Freitag-Redaktion
20.11.2011 | 11:00 2

Leben heißt sterben lernen

A-Z Tod Der Tod passt nicht in die Lebensplanung. Wie mit ihm heute umgegangen wird und welche Konventionen auch auf dem Prüfstand stehen, lesen Sie in unserem Lexikon der Woche

Abschaffung

„Die Idee, daß der Tod ‚zum Leben gehört‘ ist falsch.“ Kurz nach dem Tod seiner Frau Sophie im Jahr 1951 schrieb der Philosoph Herbert Marcuse diesen Satz an seine Freunde Max Horkheimer und Friedrich Pollock. Eine befreite Gesellschaft, die das Glück der Menschen zum Ziel habe, müsse den Tod abschaffen. In seinem Buch Trieb­struktur und Gesellschaft macht Marcuse deutlich, was er damit meint: Wenn das ➝ Leben nicht von Leid und entfremdeter Arbeit, sondern von der Erfüllung der Bedürfnisse geprägt sei, könne der Tod seinen Schrecken verlieren. Die Menschen müssten nicht mehr frühzeitig oder unter Schmerzen aus dem Leben scheiden.

„Nach einem erfüllten Leben könnten sie es auf sich nehmen, zu sterben – zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl.“ Wie immer man diese Utopie bewertet: Wer Angst vor dem Sterben hat, sollte sich für die Möglichkeit einsetzen, vorher ein gutes Leben zu führen. Hanning Voigts

Friedhofspreis

And the winner is: der Johannisfriedhof in Dresden. Er wurde kürzlich von einem Verbraucherportal für Bestattungen ausgezeichnet. Nicht weil dort besonders fromme Frauen und Männer begraben sind. Auch nicht, weil dort die Erde lockerer ist als anderswo und die Sünder somit schneller unter der Erde sind.

Die Jury, zu der auch Margot Käßmann gehörte, fand den Gottesacker schlicht „schön“. Sie fand auch einen mit Swarovski-Kristallen besetzten Hochglanz-Sarg „schön“, den die Angehörigen wohl schwer zu Lebzeiten abzahlen können, und gab ihm in der Sargkategorie den ersten Preis. Bei den Urnen gewann ein Keramikherz mit einer Seidenmanschette, an der sich Gegenstände oder Briefe an den Verstorbenen befestigen lassen. Die ist tatsächlich schön. Fragt sich nur, ob in den edlen Manufakturstücken, die so promotet werden, nicht sogar die Toten schlaflose Nächte haben. Mark Stöhr

Leben

Sterben passt oft nicht in die Lebensplanung. Der Tod stellt heute einen Bruch dar, er ist Angst einflößend, unbegreiflich. Das war mal anders, von Homer bis zum 19. Jahrhundert galt der Tod als erfüllender Bestandteil des Lebens, den man akzeptierte, als Mehrwert quasi. Fritz Roth, der sein Buch Das letzte Hemd ist bunt (Campus 2011) mit der Beschreibung „Enfant terrible der Bestattungsbranche“ verkauft, fordert darin nun eine Art Rückkehr zum früheren Umgang mit dem Tod: „Der Tod gehört ins Leben“ (s. aber auch ➝ Abschaffung). Roth baut auf den Abschied von den „Steinwüsten“ (➝ Friedhofspreis) und überkommenen Konventionen der ➝ Trauer, auf mehr individuelle Auseinandersetzung, statt auf ritualisierte Begräbnisfeiern. Etwas weniger geschäftstüchtig, schon weil er branchenfremd ist, klingt da freilich Rocko Schamoni, wenn er singt: „Leben heißt sterben lernen.“ Klaus Raab

Leben, ewig

Nach dem, was Religionen früher gelehrt haben, scheint es nur diese Alternative zu geben: Entweder man lebt nach dem Tod irgendwie weiter, sei’s im Himmel, im Hades, im Rad der Wiedergeburten; oder man wird so sehr „vernichtet“, dass das Leben nicht nur nicht weitergeht, sondern quasi nicht stattgefunden hat. So lässt Goethe seinen Mephisto sagen: „Da ists vorbei! Was ist daran zu lesen? Es ist so gut, als wär es nicht gewesen, Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.“ Das „vernichtete“ Leben scheint verschwunden zu sein – ist aber insofern da, als es eine Stelle im Zeitstrahl besetzt hält. Mehr brauchen neuere Theologen nicht, um weiter von der „Ewigkeit“ zu sprechen.

