Neue Bücher

A-Z Hausautoren Was waren die wichtigsten Ereignisse 2011? Diese 15 gehören dazu: Romane, Essays, Miniaturen oder Fotobände von Autoren aus dem Umfeld des "Freitag". Im Lexikon der Woche

Alphabet

Der Berliner Schriftsteller und Freitag-Autor Jochen Schmidt ist einer der größten Humoristen unserer Zeit. Das Spektrum reicht von der literarischen Transformation der Neurosenlehre (Meine wichtigsten Körperfunktionen) bis zum feinen Wortwitz. Sein neuestes Buch Dudenbrooks erhellt sich, wenn man den Titel erfasst: Eine Kombination aus Wörterbuch und Familienroman. 26 Geschichten von A-Z über 26 Personen, gestrickt auf der Grundlage von sieben Wörtern jeweils eines Anfangsbuchstabens, die sich im Abstand von maximal 40 Wörtern im Duden finden, bilden Miniaturen, die – wie in Johann Hebels Kalendergeschichten – Schwank, Anekdote und Parabel auf lakonisch verengtem Raum vereinen und das Absurde im Sinne Becketts sanft küssen. Oder ganz anders, jedenfalls aber mit Suspense: „Als Georg vom Einkaufen nach Hause kam, hing sein Gast am Galgen.“ Die wunderbaren Illustrationen der Zeichnerin Line Hoven, die an Holzschnitte erinnern, machen das Buch zum perfekten Weihnachtsgeschenk. Michael Angele

DudenbrooksJochen Schmidt und Line Hoven Jacoby und Stuart 2011, 64 S.

Blödmaschine

Georg Seeßlen, das sagt er selbst, schreibt im Grunde sein ganzes Leben schon an einem Text, dessen einzelne Kapitel, Abschweifungen und Randbemerkungen in verschiedenen Formen ausgegeben werden: auf seitengroßen Artikeln im Freitag. Oder eben in Büchern. Davon sind in diesem Jahr zwei erschienen. Gemeinsam mit Markus Metz hat Seeßlen in der edition suhrkamp den 780 Seiten starken Band Blödmaschinen veröffentlicht. Eine Blödmaschine kann alles Mögliche sein, ein Mensch, ein Medium, ein Diskurs, der durch die Dummheit, die er produziert, die politische Kultur bestimmt, in der wir leben: die Postdemokratie. Vom Postmenschen und seinen körperlichen Beziehungen handelt die kleine Schrift Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen?

Darin verfolgt Seeßlen den Körper durch seine Darstellungen in der Populärkultur und beantwortet so schöne Fragen wie: Sind romantische Vampire die besseren Liebhaber? Oder kann man noch Sex haben, wenn keine Kamera eingeschaltet ist? Matthias Dell

Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen? Sex-Fantasien in der Hightech-Welt I Sexual Politics 2 Georg Seeßlen Bertz+Fischer 2011, 156 S.

Blödmaschinen – Die Fabrikation der Stupidität Georg Seeßlen und Markus Metz edition suhrkamp 2011, 780 S.


Noch ein Buch über Berlin. Zum Glück? „Auf meinen Fotografien ist zu sehen, was dem Flaneur begegnet, der ja Zeit ausgerechnet dadurch zurückerobert, dass er sie verschwendet“, sagte der Fotograf Roger Melis über seine Bilder. David Wagner gelingt mit Welche Farbe hat Berlin die literarische Übersetzung dieses Ansinnens. Mit seinen Feuilletons, bis auf eines in den vergangenen sieben Jahren entstanden, gräbt Wagner auf seinem Weg durch die Stadt Bilder aus, die verschüttgegangen sind – im Kopf, unter Bauschutt, hinter verglasten Fassaden. Eine empfehlenswerte Lektüre als Erinnerung daran, dass vor nicht langer Zeit dort Gebrauchtwagen verkauft wurden, wo heute Townhouses stehen.

Manchem Neuberliner könnte der Band als Einführung in die Stadt dienen, weil man hier erfahren kann, dass die Geschichte Berlins, seiner Straßen, Häuser und Plätze älter und in den meisten Fällen spannender ist als die eigene Biografie. Zum Glück noch ein Buch über Berlin: Denn Wagner bleibt nicht in den bekannten Bezirken kleben, an denen sich Autoren und Journalisten sonst mehr oder weniger lesenswert abrackern. Er fährt auch mal bis Endstation, quasi nach „jwd“, janz weit draußen. Conrad Menzel

Welche Farbe hat Berlin David Wagner Verbrecher Verlag 2011, 215 S.

