Es war Sommer

A-Z Und was passiert da? In Maffays Schlager wird man defloriert, in den Ferien macht man am wilden Wasser Urlaub und die Männersandale bleibt ein Mysterium

AnfangDer S. beginnt am 21. Juni, wenn die Sonne über dem Wendekreis steht. Im Süden beginnt dann der Winter. (Weshalb Sandalen nicht nur eine Modefrage, sondern auch eine des Orts sind.) raa

Coming of Age Ein Kuss auf einem Bootssteg lässt sich besser filmen als ein Kuss auf einer Heizdecke. Fast alle Coming-of-Age-Filme spielen – auch deshalb – im Sommer: Grease, Crazy, Prinzessinnenbad, Sonnenallee, Stand by Me, Ferris macht blau, Kids, Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa, Nichts Bereuen, Mädchen Mädchen.

Denken wir an die eigene Jugend zurück, wird auch klar, warum: Sommer war die aufregendste Zeit des Jahres. Freiheit. In dieser Zeit passieren einschneidende Veränderungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden: erste Räusche, Reisen, Abenteuer, erster Sex. Zumindest stellt man es sich so gerne vor. Und darum geht es ja in der Unterhaltungsindustrie: Träume. Für einen ganz kurzen Moment möchte man dann wieder 16 sein, in dem Wissen, dass morgen der letzte Schultag ist und man nichts Besseres zu tun hat, als ins Freibad zu gehen und hinter den Umkleidekabinen heimlich eine Zigarette zu rauchen. Sophia Hoffmann

Dr. Wenn heute viel von falschen Titeln die Rede ist, darf ein Sonderfall nicht unerwähnt bleiben: Dr. Sommer, unter dessen Namen die Bravo jene Aufklärungsarbeit leistet, die das Internet übrig lässt. Der erste, der sich Dr. Sommer nannte, trägt nämlich zwar einen Doktortitel im Namen, aber keinen Sommer. Er heißt Martin Goldstein und brachte von 1969 bis 1984 den Sommer unter die Jugendbettdecken. Das „Dr.-Sommer-Team“ gibt es bis heute. Für Quizfreunde: Dr. Sommers Vorname ist Jochen. raa

DrinksGemein, dass die Getränke, die bei Hitze am besten schmecken, nicht auch so wirken. Kalte Apfelschorle, Cola und Bier stehen oben auf der Liste der beliebtesten Durstlöscher in Deutschland – sind aber alle kontraproduktiv. Zucker sorgt für noch mehr Durst, Alkohol und Koffein belasten Kreislauf und Stoffwechsel, Kaltes erhöht die Schweißproduktion.

Der Beduine rät: lauwarmer Tee, gerne Früchtetee, da er Mineralstoffe wie Kalium enthält. Zwischendurch Salziges, das den schweißbedingten Salzverlust reguliert, etwa Ayran. Das Trendgetränk des Sommers 2011 ist dennoch angeblich der Sucre Libre, ein Cocktail aus Sprite, Wodka und einem bolivianischen Koka-Likör, der alles oben angeführte Böse in sich vereint. Aber ein bisschen Genuss muss schließlich auch noch erlaubt sein. SH

Fête de la MusiqueSeit Tagen lagen Flyer herum, in der Metro, in Cafés, an der Uni, wer wann wo auftritt. Die Namen waren mir so fremd wie die Stadt, in der am 21. Juni die Fête de la Musique ausbrach. Sie trommelten schon vormittags in meinem Quartier, am Place des Vosges beschenkte ein Chor älterer Damen dreistimmig die zuhörenden Monsieurs mit Schmonzetten der 50er. Richtung Norden wurde der Sound afrikanischer, so wie die Bewohner, neben ihnen verging sich ein Krawatte tragender Bürgersohn an der E-Gitarre. Amateure, Profis, Einwanderer und arrivierte Pariser, sie waren mal kurz alle gleich. Sie wollten nur spielen. Genres mischten sich wie Milieus – im musealen Pariser Dekor wirkte das anarchisch.

Jack Lang, der ehemalige französische Kulturminister, hatte das Fest ins Leben gerufen, Premiere war 1982 in Paris. Seither wird an diesem Tag ein alter Slogan wahr: La rue est à nous. Das Straßenkonzert-Fest am Tag des Sommer- Anfangs ist international geworden, exportiert in 340 Städte. Das erste deutsche war in München 1985, zehn Jahre später folgte Berlin. 2009 bin ich dort Element of Crime begegnet. Jungs, die an einer Häuserecke spielen und von der See singen: „Diesmal, mein Herz, diesmal fährst du mit...“ Maxi Leinkauf

