Es wird viel passieren

A-Z Die Seifenoper "Marienhof" wird nach 4.000 Folgen und 20 Jahren eingestellt. Grund, zu fragen: Was wird denn jetzt aus den Figuren, den Zuschauern – dem Fernsehen?

Abschalten

Ein Mann, es gibt ihn wirklich, musste einst, es ist ein paar Jahre her, seinen Arbeitsplatz täglich zur selben Uhrzeit verlassen, damit er es rechtzeitig nach Hause schaffte. Die Kollegen fragten sich: Ob er heimlich Kinder habe, die er ins Bett bringen wolle? Ob er pünktlich Medikamente nehmen müsse, die ihn anschließend zur Bettruhe zwängen? Nichts dergleichen, es war nur so, dass Marienhof damals noch nicht im Internet zu sehen war. Und Fernsehen wartete nicht.

Aber wissen Sie was? Der Mann ist längst runter von dem Stoff. Alle, die nicht wissen, was sie tun sollen, wenn voraussichtlich am 15. Juni die letzte Folge der Soap läuft, möchten sich bitte an das Beispiel dieses Mannes halten. Er hat von heute auf morgen einfach abgeschaltet, genug war genug. Und das Wichtigste ist: Es geht ihm jetzt besser. Klaus Raab

Frank Töppers wird Bürgermeister

Als selbstständiger Installateurmeister ist die Serienfigur Frank Töppers seit 15 Jahren die bodenständig-sympathische Leistungsträgerseele des Marienhof-Quartiers. Tropft ein Hahn, leckt ein Rohr, drückt der Schuh: Töppers ist zur Stelle.

Was macht er nun? Nach Serienende schlägt der Kölsche Jung aus seinem Lokalpatriotismus Gewinn. Als Willy-Millowitsch-Double schwoft er mit „Ich bin ene kölsche Jung“ über die Karnevalsbühnen. Bald ist der Töppers-Frank so berühmt, dass er eine politische Blitzkarriere hinlegt. In seiner Rolle als so genannter anständiger Nichtpolitiker gewinnt er für Pro Köln die Wahl zum Oberbürgermeister. Frisch im Amt lobt er – auf eine Anregung seines Beraters ➝Marlon Berger hin – die „Sülo Özgentürk“-Gedächtnismedaille aus. Das Edelmetall gilt dem Andenken des mit Töppers befreundeten Marienhof-Gemüsehändlers und wird jährlich an jene „juten Ausländer“ verliehen, die sich integrieren.

Die Affäre Berger (➝Marlon Berger macht PR) übersteht Töppers problemlos. Nur seine Tochter Agnetha „Netty“ Töppers muss den Posten als Kulturbürgermeisterin räumen. Mit Freizeit gesegnet, wird die gelernte Kosmetikerin Kölschkönigin und bereist als Botschafterin für Obergäriges die Provinz. Tobias Prüwer

Frederik Neuhaus macht Karriere

Nachdem sein Geschäftserfolg mit W@sche-online – ein Waschsalon mit Internetcafé – keine Basis mehr in der ARD hat, besinnt sich Serienfigur Frederik Neuhaus auf seine Spürnase und erweist sich einmal mehr als Stehaufmännchen in Sachen Karriere. Der Rollifahrer und Nerd mit dem geschwinden Ein-Finger-Schreibsystem eröffnet ein Wikileaks-Spin-off. Hier können Geheimnisse von Daily-Soap-Darstellern anonym veröffentlicht werden. So ist zu erfahren, wo und wann welcher Darsteller bereits in anderen Seifenopern zu sehen war, in Gute Zeiten, schlechte Zeiten oder Verbotene Liebe.

Neuhaus entlarvt Soap-Hopper en masse. Auch Drehbuchautoren, die sich bei anderen TV-Serien bedienten, sind in einer eigenen Rubrik gelistet. Kritiker werfen Neuhaus daraufhin Neid und Missgunst vor und fordern eine Internetsperre für ihn. Er weist das mit dem Hinweis auf Barrierefreiheit vehement zurück – und weiß die Scharen jener Sternchen in spe hinter sich, die noch auf ihren Castingerfolg beim täglichen Einseifen hoffen. TP

Inge Busch heiratet

Von Anfang bis Ende hielt Serienfigur Inge Busch dem Marienhof die Treue. Gedankt wurde ihr das eigentlich nie, im Gegenteil. Aus der Blumenhändlerin wurde im Laufe der Jahre die Besitzerin eines Internetcafés mit angeschlossenem Waschsalon (mit F. Neuhaus, ➝Frederik Neuhaus macht Karriere). Eine Quatschkombination, die der naturverbundenen Person nie gerecht wurde.

