Jesus war Student

A-Z Studium Das Semester beginnt bald und Sängerin Lena Meyer-Landrut will Afrikanistik studieren. Sie möchte nicht effizient sein, sondern etwas lernen. Toll! Unser Lexikon der Woche

Abbrecher

Wenn einem während des Studiums der Sinn des Ganzen abhanden kommt, man nicht mehr weiß, warum man sich den ganzen Druck, sei er familiär, finanziell oder durch Stress bedingt (➝ Ellenbogenossis), antut, dann ist es vielleicht keine so schlechte Idee, nach einer Alternative zu suchen. Allen, die noch überlegen, ob sie hinschmeißen sollen oder nicht, sei gesagt: Ein abgeschlossenes Studium garantiert noch lange keinen Job, heute noch weniger als vor 20 Jahren. Und viele meiner Bekannten, die irgendwann frustriert aufgegeben haben (➝ Witze), sind danach erst richtig durchgestartet, gründeten Taxibetriebe oder machten erfolgreich ihr Hobby zum Beruf. Andererseits: Wenn man den Abschluss dann doch noch schafft, ist das einfach super für das Selbstwertgefühl! (➝ Afrikanistik) Jutta Zeise

Afrikanistik

Sängerin Lena Meyer-Land­rut will nun in Köln ein Studium der „Sprachen und Kulturen Afrikas“ beginnen. Dieser Bachelor-Studiengang vermittelt den Zugang zu besagten Kulturen über „das Erlernen einer fremden Sprache“ – in ihrem Fall eventuell Kisuaheli – „und die Auseinandersetzung mit Theorien und Methoden der Linguistik“. Die Ethnologie Afrikas ist eine etwas brotlose Kunst, und Afrikanistik ist ihre Subdisziplin. Richtig ist also, dass Meyer-Landrut die Zusatzqualifikation für eine Karriere im Call-Center vor Augen hat. Wichtiger aber ist, dass sie sich mit ihrer Immatrikulation im Orchideenbereich, mehr als mit ihrem Erfolg als Fräuleinwunder (2010) und Vamp (2011), echte Meriten als Rolemodel erwirbt: Sie darf nun als Indierockerin gelten. Klaus Raab

Ausreden

Gemessen an den Ausreden, die man von Studierenden zu hören bekommt, steht es um die Qualität der Computerindustrie ganz schlecht. Die Nachrichten beginnen immer mit dem entschuldigenden „leider“ und variieren zwischen „Festplatten-Crash“, „Systemproblemen“, ausgekippten Kaffeetassen und der unverschämten Behauptung, dass der zu liefernde Text längst bei mir gelandet sein müsse (was ganz selten stimmt). Studierende sind nicht sehr geübt darin, einen Text innerhalb kurzer Zeit zu schreiben, deshalb simulieren wir „Echtzeitbedingungen“. Mit fortlaufendem Semester grassiert die Grippewelle dann exorbitant unter dem akademischen Nachwuchs. Am liebsten sind mir die Ehrlichen: „Habe gestern eine Kinokarte geschenkt bekommen, die ich nicht verfallen lassen wollte und konnte deshalb nicht schreiben.“ Ulrike Baureithel

Blasenentzündung

Die Blasenentzündung (lateinisch Cystitis) ist meist mechanisch oder bakteriell verursacht. Aus anatomischen Gründen trifft sie vor allem sexuell aktive Frauen. Ich als Studienanfängerin (➝ Erstsemesterparty) war damals froh und wütend zugleich, als mein Urologe mit einem Augenzwinkern meinte: Erstsemester-Krankheit.

Es handelte sich ja gerade nicht um die Hypochondrie einer Medizinstudentin, die die Symptome gelernt hat und nun bei sich diagnostiziert. Dazu ist allein der Moment, der Erleichterung bringen soll, bei einer akuten Entzündung zu schmerzhaft. Ganz abgesehen davon: Was für eine Ungerechtigkeit, es sind mal wieder die Frauen, die die Schmerzen aushalten müssen. Ulrike Bewer