Ferien Der allseits beliebte Föderalismus will es, dass die Sommerferien in den Bundesländern zu unterschiedlichen Terminen beginnen und enden. Das hat Vor- und Nachteile. Nachteil: Wenn eine Familie aus Kahl am Main (Bayern) mit einer Familie aus dem 2,2 Kilometer entfernten Großkrotzenburg (Hessen) verreisen möchte, gibt es hierfür 2011 ein Zeitfenster von nur einer Woche. In Hessen enden die Sommerferien am Sonntag, 7. August, in Bayern beginnen sie am Samstag, 30. Juli. Vorteil: Hat man als Großkrotzenburger eigentlich keine Lust, auf den Reisevorschlag der Kahler einzugehen, liefert einem der Ferienkalender einen prima Absagegrund. raa

iGrill Manche Leute behaupten, es habe einmal ein Leben ohne iPhone gegeben. Verrückt. Man schaute in den Himmel, einfach so, ohne dass einem eine App die Sternbilder erklärte. Man musste, so erzählen die Älteren, Krümel selbst vom Tisch pusten, ganz ohne die Unterstützung der BlowerApp. Und von A nach B ohne Google Maps? Unvorstellbar.

Früher hatte ein Steak auch schnell einmal die Konsistenz von Kaugummi. Mit dem iGrill, einem Mess-Stift, der in das Fleisch gebohrt wird, und der dazugehörigen App ist der Bräunungs- und Brutzel-Grad nun immer perfekt. Vorher einstellen, ob blutig, Medium oder well done, der Alarm ruft dann rechtzeitig zum Rapport. Und wenn über dem Rost Rauch aufsteigt? Keine Sorge. Das ist die iCloud. Die gibt es im Paket mit der LöschApp. MS

LautsprecherhandtuchDer Slogan könnte lauten: „In diesem Handtuch ist ➝ Musik.“ Oder: „Der Sound des Sommers.“

Das wäre nicht einmal gelogen, denn: Ein italienischer Hersteller hat tatsächlich ein Badetuch mit Kopfstütze und integrierten Lautsprechern auf den Markt gebracht. Ein Anschluss für iPod Co (➝ iGrill) ist natürlich vorhanden. Die Energie – das liegt nahe – kommt von der Sonne.

Das HiFi-Handtuch ist zweifellos für Hochleistungsbräuner gedacht, die die frontale Konfrontation mit den UV-Strahlen suchen und jede unnütze Körperbewegung vermeiden wollen. Sonst würde es ja auch ein Transistorradio oder Mp3-Player mit Boxen tun. Praktischerweise lässt sich das Teil so zusammenlegen, dass ein Rucksack daraus wird. Und das Handtuch hat noch einen Vorteil: Man kann sich damit auch abtrocknen. Der Nachteil: leider nicht so gut. MS

Loch Der Sommer gilt als Ursache eines nach ihm benannten Lochs. Die Theorie lautet: Im Sommer gelangen über die Medien Geschichten auf die Bildfläche, die im April keine Chance darauf hätten. Da wären etwa: Krokodil Sammy, das im Baggersee ausbüchst. Nessie in Schottland. Rudolf Scharping, der sich mit einer Gräfin (vgl.Dr.) im Pool aalt. Und Bild wird auch in diesem Jahr wieder die Rundfunkgebühren abschaffen wollen. Warum gibt es das Sommerloch? Die Lochtheorie hat eine Erklärung: weil es Sommerpausen gibt. Das Parlament macht eine, der Fußball und das TV-Unterhaltungsprogramm auch.

So weit, so einleuchtend. Und doch ist da ein Haken: Die Behauptung, dass Sammy im April nicht berühmt geworden wäre, hält einer Überprüfung nicht stand. Schon richtig, im Sommer gibt es keine FDP-Parteitage – ein echter Verlust für die bunten Seiten. Aber die Jahreszeit, in der über Knut, den Schwan, der in ein Tretboot verliebt ist, GEZ-Ärger und irre Gräfinnen geschwiegen wird, muss in Wahrheit erst noch gefunden werden. raa

Maffay, PeterIm Jahr 1976 war Maffay, Peter, noch kein cooler Rocker und Kinder-Musical-Schreiber, sondern ein astreiner Schnulzen-Barde. Mit großem Erfolg sang er damals Es war Sommer. Wie viele Schlager dieser Zeit besticht das Lied durch einen ziemlich versauten Plot. Es geht um die Entjungferung des Protagonisten durch eine ältere Frau im August.

