Es war einmal

A-Z „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, sagte Walter Ulbricht am 15. Juni 1961. Zum Fünfzigsten: große Irreführungen, kleine Notlügen, mittlere Fehlprognosen

Anfang

Was wäre die Welt langweilig ohne die Lüge! Alles voll davon! Aber fangen wir vorne an: Gott ermahnt Adam und Eva, nicht von einer bestimmten Frucht zu essen – in Zeiten von Ehec eine sehr aktuelle Warnung, aber das ist eine andere Geschichte. Eva isst trotzdem davon und gibt Adam auch was ab. Die Folge: a) Sie werden aus dem Paradies rausgewählt, b) Von nun an heißt es: Wehen statt einfache Rippengeburt. Die Lüge, die alles auslöste, kam, so steht es bei Genesis, von der Schlange. Gott hatte gesagt: „Von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen.“ Die Schlange aber sprach: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben.“ Lügenmaul!

Das spektakulär Konsequente an der Lüge ist, dass selbst diese Geschichte der ersten Lüge von A bis Z gelogen ist: Rippengeburt, sprechende Schlange, die ganze Schöpfungsgeschichte – ach kommt schon, Leute. Zur Lüge gehört allerdings auch, dass sie erst dann eine ist, wenn sie jemanden täuschen soll: Erst wenn jemand eine ➝Blaubärerei als Journalismus verkauft, wird sie zur Lüge. Bis dahin ist sie eine gute Geschichte. Klaus Raab

Blaubärerei

Kinder lügen, dass sich die Balken biegen. Ihre häufigste Lüge: Ich war‘s nicht. Die zweithäufigste: Das war vielmehr so und so – und schon wird die Wahrheit gewalzt und gerollt wie Knet. Plötzlich ist der Vater nicht auf Montage, sondern fliegt zum Mond.

Für Psychologen ist das Lügen ein wichtiger Schritt in der Entwicklung eines Kindes. Durch die Behauptung einer eigenen Version der Wirklichkeit erobern sie sich ein Stück Unabhängigkeit gegenüber den Erwachsenen. Und die lügen hemmungslos zurück. Sei es, um Druck auszuüben, sei es aus Unwissenheit – oder purer Erfindungslust. Walter Moers hat aus dieser liebenswerten Art der Erwachsenenlügen eine ebenso liebenswerte Figur gemacht: Käpt‘n Blaubär. Dessen Seemannsgarn ist legendär. In einer Geschichte erzählt er, wie er einmal in Arabien den Fußball erfand. Dort also, wo 2022 eine höchst umstrittene WM stattfinden soll. Auch so ein Lernprozess von Kindern: Wenn Erwachsene lügen, geht es häufig ums Geld. Mark Stöhr

Definitionsfrage

In einem Fall, der die Welt bewegte wie Finanzkrise und Kachelmann zusammen, ging es um die Frage: Wo beginnt Sex? Als Bill Clinton in einer anderen Sache vor Gericht erscheinen musste, wurde der damalige US-Präsident auch zu seinem Verhältnis zu Praktikantin Monica Lewinsky befragt. In seiner Autobiographie schrieb er: „Ich (...) beantwortete die Frage nach ‚sexuellen Beziehungen‘ mit einem Nein.“ Fakt ist freilich: Man hatte oralen Verkehr. Es folgte ein Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton, weil er vor Gericht gelogen hatte.

Ist nun aber Oralsex schon Sex? Clintons These jedenfalls lautete: hä, nö, wieso? Und so müssen wir uns nun mit der Frage quälen, ob es sich unter diesen Voraussetzungen bei seiner Aussage um eine Lüge oder eine Definitionsfrage handelt. Von einer kleinen Irreführung wird man vielleicht sprechen dürfen. raa

Ehrenwort

„Ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“ Uwe Barschels (1944–1987) Worte auf einer Pressekonferenz 1987 sind das Idealstück des Verleugnens in der Not. Kurz darauf wurde festgestellt, dass der CDU-Politiker von der Verleumdungskampagne gegen seinen SPD-Kontrahenten in Schleswig-Holstein, Björn Engholm, zumindest gewusst hatte. Im Oktober trat Barschel als Ministerpräsident zurück. Ob die nicht geklärten Umstände seines Todes mit dem Ehrenwort zusammenhängen, bleibt Spekulation. Barschels Beispiel zeigt die Doppelbödigkeit des Ehrbegriffs. Die innere Ehre meint das eigene Moralgefühl und ➝Gewissen. Die äußere Ehre beschreibt die Geschäftsfähigkeit eines Menschen, seinen Leumund. Die meisten Ehrenwörter zielen eigentlich stets nur auf diese äußere Ehre ab. Unter allen Umständen muss dieses öffentliche Ansehen gewahrt bleiben, welche Faktenfülle auch dagegen sprechen mag.