Doch jetzt brechen für Inge goldene Zeiten an. Von ihrer Abfindung, einem Millionengewinn in der letzten Folge, kauft sie sich ein Blumengeschäft mit angeschlossener Gärtnerei und bundesweitem Vertrieb. Hauptkunden: die von Anstettens, von Beyenbachs und von Lahnsteins aus Verbotene Liebe. Bei denen geht sie fortan ein und aus und lernt endlich ihre große Liebe kennen: Ludwig von Lahnstein. 1.000 Folgen lang genießen die graumelierten Turteltäubchen heimlich ihr Glück, dann platzt die Bombe respektive den Autoren der Kragen: Inge wird Blaublüterin – oder kommt bei einem Unfall ums Leben. Mark Stöhr

Marlon Berger macht PR

Die Serienfigur Marlon Berger, Jung-Journalist, sattelt nach dem Marienhof-Ende um und macht auf PR – das ist schließlich nur die andere Seite des Journalismus. Beim Kölner Kurier den lokalen Klatsch festzuhalten ist dem smarten Kunstblonden auf Dauer eh zu wenig gewesen. Dafür hat er sich nicht durchs Journalismusstudium gemogelt und den willigen Volontär gemimt.

In seiner Werbeagentur „Vitamin Berger“ kommen die 25 Marienhof-Autoren unter, die mit Einstellung der Serie arbeitslos geworden sind. Mit so viel kreativer Manpower – immerhin bewarben sie still und leise in der Serie so manches Produkt (➝Produkte platzieren) – kann sich Berger einen dicken Fisch schnappen. Er wird dank Vitamin B Berater von OBM ➝Frank Töppers, den er noch aus seinem Veedel (zu Deutsch: Viertel) kennt. Als er über einen nicht ganz legalen Deal mit der Stadt stolpert – das Startup Berger darf frei über den Werbeetat der Kommune verfügen –, gibt er sich anschließend schwer geläutert.

Ganz Medienprofi verdient Berger mit dem Blog Inside PR Millionen. Er wird gefeierter Buchautor für Hobbyratgeber mit Titeln wie Sorge dich nicht, webe und Deutschland schlackt sich ab und arbeitet als viel gefragter Motivationstrainer. Blonde Mähne, strahlendes Lächeln, leicht dümmlicher Blick – so sieht Optimismus aus. Et kütt, wie et kütt. TP

Partys feiern

Hat man die Besetzung von Marienhof vor Augen, kann man sich eines nicht so richtig vorstellen: dass diese wilde, ausschweifende Partys feiert.

Was aber, wenn der Eindruck trügt? Stellen Sie sich vor, Sie träfen jemanden, der Ihnen erzählt, auf genau so einer wilden Marienhof-Party gewesen zu sein. Der Schauplatz: ein Schloss unweit der bayerischen Landeshauptstadt München, wo die Serie gedreht wurde, auch wenn sie bekanntlich in Köln spielte.

Das Fest habe mehrere Tage gedauert, und: Ja – es seien allerhand illegale Substanzen im Spiel gewesen, auf manchen Suiten seien regelrechte Orgien gefeiert worden. Sagen wir, dieser Jemand hätte quasi ein komplettes 4-Sterne-Buffet für sich allein gehabt, da die eine Hälfte der Gäste koksbedingt keinen Hunger hatte, die andere aus Figur-Gründen magersüchtig war. Das Ganze liege freilich schon ein wenig zurück, damals waren die Einschaltquoten noch besser und die finanziellen Mittel für solche Sausen vorhanden (➝Produkte platzieren).

Gelogen, glauben Sie? Diesen Jemand gibt es nicht? Aber ist die Unterhaltungsbranche nicht zersetzt von Laster und Exzess? Erinnern Sie sich an den Drogenskandal um Kate Moss? Oder an beliebige Bekenntnisse von Robbie Williams? Stellen wir Marienhof in diese Reihe und halten fest: Wer so lange so viel Mist produzieren muss wie diese Crew, dem sei es gegönnt, mal auf den Putz zu hauen!

Und wenn nun also die Frage ist, was die Fernsehhelden in Zukunft tun: Wissen wir auch nicht, aber es gibt da ein Schloss unweit der bayerischen Landeshauptstadt München... Sophia Hoffmann

Produkte anderswo platzieren

Schleichwerbung hat der Marienhof nicht erfunden, aber er führte sie zu einer für öffentlich-rechtliche Verhältnisse ungekannten Blüte. Der Höhepunkt war 2003 die Eröffnung eines Reisebüros, das nicht nur den Magenta-Farbton von L’Tur hatte, sondern auch den Slogan „Nix wie weg“ übernahm. Passende Dialoge konnte man sich gegen ein Entgelt schreiben lassen. So lobte ➝Frank Töppers für den Verband Sanitär-Heizung-Klima die Vorzüge einer Gasheizung, schwärmte von den Produkten von Teppichbodenherstellern.