Franz Rosenzweig, der jüdische Religionsphilosoph, schreibt: „Ewiges Leben währt ja nur so lange, als überhaupt Leben währt.“ Und: „Dass jeder Augenblick der letzte sein kann, macht ihn ewig.“ Für Karl Barth, den evangelischen Theologen, ist das Leben daher eine „einmalige Gelegenheit“. Michael Jäger

Leichenrede

Was dem Professor die Antrittsrede, dem neuen Staatschef die Regierungserklärung, war dem antiken Politiker die Leichenrede. Mit ihr startete schon Julius Caesar seine politische Karriere. Doch erst die Lutheraner haben den Redeschwall in die strenge Form der Grabrede gepresst. Es ging nun nicht mehr um die Profilierung des Redners, sondern um die Laudatio für den Verstorbenen. Außerdem dienten sie, gesammelt und veröffentlicht, bis ins 18. Jahrhundert der Erbauung des sündigen Volkes.

Natürlich wird gerade beim ehrenden Gedenken eines Verstorbenen gelogen wie gedruckt, weshalb man sich, will man Authentisches über ihn erfahren, zum Leichenschmaus einfinden sollte. In manchen Regionen hat sich ein neuer Berufsstand herausgebildet: der Grabredner. In Berlin soll es ergraute Philosophiestudenten geben, die dabei keine schlechte Figur abgeben. Ulrike Baureithel

Liebe

Achtung, Eine-Million-Euro-Frage: Woran erkennt man die wahre, echte Liebe? Die Antwort ist einfach, leider nur nicht ganz so konstruktiv: Am Ende ist man selbst oder aber das geliebte Subjekt tot. Etabliert hat dieses Lebensmodell ein gewisser Werther, dessen narzisstische Subjektstörung den Beginn einer romantischen Ur-Erzählung markiert, die bis heute sowohl Unis als auch Frauenmagazine beschäftigt. Susanne Lang

Mode (Grab)

Es bleibt ja nie so, wie es ist. Auch auf dem Markt für die letzte Ruhe ist seit einiger Zeit mächtig Betrieb. Die Urnenwände und Friedwälder sind offensichtlich der Place-to-Be-Dead der Zukunft. Das herkömmliche Grab mit Stein? Vom Aussterben bedroht. Das hat mit Geld zu tun, aber auch mit Pflege. Die Angehörigen leben oft nicht mehr dort, wo Vater oder Mutter begraben liegen. Und die anderen sind immer weniger bereit, viel Arbeit in die Grabstätte zu stecken.

Die Steinmetze reagierten schon in den neunziger Jahren auf die Entwicklung. Sie nahmen pflegeleichte, rundum polierte Steine ins Sortiment, die keine Patina ansetzen. Nach der Politur kam der Preiskampf. Seit rund zehn Jahren diktiert Discountware aus Indien und China den Tarif. Doch den klassischen Grabstein als Leitsymbol der Gedenkkultur wird wohl auch das nicht mehr retten. MS

Musik

Ob der Gesang der Klageweiber oder das Requiem: Musik war und ist einElement des Abschiednehmens. Einer der bekanntesten Verstorbenenabschiede ist Mozarts „Requiem in d-Moll“.

Die Todesmusik gipfelt aber im Death Metal. Mitte der 1980er zum Label geworden, behandelt er den Tod mit rasanten Tempi, Drum-Stakkati, schreienden Gitarren, Grunz- und Kreischgesängen. Von Außenstehenden oft als Misanthropie oder Todessehnsucht missverstanden, zeigt sich auch in manchmal poserhaften Zügen der Hinweis auf die Sterblichkeit: Das Leben gilt es demnach auszuschöpfen (vgl. ➝Abschaffung). Tobias Prüwer

Orgasmus

Die französische Orgasmus­umschreibung La petite mort – der kleine Tod – bezieht sich auf den rauschhaften Zustand, der eine Ähnlichkeit mit Nahtoderfahrungen aufweisen kann, mit dem Gefühl, außerhalb des eigenen Körpers zu sein. La petite mort klingt charmanter als der deutsche Orgasmus(s), als der er noch in den siebziger Jahren verballhornt wurde. Damals ein Mysterium, versuchte ihm Shere Hite in einer großen Umfrage auf den Grund zu gehen – und stellte fest, dass sich ein Orgasmus für jede/n anders anfühlt. Obwohl Sex inzwischen alles Mysteriöse verloren hat, gelangt auch heute noch nur jede dritte Frau zum Orgasmus. Ernüchternd. Da helfen auch schöne Worte nichts. Jutta Zeise

Suizid

Selbstmord ist im Deutschen der gebräuchlichste Ausdruck für ein Tabu, das häufiger gebrochen wird, als Statistiken belegen. Der selbstbestimmte Mensch, der aus dem Recht auf das eigene Leben auch das Recht auf den selbstbestimmten Todeszeitpunkt ableitet, wählt wohl eher den Freitod.

