Territorien des Widerstands

Widerstand Werk über die Bewegungen Südamerikas!
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Im Mittelpunkt von Raul Zibechis Arbeit über die „sociedades en movimiento“ (Gesellschaften in Bewegung) stehen „los de abajo“ (die von unten), die er als Ablösung der klassischen sozialen Bewegungen sieht. Seiner Ansicht nach ist die Kontrolle der städtischen Armen eines der vordringlichsten Ziele der Regierungen, der Finanzorganisationen und der Militärs.

Ein Mittel zur Kontrolle dieser Bevölkerungsgruppe sind Sozialpläne, die es ermöglichen genauere Kenntnisse des Alltagslebens zu erwerben. „Aus dieser Sicht stellen Sozialpläne und die Militarisierung der armen Peripherie zwei Seiten derselben Politik dar, die versucht, jene Bevölkerungsgruppen zu kontrollieren, die sich auβerhalb der Reichweite des Staates befinden.“ In einer Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Situation stellt er fest, dass die herrschende Klasse versuche, „die Existenz von drei Schichten sicherzustellen, um ihre Privilegien besser verteidigen zu können, während die Unterschichten auf ein Zweiklassenmodell zielen, um diese Privilegien besser angreifen zu können.“ Dieses Drei-Klassenmodell läβt sich, seiner Ansicht nach, sowohl auf die Welt als auch auf die Städte übertragen. Ein Problem der Herrschaft vieler lateinamerikanischer Länder sei es, dass sich die Mittelschicht und auch die Arbeiterschaft im Niedergang befinde, während sich die Armen im Aufstieg befinden. Er sieht in vielen städtischen Peripherien Territorien, die sich der Kontrolle der Mächtigen entziehen. In Lateinamerika besteht die Tendenz, dass sich auch progressive Regierungen biopolitischer Techniken mittels sozialer Programme bedienen. Auch vertritt er die Ansicht, dass auch die lateinamerikanische Linke der Armenvierteln eher mit Misstrauen als mit Verständnis begegnet.

Nach einer Auseinandersetzung mit verschiedenen soziologischen und politischen Theorien, stellt Zibechi die Unterschiede zwischen nordamerikanisch-europäischen sozialen Bewegungen und den „Gesellschaften in Bewegung“ Lateinamerikas dar. Er verweist dabei u.a auf eine Studie zur bäuerlichen Organisation der Aymara-Hochebene (Bolivien). Insbesondere sieht er einen Beitrag der indigenen Bewegungen des Kontinents darin, dass „das Land und der Raum keine Produktionsmittel mehr sind, sondern eine politisch-kulturelle Schöpfung. Das Territorium ist also der Raum, in dem sich soziale Beziehungen entfalten..“.

An diversen Beispielen schildert er die Selbstorganisation der städtischen Armen Lateinamerikas. Er beobachtet, dass einige Themen immer wieder aufkommen:

Die Fähigkeit zur Selbst-Organisation und davon ausgehend zum Selbstbau und zur Kontrolle des eigenen Lebens. Weiterhin die herausragende Rolle der Frauen, oder besser, der Frauen und ihrer Kinder, d.h. der Mütter , die bereits in der 1950er Jahren eine erstaunliche Autonomie besassen. So sieht der Autor auch den Bau von Sozialwohnungen am Rande der Groβstädte, wie er beispielsweise in Chile auch nach dem Ende der Diktatur fortgeführt wurde, als ein Mittel zur Zerstörung der territorialen Macht von unten. Diese diente zwei Zielen, zum einen der „Säuberung“ der Reichenviertel, zum anderen der räumlichen Segragation der Klassen als Sicherheitsmittel.

Trotz der z. T. erheblichen Unterterschiede bei der Besiedlung der städtischen Peripherien lassen sich doch auch Gemeinsamkeiten erkennen. „Es handelt sich um eine Bewegung von ländlichen Migranten, die in die Städte kommen,… . Der massive Andrag der ländlichen Bevölkerung änderte die Beziehungen zwischen den sozialen, ökonomischen und kulturellen Klassen“.

