Die tun nichts?

A-Z Tiere Der Weiße Hai machte uns Angst, der Schäferhund hat Weltkriege und Boxkämpfe verloren, ohne die Taufliege keine gentechnische Forschung: das Lexikon der bedeutenden Tiere

Affe

Ronny war der erste Schimpanse, der von 1982 bis 1988 im ZDF eine Sendung moderieren „durfte“. Zwischen Musikvideos spielte er in „Ronny’s Pop Show“ in Sketchen mit – stets verkleidet. Gerne parodierte er legendäre andere Sendungen im deutschen Fernsehen wie etwa den Tatort als Kommissar Schimpanksi. Manchmal besuchten ihn auch Studiogäste wie Thomas Gottschalk, der damals noch der Thommy war. Die Idee zur Sendung hatte Komiker Otto Waalkes, der Regie führte und dem Affen seine Stimme lieh. Entdeckt hatte er ihn in Adrians Schimpansen-Revue am Hamburger Hansa-Theater. Damals galt das Format als innovativ und cool. Heute wäre es ein Fall für den Tierschutz. Sophia Hoffmann

Drosophila Melanogaster

Die schwarzbäuchige Taufliege ist ein Modelltier (➝ Maus), das vor allem in der Genetik Anwendung findet. In der Forschung ist diese eine der rund 1.500 Drosophila-Arten beliebt, weil sie leicht zu züchten und höchst fruchtbar ist: In einem Zyklus von 9 bis 15 Tagen lassen sich von einem einzigen Weibchen 400 Nachkommen herstellen. Die Besonderheit dieser unscheinbaren Fliege besteht darin, dass sie nur vier Chromosomenpaare besitzt, an denen Genmutationen leicht erkennbar sind. Ohne die schwarzbäuchige Taufliege wäre der beispiellose Aufstieg der Genetik im frühen 20. Jahrhundert gar nicht denkbar gewesen, und auch hiesige Nobelpreisträger wie Christiane Nüsslein-Volhard verdanken ihr viel. Im Jahr 2000 wurde die Drosophila vollständig genetisch sequenziert, und der genetische Code erlebte als „Buch des Lebens“ eine Renaissance. Ulrike Baureithel

Elefanten von Hannibal

Der karthagische Feldherr liebte für seine Feldzüge den großen Tross. Als Hannibal im Jahr 218 v. u. Z. die Alpen überquerte, hatte er deshalb auch Elefanten dabei. Nach der Überlieferung sollen es 37 afrikanische und zwei indische gewesen sein, die Proviant und Kriegsgerät schleppten. Als es nach diesem Marsch zur verlustreichen Schlacht am Trasimenischen See kam, saß Hannibal auf dem indischen Elefanten Suru, um das Kommando zu führen.

Kriegselefanten waren darauf trainiert, vorwärts stürmenden Soldaten eine Gasse zu schlagen und den Gegner niederzutrampeln. Doch sollte sich diese Taktik bald als ineffektiv erweisen. Letztmalig wurden Kriegselefanten im Jahr 46 v. u. Z. in der Schlacht bei Thapsus gesichtet. Sie überlebten als Wappentier einzelner Feldherren. Lutz Herden


Noch bevor der erste Amerikaner das All erreichte, schossen die USA zwei Schimpansen in den Erdorbit, Enos und Ham. Ham durfte zuerst, nach der Rückkehr war er hochgefeiert. Enos, der besser ausgebildet war, wurde kaum noch beachtet, galt als „mürrisch“ und „stur“. Mehr noch: Angeblich baute der ➝ Affe seinen Frust ab, indem er zu jeder Gelegenheit onanierte. Beweise gab es nie, aber er ging als „Enos the Penis“ in die Raumfahrtgeschichte ein. Kathrin Zinkant

Klassiker

Wären diese Tiere Menschen, hätten sie es längst auf die ersten Plätze der bedeutenden Rankings wie „Die 500 wichtigsten Intellektuellen“ geschafft. Weil es aber Tiere sind, schaffen sie es zu selten ins Talkfernsehen, um dort aufgenommen zu werden. Wir reichen gerne nach:

