Im Jahr 7 nach Juhnke

Westberlin Momentaufnahmen: Westberlin ist in die Jahre gekommen. 
An manchen Stellen wirkt es schon tot, an anderen 
kann man es noch einmal genießen – oder hassen. Je nachdem

Achtung, Sie verlassen jetzt den Textbereich, der jedem gefällt. Mit meinem Westberlin-Fimmel habe ich schon viele Menschen genervt. Es ist der Fimmel eines Zugereisten, der in Westberlin eine einmalige Sache zu erleben glaubt. (Während die echten und ursprünglichen Westberliner in Reinickendorf oder Lichtenrade ihr Leben halt so dahinleben, vielleicht ein wenig überaltern, aber dafür gibt es ja Grieneisen-Bestattungen an jeder Straßenecke.) Nun, diesen Menschen, denen ich mit meinem Fimmel komme, sage ich: Bedenke, der Mensch ist ein Tourist fast überall. Sogar in der Stadt, in der er lebt. Jedenfalls, wenn diese Stadt Berlin heißt. Wer etwa in einem der östlichen Bezirke zu Hause ist, kann nach Charlottenburg wie in einen Kurzurlaub fahren. So anders, so viel ruhiger ist die Stimmung am Savignyplatz als in den Hackeschen Höfen in Mitte. Man spürt hier noch etwas vom historischen Bürgersinn, natürlich auch von den 68ern, die im Laufe der Jahre zu Citoyens mit Taxischein mutiert sind. Wer im Zwiebelfisch sitzt oder ins Kant-Kino geht, stößt auf einen Menschenschlag, den es so nirgendwo anders auf der Welt gibt. Mit ihm korrespondiert eine bestimmte Architektur. Stadtbilder entstehen im Kopf, und ich musste lernen, dass viele unter Westberlin allerdings nicht den Savignyplatz, nicht das Ökowerk am Teufelssee oder geografisch noch westlichere Orte verstehen, sondern Kreuz- und Schöneberg, altes SO 36, Häuserkampf, immer mit dem Song der Gruppe Ideal im Kopf.

Diese Westberlin-Bilder sind fragil geworden, und man muss nicht in den Hassgesang auf Gentrifizierung und Globalisierung einstimmen, um zu konstatieren, dass hier gerade etwas verschwindet. Mehr noch, holen wir uns ruhig die Verachtung der Zukunftsgerichteten und Wir-feiern-den-neuen-Ku’damm-Publizisten aus dem Springer-Hochhaus und sagen: Dass hier etwas verarmt. Man muss ja kein Freund der Eckkneipe sein, um zu beklagen, dass dort, wo die Fußballkneipe „Holst am Zoo“ einmal war, nun irgend ein seelenloses Geschäft steht, das nicht im Gedächtnis bleibt. Anderes ist dagegen noch da, und wird es bald nicht mehr oder nicht mehr so sein. Aber das dauert, und bis die Stadtgeschichte aus der Geografie in die Archive wandert, kann man noch so manche Momentaufnahme machen. Michael Angele

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Felsenkeller:


Wie hieß gleich noch diese Garderobenfrau vom 
Theater? Ich könnte „Herrn Lehmann“ fragen, meinen Freund Stephan, der aus Kaiserslautern kam und in Berlin außerplanmäßig Kneipier wurde. Wenn die Garderobenfrau kam, standen schon da, oft bis an die Holzvertäfelung gedrängt: Arrivierte, Normale, Gescheiterte, Künstler, Intellektuelle und blöde Spinner. Ich hinterm Tresen. Für die Garderobenfrau erst einen Sekt, dann einen Genever. Kein Mann, ein Sohn im Westen, kein Kontakt. Zu später Stunde schüttete sie sich traditionell das letzte Glas über den Kopf.

