Die Wahrheit über Griechenland

A-Z Griechen gelten heute als EU-subventionierte Retsinasäufer. Mal halblang: Ess-, Trink-, Feier- und Rauchkultur sind außergewöhnlich, und die Künstler weltbekannt

Assyrtiko

Der ➝ Wein, der jedem Biertrinker als erstes einfällt, wenn es um Griechenland geht, heißt Retsina. Der Wein, den Markus Stolz, Experte für griechische Weine, als ersten empfiehlt, wenn man ihn um eine fernmündliche Weinprobe bittet, heißt Assyrtiko (➝ Xinomavro). Assyrtiko ist eine weiße Rebsorte von der Insel Santorin, einem der heißesten Anbaugebiete der Welt. Es handelt sich um sehr trockene, mineralische Weine, häufig mit Zitrusaromen.

Besonderheit: Assyrtiko ist wurzelecht. Viele andere Sorten wurden mit den Wurzeln reblaustoleranter Stöcke kombiniert, als die Reblaus Phylloxera im 19. Jahrhundert den Weinbau in weiten Teilen Europas heimsuchte. Auf der Vulkaninsel konnte sie nicht überleben. Klaus Raab

(Stolz‘ Weinseite: elloinos.com, Vertrieb in Deutschland 600bottles.com)

Dorf

Im Sommer fahren die Griechen „nach Hause“, in das Dorf ihrer Väter. Denn obwohl heute die Hälfte der Bevölkerung im Großraum Athen lebt, fühlt sich jeder Grieche den paar Häusern, der Kirche und dem knorpeligen Olivenbaum verbunden, unter dem sich seine Eltern zum ersten Mal geküsst haben. Selbst die Ausgewanderten kommen aus den USA, Australien (➝ Stadt) und Kanada angeflogen – wenn sie auch nicht mehr wie vor 20 Jahren ihre Straßenkreuzer per Container einschiffen lassen, um zu beweisen, dass sie es zu etwas gebracht haben.

Noch etwas ist in den Dörfern jenseits der Touristenrouten, in denen es jede Menge Touristen gibt, nur eben griechische, anders geworden: das Nachtleben. Rund um Dörfer, in denen im Winter nur ein paar schwarz gekleidete Witwen überdauern, entstehen in jedem Sommer Nachtclubs, die denen im Moloch Athen eigentlich nicht nachstehen.

Griechen gehen nur dann schon um Mitternacht aus, wenn sie noch etwas ➝essen wollen. Eigentlich beginnt die Nacht um zwei und endet, wenn die Sonne aufgeht. Es gibt wohl hunderte griechische 1.000-Seelen-Dörfer, die München um Längen schlagen, wenn es darum geht, eine gute Nacht zu haben. Mini-Athens. Mit einem Unterschied: die griechische Stunde. Irgendwann gegen drei wechselt die Musik. Griechische Volkslieder werden gespielt, Männer tanzen im Kreis ihrer knienden klatschenden Freunde über Schnapsgläser, die auf den Boden gestellt und angezündet werden wie Fackeln. In Athen gibt es extra Clubs dafür, in die das coole Volk nicht geht. Ein Spuk der Sommernächte, wild, intensiv – und plötzlich vorbei. Michalis Pantelouris

Duft

Nie werde ich diesen Moment vergessen, als wir mit der Autofähre in den Hafen von Igoumenitsa einliefen und mir der Geruch Griechenlands entgegenschlug. Eine Mischung aus wilden Bergkräutern wie Oregano, Thymian, Anis, Rosmarin, Salbei, Lorbeer, Lavendel und Minze, die ihr Aroma unter der Hochsommersonne intensiv entfalten. Fahren Sie hin, am Besten mit dem Schiff! Sophia Hoffmann

Essen

Es gibt griechisches Essen in Griechenland, und es gibt griechisches Essen in Deutschland. Griechisches Essen in Deutschland – quasi deutsches Essen – kann von jedem Hobbykoch schnell zugerichtet werden: Gyros etwa. Oder Kalamari, Tintenfischringe, die frisch aus der Tiefkühltruhe gefischt werden.

Griechisches Essen in Griechenland ist etwas vielseitiger. Es besteht zum Beispiel aus Fisch (der im Original lustigerweise Gräten haben kann), Hackfleischröllchen, Hühnchen- und Putenfleischspezialitäten, Gemüse und Salaten, manchmal gibt es auch Fischsuppe (die – Vorsicht – nach echtem Fisch schmecken kann). Kalamari gibt es natürlich auch in Griechenland – in Gegenden, in denen deutsche Touristen verkehren. Für deutsches Essen in Griechenland gelten dieselben Regeln wie für griechisches Essen in Deutschland: Sollte es nicht zu sehr nach Fisch schmecken, dann ist es mit großer Wahrscheinlichkeit authentisch eingedeutscht. raa