Wo soll man nun schleichwerben? Weil Wetten dass...? ebenfalls dem TV-Tod entgegensiecht, bleibt am Ende nur das Netz: Da dort bekanntlich alles irgendwie entgrenzt ist, regt sich außer ein paar bloggenden Medienjournalisten aber auch keiner mehr darüber auf. Jan Pfaff

Reality-Fernsehen wahrnehmen

Es gab eine Zeit, da war die Seifenoper der ideale Zugang zum Untersuchungsobjekt namens „gewöhnlicher Mensch“. Was denkt er, der gewöhnliche Mensch, was fühlt er, was packt ihn, in was für einer Welt leben wir eigentlich, und wie wirkt denn nun das Fernsehen? Die Antworten suchte man in Verbotene Liebe, in GZSZ und im Marienhof. Die Daily Soaps böten, so glaubte man, Projektionsflächen, auf denen die Zuschauer „ihr Lebensgefühl“ (wie in GZSZ) oder „ihre Lebenseinstellung“ (wie in Marienhof) wiederfänden.

So wurde die Daily Soap in ihren Anfangstagen – die Lindenstraße ausgenommen, begann der Boom der Soap in Deutschland 1992 – zu einer der von Medienkritik und Wissenschaft meistbeachteten und analysierten Fernsehprogrammeinheiten. Das hat sich geändert. Mit Big Brother verschob sich ab 2000 die mediale und akademische Aufmerksamkeit zum Reality-Fernsehen, später weiter zu den Castingshows, die, insofern, die neuen Daily Soaps sind (siehe auch ➝Talkshow ausstrahlen). raa

Talkshow ausstrahlen

Wenn die ARD demnächst täglich ➝vierundzwanzig Minuten mehr hat, um, statt Marienhof, das Programm zu zeigen, das sie am besten kann, dann wird sie noch eine Talkshow ausstrahlen. Voraussichtliches Sendeschema: sonntags Jauch, montags Beckmann, dienstags Maischberger, mittwochs Will, donnerstags Plasberg – und täglich am Vorabend zusätzlich der 24-minütige Talk mit Kai Pflaume. Die Talkshow ist die neue Seifenoper. raa

Verbotene Liebe

Der Verlust einer Soap kann nur durch eine andere kompensiert werden. Was bietet sich da eher an als die verlängerte Version von Verbotene Liebe? Gleiche Welle, gleiche Stelle und vor allem: High Society statt Kleinbürger-Mief. Im Marienhof mussten sich die Figuren ihr bescheidenes Glück sauer verdienen. Unappetitliche Einbrüche der Wirklichkeit in die Fiktion waren an der Tagesordnung: von Tablettensucht bis Sorgerechtsstreitigkeiten und Glasknochenkrankheit. Das ist in Verbotene Liebe anders. Hier muss keiner was werden, hier sind die Konten und Grundbücher voll bis zur Decke – die Figuren können sich ganz der Liebe und deren Enttäuschung widmen. Als Schmankerl kommt im XL-Relaunch Mallorca als Schauplatz hinzu. Treueschwüre unter Palmen und eine Affäre mit der Schwägerin in der schmucken Finca – so werden Zuschauerträume wahr. MS

Vierundzwanzig Minuten mehr haben

24 Minuten weniger Marienhof bedeutet, dass ein Sechzigstel des Tages für andere Tätigkeiten offensteht. In 24 Minuten kann man etwa 24 Minuten länger bei Twitter abhängen. Oder selbst als erfahrener Lochsockenwegwerfer ein Sockenloch stopfen (Zeitüberschuss: zwei Minuten). Wirklichkeit rules. raa

Wieder mehr rauchen

Angenommen, die Kulissen und Dekorationen vom Marienhof würden nicht abgebaut – was wäre das Marienhof-Quartier dann für ein Viertel? Es wäre wohl eines, in dem alle arbeitslos sind und sich im freien sozialen Fall befinden. Auf den Straßen stapelt sich der Müll, Anzeichen der Verslumung sind unübersehbar. Nur an einem Ort brennt nachts noch Licht: im „Wilden Mann“.

Die Serienfiguren, die das Lokal betrieben, die Maldinis, sind längst zurück nach Turin gegangen, aus dem relativ gutbürgerlichen Italiener ist eine Pinte geworden, die ihrem Namen alle Ehre macht. Und hinter den Nikotinschwaden tauchen die Umrisse des „Rauchfrei-Siegels“ an der Wand auf, das der Serie vor Jahren einmal verliehen wurde: Dafür, dass nur noch „negativ ausgerichtete Identifikationsrollen mit kurzfristigen Auftritten“ rauchen. MS

Zirkowski wiedersehen

Ich lebe in Sachen Marienhof in der Zukunft. Seit meinem Ausstieg als Zuschauer vor zehn Jahren begegnet mir die Serie sporadisch. Neulich sah ich in einer ➝Talkshow Elena Zirkowski, sie ist mit einem Arzt verheiratet, der mal bei Big Brother war. Wenn ich einen Mann im Rollstuhl sehe, denke ich an ➝Frederik Neuhaus, und wenn irgendwo eine aus der Zeit gefallene Disco steht, an das Foxy. So vermag der Marienhof im Strom des Lebens hie und da einen flüchtigen Wirbel an der Oberfläche zu erzeugen. Michael Angele

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14:00 12.06.2011
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Ausgabe 38/2020

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