Sein Name war Lohse

A-Z Loriot Er hat beide Teile Deutschlands zum Lachen gebracht. Er hat Knollennasenmänner wie Müller-Lüdenscheidt große Politik machen lassen. Vicco von Bülow wird uns fehlen

Adel
Man muss sich das kurz in Erinnerung rufen: Es gab in Deutschland eine Zeit, in der Adlige über sich selbst lachen konnten. In der sie nicht betonten, dass ihr Wille zur Leistung sich aus ihrer großartigen Abstammung speise, die sie Verantwortung für das Gemeinwohl lehre. Das war die Zeit, in der sich ein Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow Loriot nannte (die französische Bezeichnung des Bülowschen Wappentiers, eines Pirols) und die Menschen zum Lachen brachte, egal welchen Standes. Jan Pfaff

DDR

Wer an Karten kam, der lachte. 1987 gastierten Loriot und ➝ Evelyn Hamann im ausverkauften Palast der Republik. Es kam mit ihm nicht nur ein Spaßmacher in die Stadt, es kam die Welt. Die BRD. Loriot war der gute Westen. Er machte sich ja lustig über westdeutsche Spießbürger, aber er spürte, dass die Krämerseele auch im Ostler steckte (➝ Kritik).

Ein zweites Mal kam Loriot 1988 nach Ostberlin. Ödipussi, sein Muttersöhnchen-Film, hatte am 9. März gleichzeitig in Ost und West Premiere. Das hatte es seit 1947 nicht gegeben. „Ich sehe, dass 1.000 Menschen schon am frühen Nachmittag ihre Arbeit am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft unterbrochen haben. Dass mir das nicht einreißt!“, scherzte Loriot im Kino „International“ und der DDR-Vize-Kulturminister hörte zu. Die Junge Welt brachte eine handsignierte Sonderseite, und Loriot wurde auch in der DDR legendär. Bücher gab es nur unter der Hand, seine Zeichnungen stellte Loriot schon Mitte der achtziger Jahre in seiner Heimat aus. Nach dem Mauerfall besuchte er die Kapelle, in der er getauft wurde. Brandenburg an der Havel hat seinen Ehrenbürger verloren. Maxi Leinkauf

Hamann, Evelyn

Das nennt man wohl ein Charaktergesicht: Loriots kongeniale Partnerin, war in den meisten Sketchen Mund. Mit dem jedoch beherrschte sie tausend Ausdrücke. Alleine das ungläubige, peinlich berührte Staunen als Hildegard, die ihrem Verehrer mit der Nudel im Gesicht gegenübersitzt. Oder ihre Modulation des englischen „th“ als Fernsehansagerin. Selten setzte eine Schauspielerin so präzise und pointiert ihre Mimik ein. Ursprünglich suchte Loriot „eine blonde, pummelige Hausfrau“ als Sidekick. Als er Hamann sah, soll er gesagt haben: „Gut, dann eben nicht pummelig.“ Mark Stöhr

Humor

Die zuständigen Fachwissenschaftler tun sich schwer, wenn es darum geht, zu bestimmen, was Humor sei. Wie grenzt man ihn ab gegen Witz, Komik oder Esprit? Wie so oft, wird eine terminologische Debatte geführt, als wäre sie eine ontologische. Humor ist, was man als Humor definiert. Wahrscheinlich kann man sich darauf einigen, dass Humor etwas bezeichnet, was man besitzt und was einem erlaubt, etwas komisch zu finden, oder dass der Begriff genau das meint, was jemanden (der Humor hat!), zum Lachen bringt.

In der ersten Bedeutung sagt man von einem Menschen, er habe Humor, in der zweiten von einem Buch, es enthalte den besten Humor des vergangenen Jahrhunderts. Der spätere Staatspräsident Václav Havel schreibt in seinem Aufsatz „Anatomie des Gag“: „Eines der Grundthemen des Humors ist das falsche Pathos. Und eines der Grundprinzipien des Humors ist die Entpathetisierung.“ Und Sigmund Freud unterscheidet: Der Witz erspart Hemmungsaufwand, die Komik Vorstellungsaufwand und der Humor Gefühlsaufwand. Na bitte. Thomas Rothschild

Kritik

Es ist ein grandioses Missverständnis, zu behaupten, Loriots Späße seien unpolitisch. Bekanntlich ist ja auch das Private politisch. Und Loriots Kunst bestand gerade darin, private Alltagssituationen auf ihr humoristisches Potenzial (➝ Humor) abzuklopfen. Dabei verhandelte er en passant die wichtigen Gesellschaftsdebatten der vergangenen Jahrzehnte. Visionär etwa die Kritik an der Atomkraft in dem Sketch Weihnachten bei Hoppenstedts. Der Opa schenkt seinem Enkel den Modellbausatz „Wir bauen uns ein Atomkraftwerk“, der so realistisch ist, dass das Miniatur-AKW auch wirklich explodiert, als der Brennstab falsch eingeführt wird.