Eines Tages dann die Diagnose, aus. Und Volker mit seinem Ruhrpott-Charme, statt Wehrdienst Berlin. 
Er arbeitete beim Film, notorisch zu viel, seine Küche war eine Dauerbaustelle, die italienischen Fliesen 
kamen einfach nicht. Eines Tages werde ich Apfelbauer. Die Krankheit erschien uns schreiend ungerecht, 
uns war auch sehr mulmig zumute.
Nach der Trauerfeier gingen wir einen heben. Heute haben wir das Rauchverbot, ich ein anderes Leben, 
geblieben ist eine Telefonnummer, die ich nicht 
löschen kann. Katharina Schmitz

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"Potse“ nennen Westberliner die Potsdamer Straße (auch B1). Dort, wo sie wenig später in den Potsdamer Platz mündet, residierte früher das zweite Zeitungsviertel Westberlins: Neben dem Tagesspiegel (Potse 87) hatten dort auch der Freitag und das Stadtmagazin tip (Potse 89) ihr Domizil, nicht zu vergessen 
die Zweite Hand (Potse 70). Der Schmuddelkiez 
ist mittlerweile medial verwaist: In der Potse 77 – 87 
haben sich Galerien eingenistet, während sich ein Haus weiter das Gesundheitsgewerbe angesiedelt hat. Der Rettungshubschrauber im Hof, Stoff 
mancher früherer Freitag-Hausmitteilung, wurde nicht mehr gesichtet; solange Staroske aber noch seinen täglichen Imbiss offeriert, ist im alten Westen alles im grünen Bereich. Ulrike Baureithel

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J, K, L. Diese drei Buchstaben, nach denen die Hauptgänge benannt sind, brachten Ordnung in das Cluster der Seminarräume. Die Quergänge durchnummeriert, ein Straßensystem wie in New York, um sich in den Verästelungen der Lauben zurechtzufinden. Damit 
erschöpft sich der Anflug von Mondäne leider, auch wenn der 1973 eröffnete Bau einen futuristischen 
Gegensatz zu den verschlafenen Institutsvillen 
bildete, von deren Muff man sich abgrenzen wollte.

Heute wird der Bau schlicht „RoSi“ genannt. Das Beste an der Rost-/Silberlaube waren die Cafés. Natürlich. Nicht die offiziellen Cafeterien oder womöglich die Mensa – die konnte man vernachlässigen. Genauer gesagt: man sollte. Richtig ab ging es in den studentisch organisierten Cafés. Allen voran der Rosa Salon (schräg), das Frauencafé Furiosa (verkniffen), das der Sportler (gesund). Zwischen den Seminaren übervoll, während der Seminarzeiten gemütlich, boten sie reichlich Kontakt- und Ablenkungs-mög-lichkeiten; Ruhe allerdings kaum. Wer die brauchte, musste 
sich einen verlassenen Seminarraum suchen. Oder gleich nach Hause gehen. Jutta Zeise

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Es ist nicht gerade ein Raumschiff, auf das man stößt, wenn man die Müllerstraße durch den Wedding Richtung Tegel fährt, vorbei an Spielhallen, Dönerläden und den letzten Überbleibseln des Einzelhandels alter Prägung. Aber sonderbar wirkt er schon, der vielleicht zehn Meter hohe Eiffelturm, der den Autofahrern 
und Passanten einen Gruß aus der ureuropäischen Kapitale serviert und mehr noch aus der Zeit, 
als Frankreich eine der vier Besatzungsmächte West-berlins war und den Nordteil der Stadt verwaltete.

Das ist nun schon länger Geschichte. Das Centre Francais dämmert vor sich hin, die Leuchtanzeige ist unvollständig, das Kino geschlossen, und das „Hotel de France“ scheint fast leer zu sein. Aber dort, wo einst Filme gezeigt wurden, läuft nun ein „Programm mit Schlager und Parodien am laufenden Band“, also genau das Richtige für den klein- bis gutbürgerlich-deutschen Rentneranteil im Wedding, aber nicht das Richtige für uns, die wir uns lieber in die Brasserie setzen und von einem wirklich indiskutablen Cabernet Sauvignon auf einen halbwegs trinkbaren Bordeaux umsteigen und uns so langsam, aber sicher die 
melancholische Kante geben, während im Radio 
französische Schlager laufen und wir uns fragen, wie das chlorhaltige Reinigungsmittel heißt, das einem am Eingang in die Nase gestochen und sofort an 
Urlaubszeiten erinnert hat. Michael Angele

