Für immer Helden

A-Z Kinderhelden Wenn Harry Potter nun seinen Abschied gibt, erinnert er daran, dass manche Kinderhelden auch für Erwachsene sehr wichtig sind. Aber welche sind das? Und warum?

Abrafaxe


Comics galten in der DDR als imperialistische Unlektüre, doch ohne Bildgeschichten kam man nicht aus. Als ideologisch korrektes Pendant wurde daher die „Bilderzeitschrift“ Mosaik gegründet, in der seit 1976 die Abrafaxe auf monatliche Abenteuerfahrten gehen. Bis heute führen sie ihre Expeditionen durch die Weltgeschichte fort. Wie es sich für ein richtiges Heldentrio gehört, leben die Abrafaxe von ihrer Unterschiedlichkeit. Der kühne Abrax lässt sich keine Mutprobe entgehen, Brabax gibt den Tüftler, der rundliche Califax ist ums leibliche Wohl besorgt. Ihre Abenteuer begannen mit der Geschichte der Comedia dell’arte in Italien und führte die Drei in die Antike. Derzeit treiben sie sich im barocken London herum, wo Brabax mit Newton philosophiert. Dabei ist allerhand Wissenswertes zu erfahren, denn das ist das Mosaik-Prinzip: Geschichten werden mit Geschichte verwebt und in der Heftmitte naturwissenschaftliche Experimente zum Nachbau offeriert. Auch als Erwachsener lernt man so weiter dazu. Tobias Prüwer

Bart Simpson

Wann bewirbt sich Bart Simpson endlich für das Weiße Haus? Groß genug sollte er ja langsam sein. Bei Kongresswahlen schnitt der Comic-Held bisher oft hervorragend ab. Er landete auf Platz zwei im Ranking der fiktiven Kandidaten, hinter Mickey Mouse. Zumindest in den 90ern war das so, jener Hochzeit der „Bartmania“, als die ganze Welt verrückt war nach dem Vorstadt-Punk. Er schaffte es im Time-Magazine auf die Liste der 100 wichtigsten Personen, Michael Jackson widmete ihm den Song „Do the Bartman“.

Aber es gibt nicht nur Fans: Zeit seines inzwischen über 20-jährigen animierten Lebens verfolgten Bart immer wieder Verteufelungen von Pädagogen. Er sei mit seiner Aufmüpfigkeit gegenüber Autoritäten und seiner oft vulgären Art ein schlechtes Vorbild für die Jugend. Das war schon in der Frühphase der Serie Quatsch, als Rülpsen noch als Provokation galt. Bart Simpson war nie eine Identifikationsfigur für Halbwüchsige wie ➝ Pippi Langstrumpf. Er ist eine Erfindung von Erwachsenen und auch für diese gemacht. In der Kinderhülle steckt ein manisch-depressiver Eigenbrötler, der sich und seine Umwelt mit Streichen unterhält, bevor er wieder in Zweifeln versinkt. Ein prima Präsident also. Mark Stöhr

Greg

Gregory Heffley, kurz Greg, wird mittlerweile als Thronfolger Harry Potters gehandelt. Verkaufszahlen, Bestsellerlisten und die Tatsache, dass die ersten beiden Bücher bereits zu Kinoformaten verwurstelt wurden, geben ihm recht. Er ist der Protagonist von Gregs Tagebuch (im amerikanischen Original Diary of a Wimpy Kid) und sein Leben das genaue Gegenteil des fantastischen Potter-Universums. Der amerikanische Autor Jeff Kinney erzählt authentisch aus dem tragikomischen Alltag eines amerikanischen Durchschnittsknaben und illustriert die „Tagebucheinträge“ mit krakeligen Comiczeichnungen. Kinder in Gregs Alter können sich mit ihm identifizieren, weil er aus der Ich-Perspektive ironisch von Problemen wie Popularitätswerte in der Schule, Freundschaften im Allgemeinen aber auch Aktuellem wie Selbstpräsentation in Internet-Netzwerken daher schwatzt. Eltern können sich mit Greg identifizieren, weil bei der Lektüre längst Verdrängtes und Vergessenes auf der eigenen Jugend an die Oberfläche gespült wird und sich in den Erzählungen eines faulen, selbstsüchtigen Zehnjährigen, der Erwachsene peinlich findet, wiederzuentdecken enormen Spass macht. Oder wie Greg sagen würde: „Geht's noch?“ Sophia Hoffmann