Ellenbogenossis

Laut einer Studie der Universitäten Magdeburg und Essen verhalten sich junge Ostdeutsche auch 20 Jahre nach dem Mauerfall weniger solidarisch als Westdeutsche. Ein ähnliches Ergebnis wurde bereits 1995 festgestellt. Allerdings handelte es sich bei der Untersuchung um eine Spielsituation, an der 144 Studierende teilnahmen. Jeder von ihnen konnte beim Würfeln Geld gewinnen. Zugleich mussten sie angeben, ob und wie viel sie im Falle eines Gewinns innerhalb einer Dreiergruppe an andere abgeben würden. Die Ostdeutschen lehnten dies ein Drittel häufiger ab. Ob Wessis die besseren Menschen sind, wollten die Forscher daraus aber nicht ableiten. TP

Erstsemesterparty

Neu an der Uni hat man das Gefühl auf einem fremden Planeten gelandet zu sein. Man quält sich durch Einführungsveranstaltungen, drückt sich in überfüllten Raucherecken herum und versackt gleich zu Semesterbeginn in muffigen Campus-Kneipen. Und das alles nur um soziale Kontakte zu knüpfen! Schlaue Menschen haben deshalb die Erstsemester-Party erfunden, die einzig und allein dazu dient in einer oft noch fremden Stadt Anschluss zu finden (➝ Blasenentzündung). Bier und billige Spirituosen, Party-Mucke-Mischung aus Rock, Indie und 80er, hie und da ein Joint und mit etwas Glück schafft man es, jemanden abzuschleppen. Den man dann spätestens am Montag in der Raucherecke wiedertrifft ... Sophia Hoffmann

Gebühren

Die Diskussion um die „Campus-Maut“ beschäftigt uns seit der Jahrtausendwende. So meinte etwa Die Zeit, angesichts der Höhe ihrer Telefonrechnungen könnten Studierende locker 500 Euro pro Semester entlöhnen. Allen Ernstes mit sozialer Gerechtigkeit und besserer Lehre begründet, kam die Studiengebühr alsbald in Misskredit, weil sie oft nicht in die Ausbildung floss. Gebäude wurden saniert, die Forschungsprojekte aufgepäppelt und fürs studentische Mütchen gab es einen Tischkicker. Mittlerweile scheint die Gebühr ein Auslaufmodell zu sein. Zuletzt hatte Baden-Württemberg angekündigt, sie abzuschaffen. Ab 2012 wird sie dann nur noch in Bayern und Niedersachsen fällig. Tobias Prüwer

Hochschulsport

Das Wort klingt so unsexy wie Allgemeiner Studierendenausschuss, AStA (➝ Verwaltung). Das finden auch viele Studierende, die beide Einrichtungen meiden wie der Langzeitstudent das Examen. Sie stehen für das Gegenteil von Spaß. Dabei geht das körperliche Ertüchtigungsangebot über Bauch, Beine, Po inzwischen weit hinaus. In Hochschulsportprogrammen der Unis in Bochum etwa finden sich recht ausgefallene Disziplinen: von Elektrorollstuhlhockey bis Trampolinturnen. Leider ist eine Disziplin aber auch Taschendiebstahl. Das ist wirklich unsexy. Mark Stöhr

Lebenslauf

Als Student nennt man sich gerne „Internationalist“. Symbolisiert das doch Humanismus und Verbundenheit mit der Linken. Mit der Globalisierung aber bekommt das Dasein als Kosmopolit einen ganz eigenen Spin: Denn das „Empire“ (Hardt/Negri) inkorporiert auch die Weltläufigkeit und benennt sie um in „Arbeitsmobilität“. Vielen Studierenden ist es mittlerweile egal, wo es hin geht – Hauptsache Ausland, schließlich gehört der Aufenthalt dort zum Standardrepertoire ­eines jeden Lebenslaufes. Nur wenige widerstehen diesem opportunen Lebens­lauf-Pimping: Sie bleiben zu Hause oder reisen in ein Land, der Kultur und Studieninhalte wegen. Lukas Ondreka

Mensa

Wenn ich einen Blick auf den Speiseplan werfen möchte, google ich den Namen meiner Mensa – und stoße jedes Mal auf einen Spiegel-Artikel: Sie musste einst geschlossen werden, weil es dort Kakerlaken und Ratten gab. Richtig Appetit macht das nicht. Doch deutsche Mensen sind besser als ihr Ruf, es gibt nicht mehr nur Stammessen und Eintopf, sondern Salatbars, vegetarische Gerichte, immer öfter auch mit Bio-Zertifikat. In Leipzig gab es sogar schon „Veggie-Tage“ – und prompt eine Petition dagegen („für selbstbestimmte Ernährung“). Jakob Rondthaler