Zibechi betont die Rolle, die den Frauen in dieser Inbesitznahme von Territorien und den Gesellschaften in Bewegung zukommt. „ In den Räumen und Zeiten dieser anderen Gesellschaft lebt eine andere Welt: weiblich, gebrauchsorientiert, kommunitär, selbstbezogen..“. Es handelt sich nicht um eine Subjekt-Objekt-Kultur, sondern um eine Kultur der Vielfalt der Subjekte, deren Ursprünge sich in den indigenen Gesellschaften Lateinamerikas finden. Er stellt auch fest, dass in den Gebieten mit der gröβten Biodiversität auch ursprüngliche Indigene mit diffenter Kultur leben. Er erkennt eine enge Verbindung zwischen dem Verlust an Biodiversität und dem Niedergang von Sprachen und Kulturen. In diesem Zusammenhang geht er auf die Ausweitung der Monokulturen wie Soja und Zuckerrohr ein, bei denen die Interessen der Multinationalen Konzerne durch die Politik unterstützt werden. Am Beispiel Brasiliens zeigt er auf, dass drei Produkte (Soja, Zuckerrohr und Eukalyptus) in wenigen Jahren ca. 50 Millionen Hektar mehr Land verbrauchen werden, andere Studien sprechen sogar von weit gröβeren Flächen. Dies geschieht auf Kosten der Kleinbauern und der Umwelt. „Millionen von Bauern werden vom ‚Gesetz des Marktes‘ oder dem Diktat der Waffen in die Städte getrieben.“ Diese Tendenzen werden an Beispielen aus Paraguay und Kolumbien belegt. Es werden völlig neue Herrschaftsformen geschaffen, auf dem Land riesige Monokulturen, die von firmeneigenen Kräften bewacht werden, in den Peripherien der Städte, wo sich die Vertriebenen dieser Kämpfe zusammenfinden, „sorgen die Regierungen für die neuen Armen – ohne Land, ohne Dach über dem Kopf und ohne Rechte – mit speziellen Sozialplänen der Weltbank.“ Zibechi sieht eine Problematik auch darin, dass sich die sogenannten progressiven, „linken“ Regierungen an diesem Tun beteiligen. Die Globalisierung reduziert die Bevölkerung und die Umwelt zu reinen Objekten.

Im Folgenden betrachtet der Autor die Situation in den Ländern, in denen Regierungen an der Macht sind, die von sich behaupten „Verbündete“ der sozialen Bewegungen zu sein. Hierbei unterscheidet er zwischen Staaten, in denen die Kräfte des Wandels bereits Erfahrung im Regieren hatten und durch Wählerstimmen an die Macht kamen, und solchen, in denen diese Kräfte durch politische Krisen und ein soziale Mobilisierung gestützt wurden. Seiner Ansicht nach zeigt sich heute, dass auch diese neuen Regierungen eher Kontinuität als Wandel bedeuten, was er an Beispielen aus Venezuela, Chile und Bolivien belegt. Er sieht eine groβe Zahl von Problemen zwischen den Regierungen und den Bewegungen bei der Durchsetzung neuer Herrschaftsformen, wobei für ihn Sozialpläne eine neue Form der Kontrolle sind, bei der die Bevölkerung kategorisiert und eine Form des „Klientelismus“

wiederbelebt wird. Er erkennt, dass die Nationalstaaten versuchen, die Bewegungen zu vereinnahmen, was auf unterschiedliche Weise geschieht, etwa durch die Zusammenarbeit mit Entwicklungsorgansiationen oder durch eine auf das Thema Armut fokussierte Politik. Sie alle verbindet die Bemühung, die Bevölkerung, die sich nunmehr jedoch in Bewegung befindet, zu steuern. An Beispielen aus Bolivien und Mexico zeigt er auf, welche Bedeutung den NGOs in diesem Zusammenhang zukommt, in denen er die „Kollaborateure der Staaten und Regierungen“ sieht. Er ist der Überzeugung, dass die Entwicklungszusammenarbeit ein Mittel zum Regieren der Bewegungen und zu ihrer Integration in staatliche Institutionen ist. Am Beispiel einer von der Regierung eingesetzten Initiative in einem Armenviertel von Montevideo zeigt er auf, wie sich die staatlichen gelenkten Organisationen, in ihren Strukturen und Vorgehensweisen den Bewegungen angleichen, ja deren Funktionsweisen imitieren, und so von ihnen gewünschte Führer in den Bewegungen etablieren und sie somit von innen heraus zu gestalten.

Zusammenfassend sieht Zibechi in den sozialen Bewegungen eine neue Form der Revolution, die ihre Stärke aus der Wiederherstellung der sozialen Bindungen bezieht und in der die Familie eine neue Rolle spielt. „Die Bewegungen bewirken Veränderungen. ….sondern weil in ihrem Inneren soziale Bindungen entstehen und wachsen, die der Baustoff der neuen Welt sind“.

„Territorien des Widerstandes“ zeigt eine neue Herangehensweise an die sozialen Bewegungen Lateinamerikas und belegt anhand von zahlreichen Beispielen, die Erfolge aber auch die Schwierigkeiten dieser Gesellschaften in Bewegung.

Diese Arbeit des uruguayischen Autors und Denkers Raul Zibechi wurde herausgegeben von der Forschungsgesellschaft Flucht und Migration (FFM).
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17:03 21.07.2012
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