Bis vor einigen Jahrhunderten gab es so genannte unehrliche Berufe: Scharfrichter und Abdecker, Barbiere und Spielleute, sogar Kesselflicker galten nicht als guter Umgang. Das war allerdings vor der Mediengesellschaft, in der gerade in der Öffentlichkeit stehende Leute sich ständig erklären müssen. Tobias Prüwer

Fehlprognose I

Andreas Möller war ein ganz Großer auf dem Fußballplatz. Er gewann alle Titel, die man als Spieler gewinnen kann, mit Verein und Nationalmannschaft. Doch auch auf einem anderen Feld war Möller groß: dem der Mogelei bis hin zur glatten Lüge. Im April 1995, bei einem Ligaspiel seiner Dortmunder gegen Karlsruhe, ließ er sich so dummdreist im Strafraum fallen, dass es nur der Schiedsrichter nicht merkte. Möller erfand für seine Unsportlichkeit den Begriff der „Schutzschwalbe“, quasi die Vortäuschung eines Fouls, bevor es stattfinden kann. Eine semantische Meisterleistung.

Fünf Jahre später verkündete Möller vor der Fankurve über Mikrophon, dass er im Herzen Borusse sei und immer für Dortmund spielen werden. Aber zeitliche Prognosen sind halt schwierig – wenige Tage später wechselte er nach Frankfurt. MS

Fehlprognose II

Die solide Zukunft der Renten war vielfach Ziel der politischen Proklamation. Bundesarbeitsminister Norbert Blüm etwa überging das Schwinden der arbeitenden Generation, als er im Wahlkampf 1986 die Altersversicherung zum Zünglein an der Waage für das Kabinett Kohl erhob: „Eins ist sicher: Die Rente!“ Die Wiederwahl gelang, und Blüms Prognose wurde Legende. Bis 1998 durfte er am Rentensystem noch herumschrauben und wirft sich bis heute in Talkshows als Kapitalismuskritiker in Schale. Kohls Nachfolger Gerhard Schröder war, in der Hinsicht, etwas realistischer als Blüm: „Die Renten sind so sicher, wie die wirtschaftliche Lage es zulässt.“ TP

Gewissensfrage

In der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des Vatikans heißt es bekanntlich: „Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist.“ In freier und hochgradig vulgärtheologischer Interpretation bedeutet das: Wer immer nach seinem Gewissen handelt, der marschiert dereinst mal direkt durch in den Himmel. Selbst wenn er lügt. Sofern er es guten Gewissens tut. Man darf lügen, lässt sich daraus ableiten. Und wie Jakob, der Lügner gute Nachrichten erfinden, um die Welt wieder etwas rosiger aussehen zu lassen.

Komplizierter ist diese Gewissensfrage: Der Fußballtrainer Christoph Daum teilte im Jahr 2000 der zur Konferenz geladenen Presse mit, dass er sich einer Haarprobe unterziehen wolle, um den Vorwurf zu entkräften, er kokse. Er sagte: „Ich tue dies, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.“ Dummerweise fiel die Haarprobe dann positiv aus, weshalb manche glauben, man dürfe guten Gewissens behaupten, dass Daum gekokst hat. Was man nicht so einfach behaupten kann, ist, dass er gelogen hat: Der Nachweis der Lüge ist unmöglich. Vielleicht hat er nur aus Vergesslichkeit die Unwahrheit gesagt, ausschließen kann man das nicht, und wir lernen: Die Lüge ist nur dann eine, wenn sie auch als solche gemeint ist. Lug und Trug reimen sich ja nicht zufällig. raa

Gottesbeweis

Mexiko, Fußball-Weltmeisterschaft 1986, England gegen Argentinien, 51. Spielminute. Diego Maradona lupft den Ball über den Torhüter Peter Shilton ins Tor – mit seiner linken Hand! Der Schiedsrichter entscheidet: Kopfball. England fliegt raus. Vor laufenden Kameras gibt Maradona nach dem Spiel zu Protokoll: „

Man könnte das als Gottesbeweis betrachten, in Wahrheit aber ist die Geschichte theologisch fragwürdig. Dahinter steht ein Zerrbild, eine Magie-Vorstellung: Der Allmächtige greift in ein Fußballspiel ein. Das stellt uns vor das Theodizee-Problem – Gott kann ein illegitimes Tor schießen, aber den Hunger in der Welt nicht abstellen? Zudem ist es für einen Gläubigen blasphemisch, sich selbst die Hand Gottes zuzuschreiben. Nicht ausgeschlossen werden kann aber auch, dass Maradona einfach gelogen hat. TP

Semantische Feinheit

So geschwitzt wie beim TV-Talk mit Reinhold Beckmann im Februar 2007 hatte Jan Ullrich wahrscheinlich nicht mal beim Extremstrampeln den Col du Tourmalet hoch. Beckmann piesackte den ehemaligen Tour de France-Sieger mit all den Dopingfragen, die der sich in seiner Rücktrittspressekonferenz am gleichen Tag noch verbeten hatte. Im Fernsehstudio stotterte Ullrich viel, sofern er nicht gerade schwieg, und umkurvte immer wieder seinen Standpunkt: Er habe niemanden betrogen. So konnte man die Sache auch interpretieren. Denn dass der Rostocker ein Dopingsünder ist, war zu diesem Zeitpunkt schon dem wohlmeinendsten Hobbyradler klar.