Frauenfrage

Jedem Menschen habe der Herrgott „einen Faden in die Hand gegeben, an dem er fortspinnen soll“, sagte Bettina von Arnim zu Fanny Lewald in den 1840er Jahren. „So muss mir für mein Theil wohl der Faden der fälschlich so genannten Frauenfrage zuertheilt worden sein.“ So nannte Lewald die „Herzenssache“, die stets Antrieb ihres Schreibens war – die Emanzipation der Frauen, der Juden und der jüdischen Frauen. Anlässlich des 200. Geburtstages dieser bedeutenden Romanschriftstellerin des 19. Jahrhunderts versammelt Christine Ujma in Fanny Lewald (1811-1889) Beiträge zu ihrem Schaffen, im Spannungsverhältnis von Weiblichkeit und Intellektualität. Neben ihren Beziehungen zu Heinrich Heine, George Sand und Therese von Bacheracht umgab sie sich auch mit jungen Männern wie Gottfried Keller und Theodor Fontane, mitunter zum Groll des „Establishments“. CM

Fanny Lewald (1811 – 1889) Christine Ujma Aisthesis Verlag 2011, 283 S.

Großstadt

Im Französischen heißt das, was wir unter der Neuen Sachlichkeit der zwanziger Jahre kennen, bezeichnenderweise ordre froid. Den abgedimmten, kühlen Gestus feierten Zeitgenossen als unerlässlichen Habitus im Großstadt-Dschungel. An diese inhaltliche und ästhetische Tradition knüpft die Berliner Autorin Annett Gröschner an. Schon in Moskauer Eis rief sie die Kältemetapher auf, die sie nun in ihrem neuen Roman Walpurgisnacht als Motiv – den von der Protagonistin in einer Gefriertruhe aufgefundenen Vater – wieder aufnimmt und zum Ausgangspunkt einer verzweigten, bizarren und figurenreichen Großstadtgeschichte macht, die nicht nur formal an Döblins Berlin Alexanderplatz erinnert.

Das an einem einzigen Tag im Jahre 2002 handelnde Asphaltdrama liest sich wie eine stadtethnologische Momentaufnahme Berlins in der Art, wie es Ivan Goll für seine Zeit beschrieb: „Ein direkter Uppercut auf die linke Schläfe. Oder ein blitzschneller Schlag in die Herzgegend. Rapides Bild.“ Ob es „die Seele berührt“, wie es Goll wünschte, hängt ein bisschen vom Temperament der Leser ab. Ulrike Baureithel

WalpurgistagAnnett Gröschner Deutsche Verlags-Anstalt 2011, 443 S.

Kommentar

Als „unvermeidliches Geisterbahn-Personal“ und „verbalradikale Schaumschläger“ beschrieb Rudolf Walther vor Wochen in einem taz-Kommentar Anhänger der NATO-Intervention in Libyen. Keine Frage, der Frankreich-Autor des Freitag ist gern polemisch und pflegt einen pointierten Stil, in dem sich spiegelt, was oft behauptet wird, aber nur noch selten zu haben ist: Eine Position oder auch Haltung, die sich feuilletonistisches Geplänkel versagt. Gerade eben hat Walther einen ersten Band seiner Essays, Porträts, politischen Kommentare, Glossen und Verrisse vorgelegt und mit dem Titel Aufgreifen, begreifen, angreifen bedacht. Zwei Bücher gleichen Zuschnitts sollen folgen. Ob die Texte aus vier Jahrzehnten Publizistik ein „roter Faden“ zusammenhält, überlässt der Autor dem Urteil des Lesers. Lutz Herden

Aufgreifen, begreifen, angreifen. Historische Essays, Porträts, politische Kommentare, Glossen, Verrisse Rudolf Walther M Verlags- und Vertriebsgemeinschaft 2011, 390 S.