Außergewöhnlich ist das Lied, da es in der Musik selten Deflorationserzählungen aus männlicher Sicht gibt, die Verführung durch eine erfahrene Frau aber einem weit verbreiteten Klischee entspricht. Interessanterweise wechselt Maffay zwischen erster und dritter Person, wenn er von sich und dem Jungen berichtet. Was will uns der Künstler damit sagen? Sicher ist, Textzeilen wie „und als ein Mann sah ich die Sonne aufgehen...“ sind an schaurig schönem Pathos kaum zu übertreffen! Am Ende des Liedes ahnt der Zuhörer, dass die Dame eigentlich nur Frau Sommer heißen kann. Ob es sich um die Gattin von ➝ Dr. Sommer handelt? SH

Musik Nicht nur ➝ Maffay, Peter, kommt beim Sommer gleich auf Libido. Auch Joe Cocker in Summer in the City und das Girly-Trio Monrose („Just wanna rip off my clothes“) sowie Garth Brooks, dessen Country-Song-Alter-Ego im Hochsommer seine Jungfräulichkeit an eine ältere Witwe verliert. Es gibt aber noch mehr Sommerthemen: Die Beatsteaks wollen den Sommer niederbrennen, weil er nervt. Songwriter Ray LaMontagne sucht in den Sommermonaten Ruhe von der Arbeitswelt (➝ Ferien) und bittet: „Can I come home for the summer?“ Die Ärzte fragen: „Scheint die Sonne auch für Nazis?“ und fänden’s ungerecht. Und dann wäre da noch das Sommer-Übersetzungsrätsel von Zueriwest: „mängisch bruucht’s wenig dass öppis so chunnt oder so – / nume chli früecher oder schpäter / und aues wär hütt geng no so wie denn i däm summer“. Rock’n’Roll. Tobias Prüwer

Sandalen Auch so ein Wort, zu finden vor allem in medizinischen Ratgebern: Fußfeuchtigkeit. Fußfeuchtigkeit ist ein Phänomen, das gerne in Turnschuhen vorkommt. Als wäre das nicht unangenehm genug, gesellt sich dazu häufig Juckreiz. Bringen wir es auf den Punkt: Turnschuhe sind im Sommer ein Planschbecken für Pilzkulturen. Dagegen helfen Salben, eigentlich aber nur Schuhe mit Lüftung: Sandalen. Ein Wort, so fies wie Fußfeuchtigkeit, zumindest für Männer.

Als Kind schlüpfte man in die Leder-Loggias; wenn es unten zog, zog man Socken an. Für männliche Erwachsene aber wurde noch keine akzeptable Lösung gefunden. Das vergitterte Altherren-Modell? Ein Gefängnis für den Geschmack. Trecking-Sandalen? Nur in den Anden. Flip-Flops? Eine Hornhaut-Betoniermaschine für die Fersen. Neidisch blicken wir auf die luftige Eleganz der weiblichen Sommerkollektionen. Dieses Jahr im Trend: die Römer-Sandalen. Hatten Römer Fußpilz? Müsste man mal recherchieren. MS

SigiNahe der Münchner Fußgängerzone steht ein Denkmal für einen Spaziergänger. Er hieß Sigi Sommer und war wohl Journalist und Schriftsteller. Er flanierte immer so herum und schrieb dann irgendwas. Damals war die Welt aber noch gut. Heute geht das so nicht mehr. Heute muss man unter Hochdruck arbeiten, derbe herumrecherchieren, nie darf man Zeilen mit Nada, Nichts, Nüschte füllen. Auch nicht im Loch Sonst fliegt man raus. Ausgeschlossen… Na bitte: voll. raa

Summer School „School’s out for Summer“? – Alice Coopers Hymne an die ➝ Ferien findet nicht überall Widerhall. Besonders die höheren Schulen nutzen die schönste Zeit des Jahres für die Surplus-Bildung. Die Summer School soll als Einführungsveranstaltung den Weg in die Uni oder FH ebnen, dient der Vertiefung eines Themas, macht in Deutschland Nicht-Muttersprachler fit für die auf Deutsch abgehaltene Vorlesung oder bringt Personen aus dem mittleren Management Business English bei.

Bei anderen Summer Schools kommen Wissenschaftler und sogenannte Entscheider aus Politik und Wirtschaft zum Austausch zusammen und besprechen „The Art of Creative Leadership“ oder, wie bei der European Summer School in Prag: „What Europe in 2020 – Ever Closer, Ever Larger?“ Das Thema klingt in seiner Verbfreiheit fast wie Alice Cooper: „No more pencils / No more books / No more teacher’s dirty looks.“ TP

USB-Kühlschrank Es gibt jetzt auch Kühlschränke mit USB-Anschluss, kein Witz. Aber nicht zu früh freuen. Wer glaubt, die Grenzen zwischen virtueller und materieller Welt seien damit endlich überwunden und die Amazon-Lebensmittelabteilung vom Endverbraucher wirklich nur einen Mausklick entfernt, irrt. Die USB-Schnittstelle dient nur einem Zweck: der Energieversorgung des Geräts.

Das kann zwar laut Hersteller innerhalb von fünf Minuten auf achteinhalb Grad heruntergeregelt werden, doch wozu der ganze Zinnober? Um eine Dose Limo kalt zu stellen oder eine Tafel Schokolade vor dem Zerfließen zu retten? Für mehr ist in der Mini-Bar nämlich kein Platz. Daher der Tipp: Einfach gleich zwei Kühlschränke kaufen, unterm Schreibtisch platzieren und die großen Zehen reinhalten. MS

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

12:00 17.06.2011
Geschrieben von

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1