Götter I: Rotting Christ

Diese Gruppe, 1987 in Athen gegründet, zog zunächst als scheppernde Grindcore-Band los. Einige Jahre darauf vollzog sie die Kehre zum okkult-antichristlichen Black Metal. Der von dornigen Rosenkränzen aus Death-Blasts gespickte Sound wird inhaltlich bisweilen mit Verweisen auf die griechische Mythologie angereichert. Der aufklärerisch-humanistische Bandname, der die Götter zum Maß des Menschen macht, war nicht förderlich für Auftritte in religiösen Territorien wie den USA, machte sie aber im Underground umso beliebter und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Heute zählen Rotting Christ zu den Major-Bands des Genres. Zusammen mit anderen Metal-Göttern sind sie auf dem „Hells Pleasure Festival“ am 23.7. in Pößneck zu sehen. Tobias Prüwer

Götter II: Sotiris Geourgiou

In Athen ist es wie in anderen Metropolen auch: Viertel, die lange brachgelegen hatten, werden entdeckt, aufgehübscht und irgendwann unbezahlbar. Gerade steht Gazi, ein ehemaliger Gaswerkkomplex, hoch im Kurs. Früher wohnten und arbeiteten hier Migranten und Prostituierte, heute findet man hier besserverdienende Kreative und Kaffeetrinker.

Besonders bekannt ist Gazi für seine lebendige Modeszene. Sotiris Georgiou, einer der aufstrebendsten Designer Griechenlands, hat hier sein Atelier. Seit 2004 führt er sein eigenes Label. Charakteristisch für Georgious Mode sind die strengen geometrischen Formen und ihre schlichte Eleganz. Seine neueste Kollektion heißt „Multidimensional“. Laut PR-Prosa wurde sie von der Krise inspiriert. Ihre dominierenden Farben sind Schwarz und Grau. Ihre Leitbegriffe: Angst und Verweigerung. Mark Stöhr

Götter III: Jennifer Aniston und Co.

Griechen sind Weltbürger und über den kompletten Erdball verstreut. Auch in vielen Promis steckt eine Griechin oder ein Grieche, ohne dass der sog. Migrationshintergrund offensichtlich wäre.

Oder kennt jemand Georgios Kyriakos Panagiotou? Wohl kaum, George Michael aber jeder. Sein griechisch-zypriotischer Vater kam in den 50er Jahren nach London. Oder Steven Demetre Georgiou? Der Sohn eines Griechen und einer Schwedin wurde unter dem Namen Cat Stevens weltberühmt. Auch Tennislegende Pete Sampras ist Zögling griechischer Migranten, und sogar im britischen Königshaus führt eine Ahnenreihe nach Athen: Prinz Philip ist Sohn des Prinzen von Griechenland und Dänemark und wurde auf Korfu geboren. Der Vater von Hollywoodstar Jennifer Aniston soll übrigens der Meinung sein, so schallt es durch den Boulevard, griechische Männer hätten mehr Sex-Appeal. Kein Wunder, er heißt Yannis Anastassakis und ist selber einer. MS

Klischees

Über alles gibt es Klischees, vor allem aber über Griechen. Die für ihre Wirtschaftsberichterstattung über Griechenland mit dem Herbert-Quandt-Preis prämierte Bild ist freilich hochwertig genug, auch den Deutschen mit Klischees zu bedenken: „Deutschland“, schrieb sie an den griechischen Ministerpräsidenten, „hat zwar auch hohe Schulden – aber wir können sie auch begleichen. Weil wir morgens ziemlich früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten.“ Nachteil des Frühaufstehens: Manche von „uns“ vergessen oft ihr Gehirn zu Hause, wenn sie zur Arbeit fahren. raa

Ouzo

Komplexe makrowirtschaftliche Fragen führten zuletzt dazu, dass deutsche Medien über griechische Taxifahrer lästerten, die keine Quittungen ausstellen, und über Bauern, die sich EU-Subventionen erschleichen (➝ Klischees).

Mal beim Griechen gewesen, also im Restaurant (➝ Essen)? Es gebe zwei Fragen, die Gäste in Deutschland gerne stellen, sagte mir einmal Yannis, der Wirt eines griechischen Lokals, ein humoristisch begabter Mann. Erstens: „Seit wann bezahle ich beim Griechen mein Brot?“ Und zweitens: „Wo ist mein Gratis-Ouzo?“

Deutsche, die nicht bezahlen und sich vom Wirt subventionierte Getränke erschleichen – das ist ja wieder typisch. raa

Park

Die grüne Lunge Athens: Endlich, nach zweijährigen Arbeiten, ist sie zumindest teilweise wieder geöffnet.

Es war Frühling; Springbrunnen, Bächlein, Rosenhaine waren angelegt. Es gibt exotische und heimische Blumen und Grasflächen, die zum Liegen einladen.

Jetzt ist es Sommer, in den Bachanlagen sammelt sich Müll, die Rasenflächen sind abgetreten und braun, und die Springbrunnen haben immer noch kein Wasser. Griechen und vor allem Ausländer spazieren zwischen vertrockneten Blümchen und ausgewucherten Kletterrosen herum. Wie es kommt? Die Antwort liegt auf der Hand: Es gibt kein Geld für Erhaltungsarbeiten, für Gärtner, für Wasser.