Krise

Nachwuchs-Fotografen sind in der (wirtschaftlichen) Dauerkrise, aber sie ziehen los und erzählen Geschichten von Menschen an desolaten Orten wie Kabul oder Detroit. Bewegende Bildsprache und preisgekrönte Fotos kann man online und nun in einem Bildband sehen (s. Foto). ML

Junger Fotojournalismus und DokumentarfotografieKevin Mertens, Philipp Plum und Thomas Lobenwein (Hrsg.) emerge 011, 276 S., emerge-mag.com

Minimals

„Ich nenne meine Kurzprosa Minimals, weil ich nicht an Maximen glaube“, sagt Deniz Utlu über seine Miniaturen. Dabei handelt es sich um verdichtete Prosa, die sich zwischen den Formen Essay, Lyrik und Kurzgeschichte bewegt. Dieses Jahr sind in zwei Sammelwerken einige dieser Minimals veröffentlicht worden: In der Festschrift anlässlich der Verleihung des Ulrich-Beer-Förderpreises an Utlu mit dem Titel Der Kuckuck aus dem Uhrwerk und im viel besprochenen Manifest der Vielen, herausgegeben von Hilal Sezgin. Hier hat Utlu unter zumeist Sachtexten einen literarischen Beitrag veröffentlicht: Wo es um die Vielfalt Deutschlands geht, ist die Vielfalt der Form ein politisches Statement. MD

Prosa-Miniaturen im Manifest der Vielen, Deniz Utlu Blumenbar 2011, 240 S. und Der Kuckuck aus dem Uhrwerk Deniz Utlu Centaurus 2011, 84 S., sowie essayistische Beiträge zu dem kritischen Nachschlagewerk Wie Rassismus aus Wörtern spricht Unrast 2011

Sex sells

Auf dem Höhepunkt der Missbrauchsdebatte mischte sich der Sexualforscher Volkmar Sigusch mit provokanten Thesen im Freitag ein. Wer tiefer in die Auseinandersetzung um Pädophilie eindringen will, sollte sich das kleine Bändchen Sex tells, das Sigusch zusammen mit seinen ehemaligen Kombattanten Günter Amendt und Gunter Schmidt herausgegeben hat, nicht entgehen lassen. Dort finden sich einige Schlüsseltexte aus dem vor 30 Jahren von Hermann L. Gremliza angestoßenen Periodikum Sexualität konkret, die, in Spannung gebracht mit einigen neueren Texten, nicht nur ein aufklärendes Licht auf die gegenwärtige Missbrauchsdiskussion werfen, sondern auch auf das öffentliche Dauerpalaver über Sexualität, das Dylan-Fan Günter Amendt mit dessen Worten erklärt: „Mass communication killed it all. Oversimplification.“ uba

Sex tells. Sexualforschung als GesellschaftskritikGünter Amendt, Gunter Schmidt, Volkmar Sigusch KVV konkret 2011, 139 S.

Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit. Über Sexualforschung und Politik Volkmar Sigusch Campus 2011, 294 S.

Weltverbesserung

Weltverbesserer haben keinen guten Ruf. Wir nennen sie neuerdings Gutmenschen oder Wutbürger, denken dabei an übelgelaunte Spaßverderber, chronisch Unzufriedene, an Ewiggestrige, die um ein, zwei oder drei Revolutionen betrogen wurden. Im besten Fall haben wir es mit einem dieser hoffnungslosen Idealisten zu tun, die es sich gemütlich gemacht haben in ihrem Wolkenkuckucksheim. Meist sind es Linke, die zu dieser rückwärtsgewandten, oft depressiv veranlagten Spezies gehören. Menschen mit Humor, die sich dem Progressiven verschrieben haben, muss man suchen. Aber mindestens einen gibt es: Er heißt Robert Misik. Jörn Kabisch

Anleitung zur Weltverbesserung. Das können wir doch mit links Robert Misik Aufbau-Verlag 2011, 224 S.

Zelluloid

Simon Rothöhler hat ein akademisches Buch geschrieben, und das sympathischerweise so, wie er Texte für den Freitag schreibt: Die Klugheit des Gedankens soll sich an der Genauigkeit von Argumenten zeigen und nicht an einer Sprache, die Akademismus mit wichtigtuerischer Verquastheit verwechselt. Amateur der Weltgeschichte handelt, abstrakt gesagt, darüber, wie das Kino Geschichte schreiben kann, inwiefern die Lektüre der Werke etwa von Thomas Heise, Romuald Karmakar, Claude Lanzmann, Wang Bing oder James Benning konkrete Erkenntnisse verschafft. Ein wichtiger Aspekt bei dieser Betrachtung von Filmen der letzten zehn Jahre ist die Materialfrage – D wie Digital. MD

Amateur der Weltgeschichte. Historio­graphische Praktiken im Kino der GegenwartSimon Rothöhler diaphanes 2011, 256 S.

16:00 17.12.2011
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