www.gregstagebuch.de

Harry Potter

Tränen über Tränen. Joanne K. Rowling will geweint haben, als sie den letzten Teil ihrer Harry Potter-Saga zu Ende geschrieben hatte. Emma Watson weinte für alle sichtbar bei der Weltpremiere der letzten Verfilmung vergangene Woche in London. Die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei macht dicht, jetzt müssen die Beteiligten sehen, wie sie draußen klar kommen. Ausgesorgt haben sie alle. Rowling ist reicher als die Queen, Watson mehrfache Millionärin und auch Daniel Radcliffe könnten den Rest seines Lebens mit Hobby-Zaubern zubringen. Doch was ist mit den Lesern, denen nun der magische Kick abhanden kommt? Laut einer Studie hat jeder vierte Deutsche ab 14 Jahren mindestens einen ­Harry-Potter-Band gelesen. Der Zauberlehrling zog Erwachsene und Kinder gleichermaßen in seinen Bann. Das Onlineportal Pottermore soll nun die schlimmsten Entzugserscheinungen lindern – eine virtuelle Zauberwelt, an der jeder mitarbeiten kann. Potter goes iPad, wenn dieses Upgrade mal gut geht. MS

pottermore.com

Hello Kitty

Heute gibt es ja für alles einen Namen, also auch für Erwachsene, die eigentlich noch gerne Kind wären. Man bezeichnet sie als „Kidults“. Die Hersteller haben sich längst auf sie eingestellt, allen voran die japanische Firma Sanrio, die mit ihrer Produktlinie Hello Kitty seit Mitte der Siebziger weltweit die Mädchenzimmer verunstaltet. Die kitschigen Konterfeis und Figuren der Kätzchen und Hamster sind auch unter gestandenen Frauen Kult – im Büro, in der Küche, im Bad und, nun ja, auch im Bett. Ein Hersteller von Massagegeräten hatte sich irgendwann in den Neunzigern die Hello-Kitty-Lizenz besorgt und offenbar nicht bedacht, dass die Massagestäbe für die Schulter auch ganz brauchbare Vibratoren abgeben. So kam der Hello-Kitty-Vibrator in die Welt und ist, für rund 30 Euro das Stück, immer noch zu haben. MS

Justus Jonas

Er ist ein vorlauter Klugscheißer – und doch muss man ihn lieben. Denn das Dickerchen Justus Jonas aus der Hörspielserie Die drei ??? drängt sich nicht bewusst in den Vordergrund. Er weiß in der Tat alles besser, was seiner Genialität geschuldet ist. An der ist noch jeder Gangster im kalifornischen Rocky Beach gescheitert, wo Justus und seine zwei Kompagnons Verbrechen aufklären. Ihre Zentrale haben sie in einem Wohnwagen auf einem Schrottplatz. Justus lebt bei seinem Onkel und seiner Tante. Der frühe Tod seiner Eltern soll für die Ernsthaftigkeit des Jungen verantwortlich sein, dennoch handelt er nicht nur in punkto Ernährung oft aus dem Bauch heraus. Im Widerstreit von Gefühl und Verstand zeigt sich ein höchst menschlicher Ermittler, mit dem sich nicht nur Übergewichtige identifizieren können. TP

Kiki, der Papagei

Er war der heimliche Freund meiner Kindheit. Kiki konnte sprechen, frech und klug, gelegentlich spielte er den Retter oder brachte Jack, Lucy und das Geschwisterpaar Dina und Philipp in Bedrängnis. Kiki ist der Papagei aus der Abenteuer-Serie von Enid Blyton, um die wir uns in den Leihbibliotheken prügelten. Jack hatte Kiki, Philipp konnte mit allen Tieren, und die Mädels konnten nichts außer Essen machen und Angst haben. So wurde unsereins in die Welt geschickt. Trotzdem haben wir viel Nützliches gelernt: Zum Beispiel, dass Zusammenhalt das Wichtigste im Leben ist. Dass man mit Tieren liebevoll und mit Erwachsenen vorsichtig umgehen soll. Und schließlich handelten alle Blyton-Bücher, in der Nachkriegszeit entstanden, ständig vom Essen. Egal, wohin es die Kinder verschlug, immer fand sich eine Kiste mit Nahrungsmitteln. Dann machten Butterkekse mit Thunfischpaste die Runde. Das förderte nicht eben unseren Geschmack, aber unsere multikulturelle Kompetenz. Ulrike Baureithel

My

Eines Tages, ich war schon längst kein Kind mehr, sagte ein äußerst liebenswerter Kollege zu mir: „Du bist wie die kleine My!“ Er machte mich in meiner angeblichen My-Haftigkeit nach: Er guckte sehr streng, runzelte die Stirn und stemmte die Arme in die Hüften. Ich musste kurz schlucken bei dem Vergleich mit der zornigen, kleinen Figur aus Tove Janssons Die Mumins. Nach kurzem Erinnern an ihr extrem respektloses Benehmen und ihre Scharfsinnigkeit fühlte ich mich aber derart geschmeichelt, dass ich sie zu meinem Role-Model erklärte und damit ➝ Pippi Langstrumpf von ihrem Platz stieß. Janine Sack