Die Herren in der Badewanne (➝ Müller-Lüdenscheidt) tragen den Streit um Inklusion und Exklusion von Minderheiten aus („Die Ente bleibt draußen“ – „Ich bade immer mit dieser Ente“) und in Pappa ante Portas widmete sich Loriot dem Problem der Frühverrentung sowie dem ungebremsten Wachstumsglauben der Wirtschaft (Statt einem Glas Senf kauft Herr Lohse lieber 150). In unzähligen Variationen aber widmete sich Loriot der Geschlechterfrage: „Männer sind – und Frauen auch ...“ Viel weiter sind wir seitdem auch nicht gekommen. jap

Leben

Geboren am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel; gestorben am 22. August 2011 in Ammerland am Starnberger See. Sohn des Polizeimajors Johann-Albrecht von Bülow. Aufgewachsen bei Großmutter und Urgroßmutter in Berlin. Zunächst Offizierslaufbahn, drei Jahre im Einsatz an der Ostfront, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz zweiter und erster Klasse. 1946 Abitur. 1947 bis 1949 Studium der Malerei und Grafik an der Kunstakademie in Hamburg, Abschluss als Werbegrafiker. Cartoonist für Die Straße und Stern. 1954 Veröffentlichung seines erster Cartoonbands. Ab 1967 Fernsehauftritte.

Ausgezeichnet mit fast allen bedeutenden Preisen: von Adolf-Grimme-Preis über Ernst-Lubitsch-Preis bis hin zum Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Ehrenmitglied des Rats für deutsche Rechtschreibung aus Protest gegen die Reform. Susanne Lang

Mops

Zu vielen Tieren hatte Loriot ein besonderes Verhältnis (➝ Steinlaus), zu Möpsen aber ein ganz besonderes. „Möpse sind mit Hunden nicht zu vergleichen. Sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen“, schrieb er in seinem Buch mit dem programmatischen Titel Möpse und Menschen.

Schuld an Loriots Mops-Liebe soll seine Frau gewesen sein: Sie hatte einst in einem Wohnmobil in Starnberg 25 Möpse entdeckt, einen von ihnen nahm das Ehepaar bei sich auf und so kam Loriot auf den Mops. In seinen TV-Sendungen schickte er Möpse dann überall hin, an den Nordpol und – besonders großartig – als deutsche Astronauten namens Meyer und Pöhlmann auf den Mond. Seine jahrzehntelange Beschäftigung mit der Hunderasse brachte Loriot schließlich zu der tiefen Einsicht: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“ jap

Müller-Lüdenscheidt

Kein Doktortitelträger der Welt könnte mit solch einer unbeschreiblichen Leichtigkeit sowie Stilsicherheit eine so gute Figur machen wie der große Müller-Lüdenscheidt, als er mit einer Bestimmtheit wie sie nur ein echter Nichtdoktortitelträger sein eigen nennen kann, in jener Badewanne aus Hotelzimmer 107 sitzt und seinem Wannenmitbenutzer Herrn Dr. Klöber zeigt, wer hierzulande die Diskurshoheit hat: „Die Ente bleibt draußen!“ Sagt Knollennasenmann Müller-Lüdenscheidt. „Nicht mit mir!“ Sagt er. „Wenn Sie die Ente hereinlassen, lasse ich das Wasser hinaus.“ Sagt er. Und als das alles nichts hilft: „Akademiker wollen Sie sein?“ Doch, man darf sich Herren im Bad als zeitlose deutsche Männerstudie vorstellen. SL

Probeliegen

Gibt es unwürdigere Situationen, als beim Bettenkauf vor den Augen des Verkäufers den Schlaf zu simulieren? Probeliegen ist ein schlimmer Einbruch des Öffentlichen ins Private (➝ Kritik). Dazu kommt: Man sieht immer schlecht aus, optisch mit verrutschen Kleidern und zerwühlten Haaren, aber auch inhaltlich. Dennoch sieht man immer noch Leute, die das machen.