Eine DNA-Analyse brachte später die Gewissheit. Sein ehemaliger Rennstall verklagte Ullrich wegen Betrugs, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren 2008 gegen Zahlung einer hohen Summe ein. Damit hat Ullrich rein juristisch niemanden betrogen. Dass er gedopt hat, hat er bis heute nicht zugegeben. MS

Sozialdemokratie

Die Kohl-Ära, die Riester-Rente, die Ypsilanti-Falle: Damit versucht die CDU, die SPD zu stellen. Was nicht nötig ist, weil die SPD sich meist selbst beschränkt. Mit den Kommunisten? Niemals! Und dann: schnapp. „Es bleibt definitiv dabei, mit der Linkspartei wird es keine Zusammenarbeit geben“, hatte die linke Sozialdemokratin Andrea Ypsilanti kurz vor der Hessenwahl 2008 erklärt. Dann kam das Wählervotum. „Man muss irgendwie an irgendeiner Stelle sagen“, gestand Ypsilanti ein, „dieses Versprechen kann ich nicht halten.“ Es kostete sie die Karriere und Hessen einen ernst gemeinten sozial-ökologischen Versuch. Was die SPD gelernt hat? Gerade hat Sigmar Gabriel, von rot-grünen Umfragewerten berauscht, kundgetan, mit der Linken gehe auf Bundesebene nichts. Die CDU wird ihn 2013 daran erinnern. Und dann: schnapp! Tom Strohschneider

Wahlkampflüge

Ein Vorteil des Parlamentarismus sind die vielen Politiker, denen man die Nachteile repräsentativer Demokratie in die Schuhe schieben kann: zum Beispiel, dass sie verdrossen macht. Sinkende Wahlbeteiligung und wachsende Unzufriedenheit mit den Institutionen, das alles kann, ja: darf nur an den Politikern liegen. Sonst müsste man andere Gründe suchen, „beim System“ oder womöglich sogar bei sich selbst.

Zum Glück aber zieht der Politiker, der im Normalmodus eine Wahlkampflüge nach der anderen ausstößt, den Zeigefinger der Schuld auf sich wie Scheiße die Fliegen. Wissen wir auch sonst wenig, fällt uns doch immer ein Politikerbluff ein – keine Steuererhöhungen, blühende Landschaften. Oder Angela Merkels legendärer Satz: „Ich will keine große Koa­lition, und es wird sie auch nicht geben.“ Eine Lüge? Dass es 2005 dann doch nur zum Bündnis mit der SPD reichte, weil letztere eine rot-rot-grüne Mehrheit ausschlug, dafür konnte die CDU-Chefin nichts. Der Wähler aber schon. TS

Werbung

Die Lüge liegt in der Natur der Werbung. Würde Werbung nicht lügen, würde sie nicht funktionieren. Werbung muss Missliebiges, und das gibt es immer, weglassen und so ein Bild zeichnen, das gelogen ist, auch wenn die einzigen Pinselstriche nicht falsch sein müssen. Beispiel: Ein Milchriegel sei leicht, heißt es. Das stimmt exakt, wenn man ihn mit einem Lkw vergleicht. Aber wenn man nicht den Riegel, sondern die Worte auf die Waagschale legt, dann ist das gelogen: Auch leichte Riegel machen schwer. raa

Ziele erreichen

Will man ein Ziel erreichen, muss man manchmal flunkern. Kennt man, aus einem Bewerbungsgespräch. Oder aus dem UN-Sicherheitsrat.

Als die US-Regierung beschloss, Krieg gegen den Irak zu führen, tat sie das Nötige: Der Irak hatte keine Massenvernichtungswaffen, also musste man es halt behaupten, das war ja der Kriegsgrund. Laut einer Studie des „Center for Public Integrity” log die Regierung George W. Bush 935 Mal, um den Krieg zu legitimieren. Bush selbst behauptete nach dem 11. September 2001 demnach mindestens 260 Mal, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen und einen heißen Draht zu Al-Qaida gebe, Außenminister Colin Powell 244 Mal, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld 109 Mal. Im Februar 2003 legte Powell vor dem UN-Sicherheitsrat zum Beweis Satellitenfotos vor, die nahelegten, dass es im Irak Lastwagen gibt. Im März begann der Krieg. raa

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10:20 15.06.2011
Geschrieben von

Ausgabe 39/2020

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