Anderer Park, ganz anderes Bild: Zwischen Betonbauten ein grüner Klecks – klein aber selbstverwaltet. Ein besetzter Park. Jeden Tag von früh bis spät gärtnern, bauen und schreinern Anwohner. Plakate und Internetbotschaften laden zu Filmvorführungen, Workshops, Konzerten oder Marionettentheatern. Ein ehemaliger Parkplatz – Grundstück der Stadt Athen – hat sich innerhalb eines Jahres in eine wunderschöne Grünfläche verwandelt, mit Spielplatz, Amphitheater, kleinen Wegchen – und vielen gegossenen Blumen. Christine Maerkl

Rauchen

Wie in ganz Europa gilt auch in Griechenland mittlerweile ein rigides Rauchverbot für öffentliche Gebäude und gastronomische Einrichtungen. Was die Menschen nicht davon abhält, fröhlich vor sich hin zu qualmen. Seit Jahren kommen Studien (Europäische Kommission, ERC Group, Pfizer) immer wieder zum Ergebnis: Die Griechen sind die stärksten Raucher Europas. Mit 3.011 Zigaretten pro Einwohner und Jahr (Deutschland: 1.125) und einem Raucheranteil in der Bevölkerung von, je nach Studie, 35 bis 42 Prozent, kann kein Land mithalten. Man kann das unter Rauchkultur verbuchen.

Einzig eines fällt uns Touristen dabei natürlich wieder auf die Nerven: Wenn wir auf einer idyllischen Insel von einem Chor Raucherhuster aus dem Schlaf gerüttelt werden. Das können wir so gar nicht leiden, wir sind schließlich im Urlaub! SH

Reise, 1975

Sommer Griechenland 1975, ein halbes Jahr nach dem Ende der Obristenherrschaft. Noch vor Franko in Spanien, vor Salazar in Portugal, ein Hoffnungsschimmer in Europa für die Linke. Die entdeckte wie vordem, als sie in den zwanziger Jahren die Sowjetunion bereiste und schönredete, ihren Wandertrieb, uns verschlug es damals nach Korfu. Es gab noch keine Billigflieger, also man musste man mühsam von Ancona oder Brindisi übersetzen. Wir fielen ins Land ein wie die Heuschrecken.

An den blau perlenden, noch völlig unbebauten Stränden gab es Gammler-, aber auch Polit-Camps, man zeltete in Horden, schulte Marx und rannte nackt durch die Gegend, aufgetrieben vom eigenen Sendungsbewusstsein. Noch nicht ökologisch eingestimmt, hinterließen wir unseren Müll am Strand, fühlten uns aber streng solidarisch mit der einheimischen Bevölkerung.

Abends aßen wir gelegentlich in der kleinen Strandkneipe, es war köstlich, enorm billig, und wenn unser Wirt bei Laune war, tanzte er mit uns Sirtaki. Irgendwann gab es herben Ärger mit der Polizei wegen unseres wilden Biwaks. Unser Patron hatte ein Einsehen und ließ uns auf seinem Grundstück campen. Dafür kamen wir nun jeden Abend in die Kneipe. Ulrike Baureithel

Stadt, drittgrößte

Die jüngere griechische Geschichte war von Ein- und Auswanderungsbewegungen geprägt. Schwappte die erste Auswanderungswelle gen USA (➝Götter III), peilte die zweite vornehmlich Australien an, bevor Griechen als Gastarbeiter auch nach Deutschland kamen. Dem Zensus von 2006 nach leben in Australien 97.218 in Griechenland und 18.381 auf Zypern geborene Menschen. 365.147 Personen gaben an, dass sie griechische Wurzeln haben. Ein Großteil lebt in Melbourne. Daher wird die Stadt oft als drittgrößte griechische nach Athen und Thessaloniki bezeichnet. Viele sind freilich auch von dort nach Griechenland zurückgekehrt, was aber nichts daran ändert, dass es rund um die Londsdale Street ein Klein-Athen gibt, mit landestypischer Gastronomie und Geschäften. TP

Wein, griechischer

Es handelt sich um einen echten Schlager: Griechische Weine (➝ Assyrtiko, ➝ Xinomavro) stehen hoch im Kurs. Prinzipiell sind sie sehr säurebetont und passen daher gut zum ➝ Essen, wie Fachmann Markus Stolz sagt. raa

Xinomavro

Noch ein empfehlenswerter ➝ Wein, griechischer. Xinomavro wird hauptsächlich im nördlichen Festland angebaut. Dort ist es kühler als etwa auf Santorin (➝ Assyrtiko), und in der Erntezeit regnet es häufiger, weshalb die Qualität des Rotweins von Jahrgang zu Jahrgang unterschiedlich ist. Speziell Xinomavro (mit Vegetalaromen, etwa Tomatenstauden und schwarze Oliven) ist ein guter Begleiter zu griechischem ➝ Essen.

Zu Kalamari oder Gyros passt freilich auch Bier. Es wurde vom Deutschen Carl Fix in Griechenland eingeführt, passt also prima zu deutschen Speisen. raa

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12:20 23.06.2011
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Ausgabe 42/2021

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