Sprechstunde

E-Mails haben einen unschlagbaren Nutzen: Man erspart sich und seinem Dozenten die persönliche Begegnung in der Sprechstunde. Ein paar virtuelle Depeschen hin und zurück – fertig ist das Konzept für die Hausarbeit oder das Referat. Keine Warterei auf dem Uniflur freitags um fünf, keine verdrucksten Höflichkeitsgesten, keine Körpergerüche in engen Hochschulkabuffs. Doch eine bestimmte Spezies von Studierenden braucht offenbar weiterhin den direkten Kontakt. Es sind im Grunde die gleichen Leute, die schon vor der Erfindung des Internets die Sprechstunden belagerten und dem Lehrpersonal mit ihrem Besserwisser- und Sandalenträgertum das Wochenende vermiesten. MS

Studi-Sprech

Sie überlegen ein Grula zu organisieren, aber wissen nicht, ob Sie einen GruLei finden, weil der avisierte sich in einem GruLeiSe befinden könnte, falls doch nicht, dann wäre aber unklar, ob genügend Teilis zusammenkämen? Dann sind Sie Chefredakteur einer Schülerzeitung. Und werden später an der Uni als Jurastudent gemeinsam mit all den anderen Studis wieder eine Zeitung machen. Bevor Sie die Welt retten. Susanne Lang

Verwaltung

Wie in der großen Politik so spielt auch an der Uni die Frage der Repräsentation eine wichtige Rolle. Sollen die Fachschaften oder politische Gruppen das entscheidende Versammlungsgremium bilden? Der Allgemeine Studierendenausschuss setzt auf politische Vertretung, während der vor allem an ostdeutschen Unis waltende StudentInnenRat das basisdemokratischere Modell bildet. Hier wie dort bedeutet Selbstverwaltung vor allem eins: Marathonplenum und Endlosdiskussionen. Doch es lohnt sich, meinte schon Max Horkheimer: „Sie werden durch die alltäglichen Fragen, denen Sie dort tätig begegnen müssen, in einem entscheidenden Sinn tiefer fürs Allgemeine gebildet als in manchen anderen Sektoren des studentischen Lebens.“ TP

Witze

„Was war Jesus von Beruf? Student! Er wohnte mit 30 noch bei den Eltern, hatte lange Haare und wenn er etwas tat, war es ein Wunder.“ Ha, ha. Wirklich lustig war Humor dieser Sorte nie. Aber wenn die Großtante beim Kaffeekränzchen damit auftrumpfte, war unübersehbar, was hinter dem Frohsinn stand: Neid.

„Warum stehen Studenten schon um sechs Uhr auf? Weil um sieben der Supermarkt zumacht.“ Wer solche Scherze darbot, hatte nie die Freiheit eines selbst aufgestellten Studienplans genießen dürfen, nie jene Leichtigkeit erlebt, die sich einstellt, wenn im 17. Semester auch der letzte gute Grund verstrichen ist, sich doch noch zu beeilen. „Wie spät ist es?“, fragt ein Student. „Mittwoch“ antwortet ein anderer. Darauf der erste: „Sommer- oder Wintersemester?“ Den protestantischen Malocher-Geist, ohne den darüber niemand lacht, gibt es noch. Das Objekt der heimlichen Sehnsucht aber, den Langzeitstudierenden (➝ Abbrecher), hat die Bologna-Reform zum Aussterben verdammt. Wie traurig. Tom Strohschneider

ZVS

Zu der altehrwürdigen Institution gibt es nur eine wesentliche Frage: Gibt es die eigentlich noch? Ja, es gibt noch eine Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS). Nur heißt sie seit 2008 ein bisschen anders, nämlich: Stiftung für Hochschulzulassung (SfH). Seither weist sie nur noch Medizin- und Pharmaziestudierenden die Plätze an den Unis nach Bestabinote zu. Ab 1972, als die ZVS gegründet wurde, tat sie das für alle. SL

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18:00 15.09.2011
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Ausgabe 43/2021

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