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Als ich, es war in den Nullerjahren, zum einzigen Mal in der Berliner 
Suhrkamp- Residenz eingeladen war – seinerzeit lag der Hauptwohnsitz des Verlags noch in Frankfurt, und die Außenstelle befand sich bemerkenswerterweise im westlichen Teil Berlins –, sprach mich dort ein älterer Herr nicht eben freundlich an: Jetzt wolle er doch mal wissen, wer das (ich) sei, der immer in seinem Stammcafé sitze. Vermutlich bin ich damit eines der Vorbilder für die 
drei oder vier einsamen Männer im Café Savo, mit denen Bernd Cailloux’ gerade erschienener Roman Gutgeschriebene Verluste beginnt. Obwohl ich ja gar nicht mehr zu den Übrig-gebliebenen gehöre, von denen der 
Roman offenbar handelt.

Als versehentlich Halbweggezogener kann ich noch nicht einmal 
entscheiden, ob Westberlin gerade 
mal wieder stirbt, oder bloß ich der Stadt gestorben bin. Jedenfalls dürfte für Westberlins Tode die Lacan’sche Unterscheidung zwischen deren zweien nicht reichen; vielmehr wechseln sich die realen und die symbolischen 
Tode munter ab.

Es begann ja spätestens damit, 
dass die achtziger Jahre nach der bis heute unwiderlegten These Thomas Meineckes bereits 1982 zu Ende waren. 
Das dürfte ungefähr die Zeit gewesen 
sein, als das Café Mitropa sein elegant geschwungenes Neonröhren- itropa abgeben musste, und ein Großteil 
der zeitweise über Hundert besetzten Häuser in Westberlin geräumt wurde. Bald danach weinte man im Risiko 
den Zeiten nach, in denen Blixa Bargeld noch hinter der Theke gestanden hat, und Wolfgang Müller begann seine neunbändige Geschichte der Genialen Dilettanten, die er noch heute nicht abgeschlossen hat.

Irgendwie erscheint es aus der 
Retrospektive doch konsequent, dass man, nach der Latenzzeit von ein paar weiteren Jahren, gar noch die Mauer abgerissen hat. Seither ist das Gebilde, um welches hier mal wieder zu trauern ist, ja nicht einmal mehr Gegenstand eines Kampfes um die richtige 
Bezeichnung – Berlin (West) oder Westberlin? –, sondern bloß noch der westliche Teil Berlins.

Der Vereinigungsgrößenwahn, demzufolge jetzt gefälligst zusammenwachsen solle, was zusammengehöre, führte zu absurden Busnummern 
und machte etwa aus dem 19er, der 
zuvor friedlich unter den Yorckbrücken durchgefahren war, das Kampfgerät eines 119ers. Inzwischen ist man 
kleinlaut und reumütig zur 19 zurückgekehrt, freilich unter Voranstellung eines M, der Abkürzung für Mitropabus. Irgendwie wird es im Rückblick trotzdem konsequent erscheinen, dass man, nach der Latenzzeit von ein 
paar weiteren Jahren, gar noch die 
Yorckbrücken abgerissen haben 
wird. Robert Stockhammer

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Die Zeiten innerdeutscher Grenzen sind zum Glück vorbei? Das mag für weite Teile dieses Landes zu-treffen. Für den Stuttgarter Platz nicht. Hier teilt sich die Welt nach wie vor in einen (guten) Westen und einen (sonderwirtschaftszonigen) Osten, selbstverständlich mit zeitgemäßem Anstrich. Auf der einen Seite leben die konsumbewussten, wohlhabenden, spielplatzaffinen Caféhaus-Menschen, die so mancher mit dem Fachbegriff „Gentrifizierer“ bedenkt. Auf der anderen Seite, jenseits der grünen Platzatmo, verbringen die Hottes dieser Tage ihre billigkonsumorientierte, sex- und waffenaffine Existenz. Ab und zu fallen immer noch Schüsse an dieser Demarkationslinie, die verbliebenen Dependancen und Mädels wollen schließlich bis aufs Blut verteidigt sein. 
Dominik Graf hat den Zuhältern am Stutti wenigstens ein schönes filmisches Denkmal gesetzt, bevor 
sie langsam das Feld räumen müssen. Denn keiner scheitert so stilsicher und angemessen, in aller 
gebotenen tragikkomischen Anmut an Leben und 
Liebe wie sein „Hotte im Paradies“. Motto: „Kann ick, will ick aba nich“. Susanne Lang

