehe sie nicht als fähig, sie verhalten sich nach gleichen Mustern wie alle andere Parteien(Institutionen in dieser Gesellschaft, obwohl sie die Ansprüche stellen, etwas Besseres zu sein. Das Gleiche betrifft auch den Freitag.