Die Weltgesundheitsorganisation begegnet dem Suizid, jenseits dieser Betrachtungen, seit 2003 mit einem Welt-Suizid-Präventionstag (am 10. September). Etwa eine Million Tote durch Suizid weltweit, ohne Berücksichtigung der Suizidversuche, stellen, bürokratisch betrachtet, ein permanentes Risiko für die Gesundheit der Weltbevölkerung dar. Das persönliche Drama eines Menschen, der über Selbsttötung nachdenkt, ist aber kaum zu ermessen. Prävention erfordert eine stärkere Sensibilität gegenüber unseren Mitmenschen. Die Sensibilität, die ein Mensch längst verloren hat, wenn er sich das Leben nimmt. Ulrike Bewer

Terry Pratchett

Der Tod ist ein Charakter aus Terry Pratchetts Fantasy-Universum. Der Skelett-Sensenmann SPRICHT IMMER NUR IN VERSALIEN. Er liebt sein Pferd Binky, Katzen und Curryhuhn. Und er möchte die Menschen verstehen. Weil ihm das nicht gelingt, hat er depressive Züge. Und versteht nicht, warum man ihn in Rente schickt – was Unmengen von Problemen für die Verstorbenen aufwirft, die sich in einer Untoten-Selbsthilfegruppe organisieren müssen. Fazit: Die Welt gerät aus den Fugen, wenn sich nicht einer anständig ums Sterben kümmert. JAZ

Todesarten

Er gehört zu den oft ausgelegten Literaturfragmenten und entzieht sich bis heute der Enthüllung. Eigentlich als in Fortsetzungen konzipierte Vorarbeit gedacht, hat Ingeborg Bachmann mit dem Franza- und dem Fanny-Goldmann-Roman, der in Malina, der „Voraussetzung eines Romans“, mündete, einen Textkontinent hinterlassen, genannt Todesarten. „Denn die Tatsachen der Welt“, heißt es, „sie brauchen die Nichttatsachen, um von ihm aus erkannt zu werden“. Eine bemerkenswerte Erkenntnistheorie.

Dabei trieb die Heroine ganzer Studentinnengenerationen doch immer auch das um, was Frauen bisweilen richtig krank machen kann – die Liebesnot. Was heute Feuchtgebiete (➝Trauer), hieß früher Wenn Frauen zu sehr lieben. Bei Bachmann kam das aber poetischer daher: „Ich habe in Ivan gelebt und ich sterbe in Malina.“ uba

Trauer

„Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben,“ beschrieb die Dichterin Mascha Kaleko die Trauer. Man muss sich beim Verlust eines nahen Menschen vom gewohnten Alltag verabschieden. Die Psychologie unterteilt den Prozess der Trauer in Phasen (Schock-Kontrolle-Regression-Anpassung), doch lässt sich nichts pauschalisieren. Dauer und Methoden der Verarbeitung sind unterschiedlich.

Oft hilft künstlerisches Schaffen. Das kann durch einen Song sein wie Eric Claptons „Tears In Heaven“, das er für seinen verunglückten Sohn schrieb, oder literarisch wie Charlotte Roche in Schoßgebete, wo sie sich mit dem Tod der Brüder auseinandersetzt. Diese und weitere Beispiele zeigen: besser herausschreien als schlucken! Sophia Hoffmann

Zeremonie

Noch vor fünf Jahren wäre vielleicht mal ein Bürger in Uniform verunglückt, während er einen Brunnen in einem Land wie Afghanistan aufgebaut hätte. Heute sterben dort nicht nur offiziell deutsche Soldaten, nein, dieser Tod trifft den jeweils aktuell amtierenden Verteidigungsminister (in diesem Fall Thomas de Maizière, CDU) ebenso offiziell „tief ins Herz“. Kundgetan wird dieser Herzschmerz mittlerweile auf ritualisierten Feiern für Bundeswehr-Angehörige und sich zuständig fühlende PolitikerInnen, die sich um einen aufgebahrten Sarg, eingehüllt in eine Deutschlandflagge, versammeln. Um zu trauern. Um diese ➝ Trauer über ebenso anwesende Bildmedienvertreter für die Öffentlichkeit zu dokumentieren. Fast wie in diesen Filmen aus diesem Hollywood. SL

Kommentare (2)

Columbus 22.11.2011 | 17:22

Schön und klug, dieses A-Z.

Schon A ist so weise, sich auf "Eros and Civilization", so hieß das Buch in seinem englischen Original, zu besinnen. Tatsächlich ist nicht der Tod, sondern sind seine Umstände, also die Sterbensweisen, das Sterben, das individuelle und gesellschaftliche Problem.

Friedhöfe, vor allem wenn sie alt sind und es erlauben, von Generation zu Generation zu schreiten, sind schöne Orte. Frau Käßmann und Jury, aber wohl eher an Charts interessiert.

Am Rhein liegen sehr alte Friedhöfe in alten Weilern und alten Städten mit römischer Tradition. "Vergesst mich nicht", künden selbst noch umgestürzte und geschändete Grabsteine, solche die verwittern und solche die ins Pflaster der Kreuzgänge eingesenkt sind. Nach dem Sandstein kommt nur noch der Staub. Ein Stein drauf und das Gedächtnis der Lebenden funktioniert wieder besser.

Weiter so.

Christoph Leusch