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Ein halbverfallener Torso, einsam auf dem leeren Potsdamer Platz neben der Mauer: Hier hatte der Kaiser seine Herrenabende mit der Generalität 
gepflegt, später waren Greta Garbo, Charlie Chaplin und viele andere, die man kennt, zu Gast gewesen. Ein Zeitloch, durch das man in die Geschichte 
eintauchte. Die Tapeten aus Wilhelms Zeiten hingen noch in Fetzen von der Wand. In den vergangenen Jahren, bevor 1996 der „Kaisersaal“ ins Sony Center verschoben wurde, residierte hier das Globe Theater. Die Berliner Szene des Argentinischen 
Tangos konstituierte sich, und man konnte auch 
immer noch gut speisen.

Beim letzten Abendmahl vor der Schließung 
wurden Mitglieder der Familie Bismarck gesichtet. Die letzte Nacht gehörte dem Tango, und in 
den letzten Tango fuhr der Sturmwind. So war er komponiert. Michael Jäger

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London hat die Food Halls von Harrods, Paris hat Fauchon und Berlin hat: Rogacki. Jedenfalls West-berlin. Wie es kommen kann, dass sich in diesem Feinkost-Geschäft über mehr als 20 Jahre das Westberlin-Gefühl gehalten hat, kann ich auch nicht 
erklären. Aber es ist so. Und es ist nicht totzukriegen.
Vielleicht liegt es an der eingeschworenen Gemeinschaft beigefarbig gekleideter Rentner, die mittags 
die Stehtische verteidigen, um Bratfisch mit Kartoffel-salat zu verschlingen. Oder an dem undurchschau-baren System, nach dem das Schlangestehen an 
der Wurst-Theke organisiert ist. An der brachialen Eleganz, mit der hinter der enormen Fischauslage 
im Akkord die Tiere ausgenommen werden. Oder an der grässlichgrünen Deckenverkleidung aus den siebziger Jahren. Man muss das nicht mögen. Aber wer sich nicht abschrecken lässt, der sieht die Seele West-berlins. Immer noch. Großartig. Philip Grassmann

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Dieses Ding aus einer anderen Welt, tituliert als Godzilla-Animation, Ufo mit Übergewicht, Betonklobürste oder – sanfter – als zartgliedrig wie ein Klumpfuß. Nüchtern: Ein 1976 eröffnetes dreistöckiges Turm-restaurant in einem 50 Meter hohen Fünfzehneck mit drei Kanzeletagen und einer Nutzfläche von 1.200 
Quadratmetern auf nur 45 Quadratmetern Grundfläche.

Dem Entwurf nach sollte es einen Baum symbolisieren! In seinem ballernden Rot war der Bierpinsel neben dem Steglitzer Kreisel das andere Naturdenkmal im Freilichtmuseum der Beton-SPD. Von der 
Autobahn her das Versprechen: Lasst alle Hoffnung fahren! Für Fußgänger löste er es ein. Seit 2002 leer, sollte der Bierpinsel 2007 versilbert werden. Plötzlich war er auf Bestellung mit bunten Graffiti bekleckert: Neues Leben! 2011 sollte die alte Farbe wiederkommen. Kam aber nicht. Angeblich gibt es wieder ein Restaurant. Ich kenne niemanden, der es bezeugen könnte. Soll er doch leer stehen bis in alle Ewigkeit. Max Goldts Okay, Mutter… hat ihn ja für immer auf dem Cover! Wahrscheinlich meinte Gottfried Benn schon den Bierpinsel, als er 1948 schrieb: „dieser Steine Male bleiben […] / wenn die Mauern niederbrechen / werden noch die Trümmer sprechen / von dem großen Abendland.“ Aktueller: Eine Boje, die im Meer nach dem Abschmelzen der Polkappen vor den Untiefen von Westberlin warnen wird. Erhard Schütz

(Ill.: Falko Ohlmer)

Falko Ohlmer ist Illustrator und Designer, mehr über seine Arbeit unter falko-ohlmer.com

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15:00 18.02.2012
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