Obwohl Loriot bereits vor 30 Jahren in seinem Sketch Der Bettenkauf einen Verkäufer auf zwei arglose Pärchen losgelassen hatte, die nur eines wollten: ein Bett: „Ruhen die Herrschaften in klassischer Doppelbett-Position oder ist die Schlafposition über Eck gestaltet?“ Er faselte etwas von „imprägnierter Halbzwirnware“ und „Federmuffen“, einzeln aufgehängt und kreuzweise verspannt“ – bis die jeweiligen Partnerinnen tatsächlich tief und fest schliefen. MS

Steinlaus, die gemeine

(Eintrag im medizinischen Wörterbuch Pschyrembel, Auflage 255): f: syn. Petrophaga lorioti; zur Familie der Lapivoren gehöriges einheimisches Nagetier (o-> 0,2-0,3 mm; o+ 0,3-0,4 mm, gravide 0+ etwas größer), dessen Existenz erst in jüngster Zeit (1983) dokumentiert werden konnte (s. Abb.). Während die gemeine St. nur selten beobachtet wird. sind einzelne humanpathogene Vertreter der Gattung von zunehmendem med. lnteresse: Nieren-St. (P. nephrotica), Blasen-St. (P. vesicae), Gallen-St. (P. cholerica), neuerdings auch Speichel-St. (P. salivatoria). deren (ätiologische?) Rolle bei Uro-, Chole- und Sialolithiasis noch der Klärung bedarf. Ein therap. Einsatz der St. kommt nach heutigem Wissen eher nicht in Frage; vgl. Chemolitholyse. Lithotripsie.

Wum und Wendelin

Der große Preis, die ZDF-Quizshow in den Siebzigern, war nichts für Kinder. Die Kandidaten waren Spezialisten auf völlig unverständlichen Wissensgebieten und an Wim Thoelke, dem Moderator, war nur der Vorname lustig. Trotzdem klebten wir vor dem Fernseher. Denn es gab im letzten Drittel der Sendung einen geradezu magischen Moment: Zwei Zeichentrickfiguren, ein Hund und ein Elefant, riefen „Thöööölke“ und unterhielten sich mit dem Moderator, als seien sie live und in Farbe im Studio. Eine Sensation für uns Kinder, jedes Mal wieder. Dass Wum und Wendelin keine Zauberei waren, sondern die frühen Protagonisten (➝ Müller-Lüdenscheidt) der damals noch wahnsinnig komplizierten Bluescreen-Technik, weiß man heute. Später kam noch der blaue Klaus dazu, ein Außerirdischer, der mit seiner Untertasse immer ins Bild flog, jedoch sonst nichts weiter konnte. Wenn Wum und Wendelin hingegen ihr Ohr und ihren Rüssel verknoteten, wusste man damals: Jetzt ist es Zeit fürs Bett. MS

Zitate

„Hildegard, bitte sagen Sie jetzt nichts.“ (Die Nudel) – „Es bläst und saugt der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.“ (Vertreterbesuch bei Hoppenstedts) – „Dass die Alpen einen ganz erbärmlichen Anblick bieten, wenn man sich die Berge einmal wegdenkt?“ (Wussten Sie schon?) – „Dass alle deutschen Goldhamster aneinandergereiht von der Erde bis zum Mond reichen würden, wenn sie nur nicht so dumm wären.“ (Wussten Sie schon?) – „Dann hab ich nach zwei Jahren Jodelschule mein Jodeldiplom. Da hab ich was in der Hand. Und ich habe als Frau das Gefühl, dass ich auf eigenen Füßen stehe.“ (Die Jodelschule) – „Ich heiße Erwin – und im Herbst eröffnet dann der Papst mit meiner Tochter eine Herrenboutique in Wuppertal.“ (Der Lottogewinner) – „Schau mal Dickie, wir bauen uns ein Atomkraftwerk.“ (Weihnachten bei den Hoppenstedts) – „Herr Otto Mol fühlt sich unwohl am Pol ohne Atomstrom.“ (Bello [Der sprechende Hund]) – „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein.“ (Pappa ante portas) MS

Lesen Sie hier einen Freitag- Nachruf auf Vicco von Bülow

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11:45 24.08.2011
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Ausgabe 39/2020

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