1. Blondi, vegetarischer Hitler-Hund und Giftkapseltester im Bunker; bis heute allzeit titelthemen-tauglich

2. Knut, Eisbär-Retter von Zoos sowie SPD-Umweltministern

3. First Dogs, wichtigste US-Botschafter neben der First Lady

4. Bruno, der bären-problematische CSU-Profilierer

5. Der Trigema-Affe, der nur in Deutschland produzieren lässt Susanne Lang

Lolcat, das

Bei diesem Kompositum aus LOL („laughing out loud”) und dem englischen Wort für Katze handelt es sich um ein tierisches Phänomen, das seinen Siegeszug gegen 2006 zunächst zaghaft in Foren und Mailinglisten antrat und der breiten Öffentlichkeit schließlich durch das Blog Icanhazcheezburgers ans Herz gelegt wurde. Ab diesem Zeitpunkt war das Internetmem, meist bestehend aus einem Katzenfoto und einer idiosynkratischen Mundart, die sowohl an SMS- als auch Babysprech angelehnt ist, nicht mehr aufzuhalten. Wie jedes Säugetier hat die Lolcat einen Stammbaum, anhand dessen sich die Ahnenreihe nachvollziehen lässt. Jan Kosok

Maus

In den achtziger Jahren schleusten Harvard-Forscher ihr während des embryonalen Stadiums ein menschliches Krebsgen ein, um Therapien zu erproben. Als diese Maus unter Onco Mouse™ 1992 beim Europäischen Patentamt angemeldet wurde, empörten sich nicht nur Tierschützer. Mehr als 100 Organisationen legten Widerspruch ein, um Patente auf Leben zu verhindern. In der Grundlagenforschung konnte die Onkomaus einiges bewegen, nicht jedoch in der Gentherapie. Derzeit wird eine Anti-Onkomaus gezüchtet, bei der krebserzeugende Gene „ausgeschaltet“ werden sollen. Ob diese „Switch“-Vorstellung der Komplexität von Leben gerecht wird? uba

Muezza

Mit welchen Worten der Prophet Mohammed seine Lieblingskatze namens Muezza gelockt hat, ist nicht überliefert. Dafür erhellen einige Legenden das Verhältnis zwischen Religionsstifter und Tier. Einmal wollte Mohammed dem Ruf zum Gebet folgen, die Katze schlief aber fest auf seiner Robe. Da schnitt der Prophet den Ärmel des Gewands ab, sodass sie weiter schlummern konnte. Seine Tierliebe hielt Mohammed auch nicht davon ab, das Wasser für die rituelle Gebetswaschung zu benutzen, von dem Muezza getrunken hatte. Und indem er sie zärtlich streichelte, verlieh er Muezza eine Flugeigenschaft, die der ganzen Gattung zugutekommen sollte: Sie landete immer auf ihren vier Pfoten. Tobias Prüwer

Pferd

Ein halbes Jahr vor seinem geistigen Zusammenbruch berichtete Friedrich Nietzsche bereits von der Situation, die auf ewig mit seinem mentalen Dahinscheiden verbunden ist: Ein Pferd wird von einem grausamen Kutscher malträtiert und der Philosoph (➝ Muezza) geht dazwischen. „Das Pferd, die arme geschundene Creatur, blickt sich um, dankbar, sehr dankbar.“ Tatsächlich eilte er am 3. Januar 1889 einem Tier zu Hilfe. Auf der Piazza Carlo Alberto fällt er dem Pferd schützend um den Hals. Dann bricht er zusammen und wird seine letzten zehn Jahre in geistiger Umnachtung verbringen. Der Denker mit dem Hammer, der selbst ernannte Phoenix auf der Suche nach dem Übermenschen verliert den Verstand beim Anblick eines klapprigen Gauls? Pathetischer hätte Nietzsche sein Ende nicht erdichten können. TP

Polarwal

Eigentlich gehören Weißwale in die Arktis. Einer von ihnen landete dennoch 1966 in Duisburg. Das Schiff, das ihn gefangen genommen hatte und in einen englischen Zoo bringen wollte, kenterte wegen eines Sturms in der Nordsee fast – der Wal entkam und schwamm via Rotterdam in den Rhein. An dessen Ufern solidarisierten sich die Massen, als Wasserschutzpolizei und Bundeswehr-Boote ihn zu jagen begannen. „Karnewal“ spottete die WAZ, denn der von seinen Fans „Moby Dick“ getaufte Wal narrte alle Verfolger und entkam nach einem Monat in die Nordsee. Moby Dick gilt heute als Wegbereiter der Umwelt- und Klimaschutz-Bewegung. Sebastian Puschner