Peter Pan

Wer will schon erwachsen werden? Peter Pan ist die Idealfigur aller Junggebliebenen. Auf der Insel Neverland führt er die Bande der Lost Boys an und gibt sich einem freien, vergnügten Leben hin. Nur das Aufkreuzen seines Erzfeindes Captain Hook stört hin und wieder Pans Kreise. Doch bietet er dem wütenden Erwachsenen energisch die Stirn und ist für dessen Spitznamen verantwortlich: In ihrem ersten Gefecht verlor Hook seine rechte Hand an ein Krokodil. Hin und wieder entführt Pan Kinder aus der Menschenwelt nach Neverland, auf dass sie das Großwerden vergessen. Für ewig hält es aber niemand außer Pan dort aus, so dass die Geschichte wunderbar zeitlos das Dilemma der Adoleszenz und den Verlust der Unschuld thematisiert. Der Stoff wurde zigfach auf Theaterbühnen inszeniert und ein Dutzend Mal verfilmt. Sogar einem richtigen Syndrom gab er den Namen. Das Peter-Pan-Syndrom wird jenen Männern attestiert, die sich nach Ansicht von Psychotherapeuten unangemessen kindisch verhalten. TP

Pippi Langstrumpf

Die Heldin, die den Feminismus seit der Nachkriegszeit in die Kinderstuben trug, trifft man nicht erst dann wieder, wenn man den eigenen Kindern Gutenachtgeschichten erzählt. Die Rebellin mit dem frechen Grinsen, Sommersprossen und roten Zöpfen ist so manchem Art-Director einer Frauenzeitschrift regelmäßig Vorlage für eine Modestrecke. Da ist dann vom Pippi-Langstrumpf-Look die Rede. Gemeint sind meist natürliches Make-up, das die Sommersprossen betont, wilde Zopffrisuren und bunte Kleider mit starken Kontrasten. Gelb und blau, rot und grün, gerne auch wild mit verschiedenen Mustern kombiniert – Hauptsache frech. Fast jede Kunststudentin macht diese Phase in ihrem Studium durch und erklärt Pippi für eine gewisse Zeit zu ihrem modischen Vorbild mit Punk-Attitüde. Gina Bucher

Stan Laurel

Es gibt da diese Szene in dem Film The Devil’s Brother von 1933, in der sich Stan Laurel betrinkt. Einen großen Becher mit Wein. Und noch einen. Und noch einen. Dann setzt er sich an einen Tisch. Und bekommt den möglicherweise berühmtesten, jedenfalls aber den ansteckendsten Lachanfall der Filmgeschichte. Es ist albern. Es ist anarchistisch. Es ist unglaublich lustig. Nichts kann Stan Laurel besser beschreiben als diese wenigen Filmminuten. Und warum man ihn als Kind einfach lieben muss. Selbst „Dick und Doof“, der idiotische deutsche Name für Laurel und seinen Kumpel Oliver Hardy, hat mich nicht davon abbringen können. Stan Laurel hatte immer einen Platz ziemlich weit oben auf meiner Heldenliste. Und dabei ist es geblieben. Bis heute. Philip Grassmann

Wilde Kerle

Auch in den Zeiten angeblicher Abstumpfung der Kleinsten durch mediale Dauerberieselung sollte man die Eindringlichkeit von Illustrationen nicht unterschätzen. Die Helden des Bilderbuchklassikers Wo die wilden Kerle wohnen haben durchaus das Zeug, eine Fünfjährige bis in ihre Träume zu verfolgen. Der Grat zwischen wohligem Grusel und blanker Angst ist bei Kindern oft sehr ­schmal. Anhand der wilden Kerle lässt sich zudem die These belegen, dass manche Figuren nur zu Kinderhelden werden, weil Eltern begeistert die Bücher erwerben, die ihrem Geschmack entsprechen. Heranwachsend stellt der Nachwuchs dann fest wie tiefsinnig die Geschichte des kleinen Max im Wolfskostüm ist und beglückt später seine eigenen Kinder mit dem Werk. Die haben erst ein wenig Angst, erkennen aber älterwerdend, um was für ein tolles Buch es sich handelt und kaufen es ihren Sprösslingen. So entsteht wohl so etwas wie ein Kult-Kinderbuch. SH

Zora

Von einem Leben abseits von Jugendamt und Bildungsgutscheinen erzählt Die rote Zora und ihre Bande. In Kurt Helds Jugendbuch von 1941 sorgen ein paar Waisenkinder in einem kroatischen Küstenstädtchen mit Diebstählen für soziale Umverteilung. Auf einige Frauen hatte die Figur der rothaarigen Bandenchefin dabei eine nachhaltige Wirkung, in den siebziger Jahren nannte sich eine feministische Terrorgruppe Rote Zora. Neben Brandanschlägen auf Sex-Shops und Biotech-Labore attackierte sie Filialen der Modekette Adler. Jan Pfaff

15:40 14.07.2011
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