Schäferhund, der deutsche

Als George Foreman auf dem Flughafen in Kinshasa aus dem Flieger stieg, hielt er einen Schäferhund an der Leine. Ausgerechnet (➝ Klassiker)! Da hatte Foreman, der in den 40 Profikämpfen zuvor unbesiegt war, den Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen Muhammad Ali schon verloren. Zumindest für die Menschen in Zaire. Denn die martialischen belgischen Kolonialherren setzten dort Schäferhunde als Polizeihunde ein. Boxpromoter Don King hatte Ali und Foreman jeweils fünf Millionen Dollar für diesen Kampf geboten – und Zaires Diktator Mobuto Sese Seko hat gezahlt. „Ein Kampf zwischen zwei Schwarzen in einem schwarzen Land, von Schwarzen organisiert und mit der ganzen Welt als Zuschauer“, so hatte King den Kampf verkauft. Die Menschen in Kinshasa kannten nur einen, der ihre Sache vertrat: „Ali, bumaye“, schrien sie, „Ali, töte ihn!“ In Runde Acht ging George Foreman am 30. Oktober 1974 k.o. Thilo Knott

Topsy

Am 4. Januar 1903 starb der weibliche Zirkuselefant Topsy vor großem Publikum. Zur Hinrichtung des Tieres im New Yorker Freizeitpark Coney Island kamen 1.500 Zuschauer. Der ➝ Elefant hatte in den Jahren zuvor drei Wärter getötet, weshalb er gehängt werden sollte. Nach Protesten von Tierschützern entschied man sich aber für eine, wie man damals annahm, schmerzfreiere Methode: Electrocution, das Verfahren des elektrischen Stuhls. Topsy stand mit einem Vorder- und einem Hinterfuß auf speziellen Elektroden, dann wurden 6.600 Volt durch ihren Körper gejagt. Innerhalb weniger Sekunden stieg Rauch auf, das Tier fiel tot um. Strom-Pionier Thomas Edison ließ das Ereignis filmen. Den grünstichigen Clip kann man heute auf der Wikipedia-Seite sehen. Jan Pfaff

Weißer Hai

Als Steven Spielberg ihn berühmt gemacht hatte, 1975 war das, dachte man, ja gut, vielleicht ist er in Wirklichkeit nicht ganz so groß, aber was für eine Killermaschine (➝ Schäferhund). Was seither folgte, ist eine einzige Desillusion in Sachen Weißer Hai, der unter den eh nicht so gefährlichen Haien nicht einmal der gefährlichste ist. Heute weiß jedes Kind, dass das Risiko, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, 1,7 Millionen Mal größer ist, als von einem Weißen Hai gefressen zu werden. Ja, immer mehr Filme auf Youtube beweisen, dass der Weiße Hai eigentlich ein friedliebender Zeitgenosse ist, der weniger uns bedroht als vielmehr von unserer Lebensweise selbst bedroht wird, wodurch der Weiße Hai zum krassen Symbol für die Dialektik der Aufklärung geworden ist. Michael Angele

Zirkustiger

Weiße Tiger haben blaue Augen. Sie vereinen so die jahrtausendealte Mystik der Katzen mit der Exklusivität einer genetischen Abweichung, die den Tieren das Überleben in der Wildnis mangels Tarnung unmöglich macht. Deshalb leben sie in Gefangenschaft. Die berühmtesten Halter bedienten sich ihrer Magie viele Jahre lang für eine Bühnenshow – bis Siegfried und Roy 2003 ihre bis dato teuerste Show in Las Vegas beenden mussten, weil der Tiger Montecore seinen Dompteur Roy Horn am Hals von der Bühne schleifte. Da war das Entsetzen groß. Dabei ist eher das Bemühen, diese ‚Tierart‘ zu erhalten, die gar keine eigene Art ist, entsetzlich. Sie werden nie in Freiheit leben können. Währenddessen nimmt jedoch die natürliche Population der Tiger ab, weil die bräunlich gefärbten Felle eine begehrte Jagdtrophäe sind. Ulrike Bewer

Dieser Text ist Teil unseres Tierspezials. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie durch einen Klick auf den spionierenden Hund




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14:00 15.10.2011
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Ausgabe 41/2021

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